DRA Newsletter September 2015


Liebe Leserinnen und Leser des DRA-Newsletters,

hiermit informieren wir Sie über die internationale Projektarbeit sowie aktuelle Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Ausschreibungen des DRA/Berlin (www.austausch.org) sowie in einer Auswahl über die Aktivitäten unserer Partnerorganisation DRA/St. Petersburg (www.obmen.org)

Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende oder Fördermitgliedschaft! Der Verein finanziert sich ausschließlich durch projektgebundene Zuwendungen, Mitgliedsbeiträge und private Spenden. Ohne Ihre Unterstützung ist unsere Arbeit unmöglich. Herzlichen Dank!    

Jetzt spenden!

Besuchen Sie den DRA auf Facebook: facebook.de/DRAberlin


Inhalt

1) Kommentar zum Ukraine-Gipfel und Tag des Flüchtlings: Rechtsprinzipien nicht aufgeben – Pakt mit Assad und Putin in Syrien kann neue Gewalt und Flüchtlingsströme erzeugen

Mit dem Zustrom von Flüchtlingen in die EU wächst einerseits das Engagement für die Verbesserung ihrer Situation, andererseits aber auch die Furcht vor Überlastung und interkulturellen Konflikten. Bei vielen Politikern hat das ernüchternd schnell Dämme brechen lassen, die nicht brechen dürfen: Sie erwägen es, zumindest zeitweilig einen Pakt mit einem Diktator wie dem syrischen Präsidenten Assad einzugehen. Und immer mehr meinen, der russische Präsident Putin solle nun – da er sich in Syrien militärische Positionen verschafft hat – bei der Bewertung seines gewaltsamen Vorgehens in der Ukraine und autoritären Innenpolitik auf Nachlass rechnen können. Doch solch ein Verlust an Rechtsgrundsätzen würde nicht nur die ukrainische, sondern auch die russische Gesellschaft beschädigen – und die der EU und Deutschlands. Beim heutigen Ukraine-Gipfel in Paris gilt es daher klar zu zeigen, dass auch der aus der Zuwanderung entstehende Druck nicht dafür genutzt werden kann, um Gesellschaft und Politik in der EU und Deutschland zur Aufgabe unabdingbarer Prinzipien zu treiben. Zugleich reicht die aktuelle Aufgabe weit darüber hinaus: Der verständnisvolle Empfang vieler Menschen für die Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan, dem Maghreb und vom Balkan gründet auch auf dem Schuldeingeständnis, das in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig Platz hat – das Schuldeingeständnis für eine seit Jahrzehnten Beelzebub-artige Außenpolitik vieler demokratischer Regierungen, die im Namen des Guten Verbrechen zulassen. Namentlich in den USA haben die Eliten aus dem Reputations- und Machtgewinn nach dem Sieg gegen die Faschisten 1945 eine unbefristete Befugnis abgeleitet, weltweit affirmative Regierungen zu erzwingen, und immer wieder opferten sie dabei das grundlegendste Menschenrecht, das auf Leben, dem realen oder vorgeblichen Schutz anderer Rechte. Diesbezügliche Beschwerden der russischen Führung sind insoweit nicht falsch. Doch setzt diese Führung unter Putin – zu erleben in der Ukraine wie in Syrien – bloß selbst das gewaltsame Ringen um Einflusssphären fort, anstatt durch den Einsatz für veränderte Diskurse und Koalitionen den Menschenrechten und ethischem Verhalten mehr Gewicht zu geben. Das jäh wiedererstarkte Interesse der EU an einer Befriedung in Syrien droht daher in einen illusorischen Deal mit Zynikern in Syrien und Russland zu münden, der zudem das Risiko von neuer Gewalt in Syrien und neuen Flüchtlingsströmen wohl nur erhöht. Politik und Öffentlichkeit in der EU müssen zu den völkerrechtlichen Grundlagen stehen. Dazu gehört, dass die Ukraine weiter unterstützt wird. Dazu gehört, dass politisch Verfolgte – nicht zuletzt aus Russland – weiterhin Unterstützung und im Bedarfsfall schnell Asyl finden. Dazu gehört, dass die Einstellung und Aufarbeitung der eigenen Rechtsbrüche in der Außenpolitik und den Geheimdiensten (inklusive NSA und BND) durchgesetzt wird – von der Politik, den Medien, der Zivilgesellschaft. Da gewaltsame Interventionen zur Durchsetzung von Menschenrechten fast nie akzeptabel und erst recht fast nie erfolgreich sind, müssen alle anderen Wege zur Stärkung dieser Rechte aktiv genutzt werden. Die Zuwanderung der Flüchtlinge hat zahlreiche eng miteinander verknüpfte Erfordernisse in Europa mit neuer Deutlichkeit sichtbar gemacht. Jetzt beginnt das schwierige Tagewerk zu ihrer Bewältigung. Für einen gerechten Umgang damit war die Überzeugung hilfreich, dass Beistand nötig ist und „Überfremdungs“-Tiraden die Folgeprobleme von Immigration nur vergrößern. Diese insgesamt gut situierte Gesellschaft von 83 Millionen Einheimischen – darunter zig, die erst nach 1945 hinzukamen – kann durchaus noch eine Million Menschen mehr beherbergen, ohne in Not zu geraten. Doch müssen dabei auch die immateriellen Güter dieser Gesellschaft – Meinungsfreiheit, Demokratie, rechtsstaatliche Institutionen, Freizügigkeit, hohe Bildungs- und Sozialstandards, weithin gewaltfreie und interkulturell tolerante Praxis etc. – gut gehütet werden. All dies erfordert ein komplexes Verständnis von Integration: durch die Weiterentwicklung der alten wie neuen Bevölkerung, die harte wie kreative Arbeit aller, durch emphatische, dabei nüchterne Politik, durch die helfenden Hände und kritische Teilnahme der Bürger, durch eine sensible, aber prinzipientreue Wahrung der Rechte aller.

2) „Eine noch junge Demokratie“: Ein Essay von Tim Bohse (DRA) über den schwierigen Weg zur Einheit der deutschen Staaten seit der Vereinigung am 3. Oktober 1990

Wer in anderen Ländern Europas kann sich vorstellen, wie sich die deutsche Einheit von innen anfühlte? Tim Bohse, Projektleiter des DRA, hat in einem kurzen Essay für den Newsletter des EU-Russia Civil Society Forums anlässlich des 25. Jahrestages der deutschen Vereinigung – die rechtlich, aber für viele auch emotional ein Beitritt der DDR zur Bundesrepublik war – aufgeschrieben, welche Ernüchterungen und Schwierigkeiten seither durchschritten worden sind, aber auch welche Erfolge. Seine These ist: Deutschland ist noch immer eine junge Demokratie, ist nach 25 Jahren noch immer dabei, die eigenen Grundlagen zu finden und zu befestigen. Und ist dabei auch aufgerufen, die europäischen Nachbarn immer im Blick zu behalten, gerade weil die eigene große Bevölkerungszahl der Bundesrepublik ein zusätzliches Gewicht verschafft. Und weiterhin fehlt es in Ostdeutschland an einer hinreichend starken Zivilgesellschaft und kritischen Selbstreflexion über die Geschichte der eigenen Stadt oder der eigenen Familie. Den Beitrag von Tim Bohse finden Sie auf Deutsch hier.

3) Jetzt anmelden: Renommierte ExpertInnen bei der 20. Konferenz „Deutsch-Russische Herbstgespräche“ zum Thema „Europa in der Zerreißprobe“ am 20./21. November in Berlin

Renommierte Politologen wie Prof. Hans-Henning Schröder und Dr. Sabine Fischer aus Berlin, Georgij Bowt aus Moskau und Oleksandr Suschko aus Kiew haben ihre Teilnahme als ReferentInnen der „20. Deutsch-Russischen Herbstgespräche“ am 20./21. November zugesagt. Erwartet werden auch die durch ihre Bücher über Putin und Chodorkovskij international bekannte, derzeit in Paris lebende russische Journalistin Natalia Geworkian und Prof. Vladimir Kantor von der Moskauer Higher School of Economics. Auf der Konferenz unter dem Titel „Wieder unerwünscht? Europa in der Zerreißprobe" sollen Ansätze zur Lösung der gegenwärtigen außenpolitischen Krise und wechselseitige Wahrnehmungen der russischen und (west)europäischen Gesellschaften diskutiert werden. Welche Zukunftsbilder von Europa existieren in den Ländern zurzeit? Worin könnten gemeinsame integrative Modelle liegen und wie enge nationalistische Konzepte vermieden werden? Welche Aufgaben stehen dabei vor den Zivilgesellschaften? Die Konferenz beginnt am Freitag, 20. November, 13.30 Uhr und endet am Samstag, den 21. November, um 10 Uhr. Ort: Französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt in Berlin. Für die Konferenzgäste gibt es am Freitagabend einen Jubiläumsempfang. Unterstützt werden die „Herbstgespräche“ auch in diesem Jahr von der Heinrich-Böll-Stiftung, der ZEIT-Stiftung und der Bundeszentrale für Politische Bildung.

4) Erinnerung: Sa, 3. Oktober., 16 (!) Uhr, Willy-Brandt-Haus Berlin: Podiumsdiskussion zu Perspektiven aus Osteuropa auf die Transformation der 90er Jahre – DRA und Perspektive3 laden ein

„Gleich und sehr verschieden“ – so verliefen die Veränderungen in den einst sozialistischen Ländern in Ost- und Mitteleuropa. Aus Anlass des 25. Jahrestages der deutschen Vereinigung gehen der DRA und Perspektive3 e.V. in einer multilateralen Debatte der Frage nach: War der Ausgangspunkt dieser Länder und Gesellschaften tatsächlich gleich? Warum verliefen ihre weiteren Wege so verschieden? „Same but very different. My story of change in the 90s - Eastern European Perspectives“ heißt die Veranstaltung am Samstag, den 3. Oktober 2015, ab 16 Uhr im Willy-Brandt-Haus Berlin, Wilhelmstraße 140, 10963 Berlin. NGO-Vertreterinnen aus der Ukraine, Russland, Bulgarien und Deutschland sprechen über ihre jeweiligen Wahrnehmungen der 90er Jahre - Olena Pravylo vom "Congress of Culture Activists", Kiew, Polina Filippova (Sacharov-Center Moskau), Louisa Slavkova (Sofia Platform, Sofia), Christine Wetzel (Vorstandsmitglied DRA, Berlin) und Mandy Schultze (Perspektive3, Berlin). Sie starteten im Mai das Projekt „Mapping a Generation“ unter Koordination des DRA, mit dem diese Epoche gemeinsam aufgearbeitet werden soll. Der Eintritt zur Diskussion ist frei, eine Anmeldung nicht erforderlich, bitte bringen Sie aber Ausweis oder Pass mit. Information bei Facebook. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Ausstellung „DER DRITTE BLICK – Fotografische Positionen einer Umbruchsgeneration“ statt (bis 7. Nov. 2015)

5)Bis 15. Oktober Anmeldung zur General Assembly des EU-Russia-Civil Society Forums (CSF) in Budapest – für NGOs, Experten, Journalisten und andere Interessierte

Zur Jahreskonferenz (General Assembly) des EU-Russia-Civil Society Forums (CSF) sind NGOs und andere Bürgerorganisationen, aber auch Experten, Journalisten, Parlamentarier und sonstige Vertreter der Öffentlichkeit aus Russland, der EU und weiteren europäischen Ländern herzlich willkommen. Anmeldungen sind bis Donnerstag, den 15. Oktober, möglich. Beschränkungen gibt es jedoch durch die begrenzte Verfügbarkeit von Plätzen. Stimmberechtigt sind nur CSF-Mitgliedsorganisationen, ihnen wird auch ein Teil der Kosten erstattet. Auf dem Programm stehen Debatten zu gemeinsamen Herausforderungen der russischen und EU-Zivilgesellschaft(en), zu Korruption, der EU-Entwicklung - auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingszuwanderung - , der Verfolgung der russischen Zivilgesellschaft und Möglichkeiten, sich solidarisch zu erweisen, ähnlichen Problemen im Gastland Ungarn etc. Auch wird die Umsetzung der CSF-Pläne und -Strategie bis 2018 beraten, es werden die mittlerweile sieben Arbeitsgruppen (Working groups, WG) tagen und komprimiert Rückschau gehalten auf die Aktivitäten des Forums 2014/15. Neue interessierte Organisationen sind außerdem eingeladen, sich schon in der Vorbereitungsphase für die WGs zu engagieren und Vorschläge einzubringen. Mehr Informationen siehe auf der Website des EU-Russia-CSF. Träger des Sekretariats des CSF ist noch bis 2018 der DRA. Das Forum wird von der EU, den Außenministerien der Niederlande und Deutschlands sowie weiteren Förderern unterstützt.

6) OSZE-Konferenz in Warschau: EU-Russia-Civil Society Forum informiert über Lage der russischen NGOs – Stefan Melle (DRA) spricht über Position der europäischen Partner

Noch bis zum 2. Oktober läuft in Warschau die Konferenz zur „Umsetzung der Menschlichen Dimension“ der OSZE. Am 22. September organisierten dort das EU-Russia-Civil Society Forum (CSF) und die Plattform für zivilgesellschaftliche Solidarität SCP,  unter dem Titel „Crackdown of the Russian Civil Society“ eine Veranstaltung über die fortgesetzten Repressionen gegen russische NGOs und ihre Partner. Nachdem Natalia Taubina (Public Verdict Foundation, Moskau) die aktuelle Lage umrissen hatte –über 90 NGOs sind bereits als „Agenten" zwangsregistriert, praktisch jede Woche wird eine NGO zu Strafzahlungen verurteilt –, erläuterte Stefan Melle, Geschäftsführer des DRA Berlin, wozu das aus Sicht der europäischen Partner führt: zur Erschwerung und allmählichen Zerstörung internationaler nichtstaatlicher Kooperation, obwohl die im 21. Jahrhundert selbstverständlich sein sollte. Hinzu träten die Risiken der Selbstisolation und verlangsamten Entwicklung für Russland sowie die Emigration russischer Aktivisten und NGOs. Ein „gemeinsamer Raum von Lissabon bis Wladiwostok“, wie die russische Regierung ihn regelmäßig als Ziel proklamiert, müsse alle anderen Länder Europas gleichberechtigt mit einschließen. Der 25. Jahrestag der deutschen Vereinigung erinnere auch daran, dass das „Gemeinsame Europäische Haus“ damals schon näher gewesen sei. Konstantin Baranov (Youth Human Rights Movement /YHRM, Voronesh) schilderte, wie absurd die Gerichtsverfahren gegen die russischen NGOs teilweise verlaufen und wie die Anti-NGO-Gesetze die Transparenz von deren Tätigkeit unterminieren – sie zwingen sie dazu, oft die normalsten Aspekte ihrer Arbeit zu verbergen, weil die zum Anlass von Verfolgung werden könnten. Andrey Yurov, Leiter von YHRM und der „Krim-Feldmission für Menschenrechte“ (CHRFM, beschrieb, wie dieses kleine Netzwerk von Menschenrechtlern, das er als russischer Staatsbürger koordiniere, auf die berüchtigte „Patriotische Stop-List“ kam, in der der russische Föderationsrat im Juni die für ihn „Unerwünschten ausländischen Organisationen“ aufzählte und an die Generalstaatsanwaltschaft zur Prüfung sandte. Weil ein Vertreter des russischen Außenministeriums einwarf, mit dem FARA-Gesetz habe auch die USA ein „Agenten-Register“ – und zwar schon seit 1938 –, machte Yurov klar, worin er den signifikanten Unterschied sieht: „FARA verleiht eher zusätzliche Rechte – wer sich registriert, kann völlig legal direkt im Parlament Lobbyismus betreiben. Die Eintragung im russischen Agenten-Register nimmt dagegen den betroffenen NGOs noch ihre elementarsten Rechte.“ Fotos zu der Veranstaltung gibt es auf der DRA-Facebookseite.

7) Rechtsdialog von NGOs aus Russland und der EU: Arbeitsformate und Projektideen in Berlin diskutiert

Zu einem weiteren Arbeitstreffen im Projekt EU-Russia-Legal Dialogue (Rechtsdialog) kamen am 11./12. September in Berlin NGO-VertreterInnen aus Russland, Italien, Ungarn, Deutschland und der Slowakei zusammen. Im Mittelpunkt stand die Konzeption eines zweisprachigen Sammelbandes (engl./russ.), der im Dezember bei der General Assembly des EU-Russia-Civil Society Forums (CSF) in Budapest vorgestellt werden soll. Die Publikation soll vor allem zeigen, welche Potentiale eine an juristischen Fragen orientierte Kooperation von NGOs bei Themen wie zivilgesellschaftliche Kontrolle von Sozialeinrichtungen und Haftanstalten, Umweltrecht, Frauenrechte, Transparenzregeln für Lobbyisten oder beim Monitoring von Arbeitsbedingungen für NGOs haben kann. Die Redakteurin Natalia Golysheva (London) organisierte zudem ein Praxisseminar zum „Schreiben über juristische Sachfragen“. Die TeilnehmerInnen berieten außerdem künftige Themen und Formate des Projekts „Rechtsdialog“. Neu in der Gruppe waren u.a. der Deutsche Juristinnenbund, das Unabhängige Institut für Umweltfragen (UfU), Transparency International Deutschland, die Fachhochschule Fulda und die Klimaschutz-NGO Germanwatch. Vorschläge, Kommentare für Kooperationen in diesem Bereich können auch von außen zugesandt werden an die Koordinatorin Polina Baigarova.

8) Uljanowsk (Wolgakreis): EU Study Week diskutierte Ende August die Sanktionen – Erfahrungen aus Politik, Wirtschaft, Medien und NGOs

Vom 27.-29. August fand in Uljanowsk an der Wolga die dritte EU-Study-Week des Programmjahres 2015 statt. Zentrales Thema für die 30 Studierenden und DoktorandInnen aus dem Föderalen Wolga-Kreis (Samara, Perm, Saratov, Uljanowsk, Yoshkar Ola u.a.) war diesmal, wie die gegenseitigen Sanktionen von EU und Russland die Politik, Wirtschaft sowie den Alltag der BürgerInnen beeinflussen. Zur Sprache kamen viele Aspekte – denn die ReferentInnen von beiden Seiten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, NGOs, eine Absolventin des Erasmus Mundus-Programms und auch ein deutscher Manager einer mexikanischen Holding, der derzeit in Uljanovsk eine Produktionsstätte errichtet, vertraten sehr unterschiedliche Auffassungen. Auch die StudentInnen trugen dazu umfangreich bei. Und obwohl das Seminar nicht darauf zielt, wissenschaftlich zu sein, nahmen sie immer wieder Anleihe bei Philosophen und Soziologen, bei Habermas, Pierre Bourdieu, Slavoj Zizek, Vladimir Gelman und anderen. Zahlreiche Fotos auf Facebook vermitteln einen Eindruck davon. Die nächste EU-Study Week, die vom DRA Berlin und St. Petersburg seit 2013 im Auftrag der EU-Delegation Moskau veranstaltet werden, findet diese Woche vom 2.-4. Oktober in Wladiwostok und damit erstmals in Fernost statt. Mehr Informationen siehe www.eu-studyweeks.ru und auf Facebook.

9) Wie funktionieren Jugendzentren, Studentenräte und Jugendwahlprojekte? Ukrainische NGOs waren auf Einladung des DRA zu Bildungsreise in Berlin

Vom 21.-27. September waren 21 MitarbeiterInnen ukrainischer NGOs aus den Bereichen  Jugendpolitik und Jugendbeteiligung zu einer Bildungsreise in Berlin. Diese arbeiten mit Kindern und Jugendlichen in Jugendzentren, Schulen und Universitäten. Die Bildungsreise war Teil des Projektes „Mehr bewegen! – Stärkung der Demokratie in der Ukraine durch Förderung einer zivilgesellschaftlichen politischen Jugendbildung“, das der DRA e.V. und sein Partner in Kiew, die „Agentur für Entwicklung der Bildungspolitik“, bis Jahresende organisieren. Thematisch lag der Akzent der Gruppe auf einer handlungsorientierten Jugendbeteiligung. Während die Referentin Sandra Hildebrandt von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft ihnen Anliegen, Strukturen und Finanzierung der Berliner Jugendpolitik erläuterte, boten das Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf, das Jugendfreizeithaus Mariendorf und die JFH Bungalow Einblicke in die Arbeit von Jugendzentren und Beteiligungsprojekten. Auf besonderes Interesse stießen das Jugendwahlprojekt „U18“ sowie dessen Wirkung, da es den Berliner Trägern zufolge geholfen habe, die Erstwähler-Zahl unter Jugendlichen zu erhöhen und rechtsradikale Tendenzen bei ihnen zu mindern. In der Landeskoordinierungsstelle für die Beteiligung junger Menschen „Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik Berlin“ wurden Grundzüge der U18-Jugendwahlprojekte vorgestellt. Bei den Berliner Jusos berichtete deren Vize-Vorsitzender Felix Bethmann über die Arbeit, die Finanzierung und Rolle dieser SPD-Jugendorganisation, Marie Dücka vom Freien Zusammenschluss der Studentinnenschaften und Sandra Heidbrecht von der Uni Potsdam schilderten die Tätigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten von Studentenräten. Die Gäste fragten nicht zuletzt, wie in den Räten die Beteiligung und Entscheidungsfindung funktionieren und wie sie mit Fällen von Korruption und Plagiat umgehen. Persönliche Eindrücke der TeilnehmerInnen des Vorgängerprojekts 2014 können Sie in dem russisch-deutschen Film [„Mehr Raum für Initiative!“ nacherleben. Mehr Informationen zum aktuellen Projekt „Mehr bewegen!“. Das Projekt wird vom Auswärtigen Amt und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft finanziell unterstützt.

10) RNEI: 30 junge Menschen aus Deutschland, Ukraine und Russland diskutieren in Charkiw über nachhaltige Stadtentwicklung – ein spannender Jugendaustausch beginnt

Vom 15. bis 20. September 2015 trafen sich 30 junge Erwachsene aus Deutschland, Ukraine und Russland im spätsommerlichen Charkiw in der Ostukraine, um sich über Nachhaltigkeit und Partizipation auszutauschen. Es war der Auftakt zum RNEI-Austauschprojekt „Wir gestalten die Zukunft unserer Städte – Jugend, Partizipation und nachhaltige Stadtgestaltung in der Ukraine, Deutschland und Russland“, Gastgeber war die DRA-Partnerorganisation Urban Reforms. Der Gegenbesuch findet vom 14. bis 20. Oktober auf Einladung des DRA in Berlin statt. Viele der zwischen 18 und 30 Jahre alten TeilnehmerInnen kamen in Charkiw zum ersten Mal mit den Themen nachhaltige Entwicklung urbaner Räume sowie Bürgerbeteiligung in Berührung, andere sind bereits in ihren Heimatregionen in sozio-kulturellen Initiativen engagiert. Sie alle wollten Menschen, Initiativen und regionale Spezifika aus den beteiligten Ländern kennenlernen, Inspirationen für das eigene Engagement erhalten und voneinander lernen. Zu den Höhepunkten des Programms gehörten die Teilnahme an einem Runden Tisch, an dem – vor der ukrainischen Kommunalwahl am 25. Oktober – Stadtvertreter, Bürgermeisterkandidaten, Fachleute und NGOs erstmals über Konzepte der nachhaltigen Verkehrsplanung in Charkiw diskutierten, aber auch das Kennenlernen der quirlig-dynamischen Stadt und ihrer zivilgesellschaftlichen Nachhaltigkeitsinitiativen. Dazu „entsandten“ die Gastgeber die TeilnehmerInnen an Hot-Spots der Stadt, wo sie urbane Situationen auf Nachhaltigkeit prüfen und mögliche Problemlösungen ausarbeiten sollten. Im Ergebnis der ersten Begegnung wurden viele intensive Erfahrungen gesammelt: die jungen Erwachsenen schlossen Bekanntschaft mit vielfältig engagierten Menschen und zivilgesellschaftlichen Projekten in und außerhalb der Gruppe, mit ukrainischen Besonderheiten bei der Stadtentwicklung und den spannenden Fragen bezüglich Partizipationsmöglichkeiten in den verschiedenen Gesellschaften. Fotografische Eindrücke aus Charkiw und Kiew gibt es auf Facebook. Einige Fragen sind jedoch noch unbeantwortet, und so haben wir uns für unser zweites Treffen in Berlin viel vorgenommen: Der Besuch mehrerer Berliner Partizipationsprojekte und Diskussionsrunden soll uns den Zusammenhang zwischen Bürgerbeteiligung, Demokratie und Frieden sowie einer nachhaltigen Entwicklung städtischer Räume weiter erschließen. Der Austausch wird im Rahmen des DRA-Programms [Russisch-Deutsches Büro für Umweltinformation (RNEI) von Judith Kiss und Julia Burkhart (DRA Berlin) sowie Alexandra Kokoreva RNEI St. Petersburg organisiert und vom Programm „Meet up!“ der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft, dem Auswärtigen Amt, der Robert Bosch Stiftung sowie durch Brot für die Welt unterstützt.

11) Elf Freunde, alte Fehden, neue Fans? Seminar in Berlin über Fußball-Kulturen in der offenen Gesellschaft vereint Teilnehmer der Sportszene aus Russland, der Ukraine und Belarus

15 Journalisten, Fanbetreuer und Fanaktive aus Russland, der Ukraine und Belarus kamen vom 15.-22. September auf Einladung des DRA nach Berlin, um hiesige Mechanismen und Widersprüche von Fußball-Fankulturen in der „offenen Gesellschaft“ kennenzulernen. Partner des von Peter Liesegang und Ingo Petz organisierten Seminars war, wie bereits im November 2014, das Fanprojekt Berlin der Sportjugend. Die Teilnehmer trafen Fans und Fan-Initiativen, Vertreter der Polizei und Sportjournalisten und erfuhren, wie Fanarbeit, -engagement und -unterstützung in Berlin organisiert werden und auf welche Hindernisse Fußballfans dabei stoßen. Beim Journal „11 Freunde“ informierte sich die Gruppe über alternativen Fußball-Journalismus abseits üblicher Spiel- und Ergebnis-Berichte. Beim Zweitliga-Club 1. FC Union Berlin, in dem Fans traditionell besonders aktiv sind, lernten die Teilnehmer das lebendige Umfeld des Clubs kennen. Christian Arbeit, Geschäftsführer Kommunikation, erläuterte Möglichkeiten und Grenzen der Vermarktung von Fußballkultur. In einer öffentlichen Diskussion in den Räumen des Fanprojekts Berlin berichteten die Teilnehmer aufschlussreich über aktuelle Spezifika in ihren Heimatländern. So erzählten ein Fan und eine Journalistin aus Krasnodar bzw. Smolensk, wie der Fußball in Russland von Oligarchen beherrscht sei, dass er wegen der WM 2018 aber gerade aus seiner Nischenbedeutung gelange – und in ihren Städten die Stadien auch bisher schon Orte für Familien seien. Ein Bericht aus Lutsk in der Ukraine spiegelte die Kriegssituation: Nach dem Maidan hätten die Clubs alte Fehden beendet, Schachtjor Donetsk werde nun auch im westukrainischen  Lviv gefeiert, und viele jener, „die einst als Rowdies galten, verteidigen nun im Osten die Heimat“. In Belarus, so ein anderer Teilnehmer, habe der Maidan dagegen politischen Druck auf das Fußballleben ausgelöst – Fans würden nun als gefährlich erachtet. Das Seminar endete mit einem Grillabend, bei dem die Teilnehmer betonten, wie wichtig die länderübergreifende Zusammenstellung des Seminars für den Dialog zwischen jungen Menschen aus Belarus, aus der Ukraine und aus Russland gewesen sei. Und schließlich besuchten die Journalisten und Fans auch noch zwei Bundesliga-Spiele: VfL Wolfsburg gegen Hertha BSC Berlin und 1. FC Union Berlin gegen SpVgg Greuther Fürth. Das Seminar wurde vom Auswärtigen Amt gefördert.

12) „Hauptsache es wird Frieden“ – Die Podiumsdiskussion „FILMRISS“ über die Lage im Donbass spiegelte die wachsende Erschöpfung und soziale Not in der Ostukraine

„Drei Dinge haben bewirkt, dass in Donezk die Separatisten an die Macht kamen und im nahen Dnipropetrowsk nicht, obwohl beide Städte sehr sowjetisch geprägt waren“, sagte der ukrainische Historiker Andrij Portnov, derzeit Gastprofessor an der Humboldt Universität Berlin. „Die Eliten in Dnipropetrowsk waren auf der Seite Kiews, es gab einige ukrainische Medien – und keine direkte Grenze zu Russland.“ Als Quelle von Waffen, Unsicherheit, Gewalt und verweigerter Souveränität kehrte die ungeschützte Grenze noch mehrfach wieder in der von n-ost, dem DRA und der Rosa-Luxemburg Stiftung unterstützten Podiumsdiskussion „FILMRISS – Was wir über den Krieg in der Ukraine nicht wissen wollen“, die am 1. Oktober in der Kapelle der Versöhnung der Berliner Mauergedenkstätte Bernauer Straße stattfand. Die Grenzfrage ist auch Streitpunkt der Politiker in Kiew jetzt kurz vor den Kommunalwahlen – wenn sie das Minsk-II-Abkommen erfüllen, aber die Kontrolle über die Grenze zu Russland nicht zurückerlangen, würde dies die Besetzungen durch die Separatisten zementieren, sagen viele in der Rada. Vor Ort haben viele Menschen andere Prioritäten, berichtete Vera Jastrebova, Juristin des „Public Work Control Center“ der von Separatisten Anfang 2015 blutig eroberten Kleinstadt Debalzevo: vor allem Erschöpfung und wachsende soziale Not. „Die Leute sagen: Hauptsache, es wird Frieden. Denn es geht jeden Tag ums Überleben“ – solange geschossen wird, solange Sozialtransfers eingestellt sind, solange die Armut wächst. Hinzu tritt die Diskriminierung von Flüchtlingen aus den besetzten Gebieten in anderen Regionen der Ukraine. „Wer offiziell in Donezk wohnt, hat dort auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen“, sagt Vera Jastrebova. Einzelne Zuhörer bestätigen die Risse in der innerukrainischen Gemeinschaft leider gleich auf ihre Weise – mit Pauschalvorwürfen, wonach Donbass-Flüchtlinge im Westen des Landes zu viel erwarteten und sich zu wenig integrierten. Der Berliner Journalist Moritz Gathmann, der als Reporter für den „Spiegel“ vor Ort war, hält es weiter für notwendig, für das Verständnis des Konflikts auch die Kulturgeschichte der Region zu berücksichtigen. Doch Yevgenia Belorusets, die Initiatorin des Abends – organisiert anlässlich ihrer Ausstellung „Versöhnung, die wir verpasst haben“ mit Fotos aus dem Bergarbeitermilieu der Ostukraine –, beharrte noch einmal auf einem klaren Befund: Den Krieg hätte es ohne die russische Regierung nicht gegeben, und ohne sie wäre er auch längst vorbei.

13) Bis 11.10. bewerben: Praktikum als Projektassistenz beim DRA ab 16. November 2015 für 3 Monate

Ab dem 16. November 2015 besetzt der DRA eine Praktikumsstelle als Projektassistenz in Vollzeit (39h) für 3 Monate in seinem Berliner Büro. Thematische Schwerpunkte des Praktikums sind die Zusammenarbeit mit russischen und europäischen Nichtregierungsorganisationen sowie die Durchführung und Nachbereitung der 20. Deutsch-Russischen Herbstgespräche. Zu den Tätigkeiten gehören die Unterstützung der Projektentwicklung und -begleitung (Antragstellung, Projektdurchführung, Abrechnung und Berichterstattung), die Kommunikation mit Partnern in Deutschland, Russland, Ukraine und weiteren Ländern, Recherchen, Zuarbeiten zu Analysen, Übersetzungen, die Mitarbeit in der Veranstaltungsorganisation und Öffentlichkeitsarbeit, die Unterstützung der Geschäftsführung und allgemeine Bürotätigkeiten. Erwartet werden ein intensives Interesse an Russland und Osteuropa sowie politischen und sozialen Fragen in Europa, an der Arbeit von NGOs und internationaler Zusammenarbeit, gute PC-Kenntnisse (Word, Excel), sehr gute Deutsch- und Russisch- sowie möglichst Englischkenntnisse, gute kommunikative Fähigkeiten und Offenheit, selbstständiges Arbeiten. Die ausführliche Stellenausschreibung finden Sie hier.