DRA Newsletter September 2009


Liebe Leserinnen und Leser des DRA-Newsletters,

hiermit informieren wir Sie über die internationale Projektarbeit sowie aktuelle Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Ausschreibungen des DRA/Berlin (www.austausch.org) sowie in einer Auswahl über die Aktivitäten unserer Partnerorganisation DRA/St. Petersburg (www.obmen.org)

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Inhalt

1) Programmatischer Artikel von Präsident Medvedev zeigt Chancen auf

Als bedeutsamen und notwendigen Schritt wertet der DRA den programmatischen Artikel von Präsident Dmitrij Medvedev über den Zustand und die strategischen Aufgaben Russlands, den er am 10. September auf dem Nachrichtenportal Gazeta.ru veröffentlicht hat. Unter dem Titel "Vorwärts, Russland!" räumte Medvedev dort unerwartet offen langjährige Versäumnisse in seinem Land ein, darunter auch während der Amtszeit seines Vorgängers Vladimir Putin. In der Krise sei Russlands Rückstand gegenüber den führenden Industrienationen erneut klar zutage getreten. Zentrale Probleme lägen u.a. in einer "demütigenden" Abhängigkeit vom Rohstoffverkauf, einer "beschämend geringen Energie- und Produktionseffizienz", niedrigen Innovationsraten, in der Überalterung der Gesellschaft und im Alkoholismus, allgegenwärtiger Korruption, hoher Umweltbelastung, der Missachtung von Menschenrechten, einer unzureichenden Debattenkultur und Parteienkonkurrenz, verbreiteter Obrigkeitshörigkeit und in der Schwäche sowohl der Zivilgesellschaft als auch der lokalen Selbstverwaltung. Medvedevs Artikel könnte eine politische Zäsur bedeuten, falls er künftig die Realisierung dieser Reformaufgaben ebenso konsequent betreiben sollte, wie er sie im Internet - für dessen eher liberale, städtische Nutzer_innen - schildert. Das gilt selbst, wenn der Artikel verhehlt, dass zum Beispiel die beklagte fehlende Parteienvielfalt vor allem von der Moskauer Führung erzeugt worden ist. Und das gilt auch, obwohl der Artikel etwa im ausländischen Beistand für russische NGOs nur einen vergeblichen Versuch wähnt, "sich eine Zivilgesellschaft zu kaufen", ohne auch die Chance zu normaler grenzübergreifender Zusammenarbeit der Bürger_innen zu sehen und ohne der russischen Zivilgesellschaft eigene gesetzliche und finanzielle Unterstützung zuzusagen. Die Vertreter russischer NGOs haben auf Medvedevs Artikel nur wenig reagiert. Ihr Tenor bisher: gute Worte, doch fehlen die Taten. Der vollständige Text auf der Website von Präsident Medvedev (russisch): www.kremlin.ru/news/5413.

2) Herbstgespräche 2009 zur Politikgestaltung nach der Wirtschaftskrise

Unter dem Titel "Brauchen wir neue Gesellschaftsverträge?" widmen sich die diesjährigen 14. Deutsch-Russischen Herbstgespräche den möglichen Charakteristika eines gesellschaftsübergreifenden Konsens nach den Erfahrungen der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise und den künftigen Herausforderungen an eine nachhaltige Politik. Zu der Tagung am 20./21. November in der Französischen Friedrichstadtkirche am Berliner Gendarmenmarkt laden der DRA, die Heinrich-Böll-Stiftung und die Evangelische Akademie alle Interessierten herzlich ein. Vertreter_innen der Bereiche Wirtschaftsanalyse, Soziologie, Medien und Zivilgesellschaft aus Deutschland und Russland werden u.a. diskutieren, wie sich die Legitimation und das Handeln staatlicher und ökonomischer Macht verändert hat. Wie steht es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in beiden Ländern? Was bedeutet "gerechtes Wirtschaften" heute? Wie könnte, wie sollte ein neuer "Gemeinsinn" aussehen? Wer kann den Dialog darüber anstoßen, und welche Rolle können die Zivilgesellschaften dabei spielen?

3) Medienseminare in Irkutsk und im Kaukasus zum Klimaschutz

Bei zweiwöchigen Seminaren im sibirischen Irkutsk sowie am Elbrus im Kaukasus, die im Juli bzw. im August stattfanden, haben der DRA, die Deutsche Welle und die Heinrich-Böll-Stiftung Moskau gemeinsam Grundlagen der aktuellen Klimaschutzpolitik an russische Journalist_innen vermittelt. In Irkutsk erkundeten die Teilnehmer_innen aus regionalen Radiosendern ganz Russlands die Risiken der Erderwärmung für Sibirien sowie Chancen eines Öko-Tourismus in der Baikalregion und erarbeiteten dazu Radiofeatures. Im Kaukasus ging es darum, die Auswirkungen des Klimawandels im Hochgebirge selbst zu beobachten sowie nachhaltige Energiekonzepte für Südrussland zu erörtern. Der DRA beteiligte sich an den Seminaren innerhalb seines Projekts "Umweltbildung für russische Journalisten". Nächste Aktivität in dem Projekt ist die Unterstützung der Jahreskonferenz des Journalistennetzwerks n-ost Anfang Oktober in Rostov am Don durch einen eigenen Workshop zu Ethik im Journalismus sowie einer Exkursion zum Thema "Erneuerbare Energien in Südrussland".

4) DRA-Memorial-Projekt in Nordossetien bei hochrangigem Runden Tisch vorgestellt

Im Nordkaukasus wächst die Bereitschaft zur Lösung des jahrzehntealten Konflikts zwischen den Nachbarvölkern der Inguschen und Nordosseten - auch infolge der unablässigen Vermittlungsarbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Am 8. September fand dazu in der inguschischen Hauptstadt Nazran unter Beteiligung des Republikpräsidenten Junus-Bek Evkurov, des russischen Menschenrechtsbeauftragten Vladimir Lukin und des Menschenrechtskomissars des Europarats, Thomas Hammarberg, ein Runder Tisch mit NGOs und Menschenrechtlern statt. Konsens bestand darin, dass der Konflikt nur beendet werden könne, wenn die inguschischen Flüchtlinge in den nordossetischen Prigorodny-Bezirk zurücksiedeln könnten, den sie 1992 nach dem Krieg zwischen beiden Völkern verlassen mussten. Präsident Evkurov bekräftigte zugleich, dass seine Republik den früher inguschischen Bezirk nicht mehr beanspruche. Auf dem Treffen stellte Svetlana Gannuschkina, Vorstandsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial, das von Memorial und dem DRA aufgebaute Bildungszentrum im Prigorodnyj Rajon als Beispiel beginnender interkultureller Verständigung vor. Die Erfolge der Kleingewerbekurse des Zentrums, das Inguschen und Osseten ausdrücklich zusammen unterrichtet, zeigten, das nur konkrete Aktivitäten die Annäherung ermöglichten. Memorial hatte 2007 auch schon gemeinsame Sommerlager für Schüler_innen und Lehrer_innen der verfeindeten Volksgruppen organisiert. Beide Arbeitsrichtungen sollen 2010 ausgeweitet werden, wofür jetzt eine Finanzierung gesucht wird. Der nächste Runde Tisch soll in der nordossetischen Hauptstadt Vladikavkas stattfinden.

5) Fachkräfte der Jugendsozialarbeit aus Udmurtien hospitieren in Berlin

Für sechs russische Mitarbeiter_innen der Jugendsozialarbeit, die Anfang September in Berlin eintrafen, organisiert der DRA ein dreimonatiges Hospitationsprogramm bei verschiedenen Trägern der Behinderten- und Jugendhilfe. Die Gäste - fünf Frauen und ein Mann - kommen aus der zentralrussischen Teilrepublik Udmurtien, mit der der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPW) bereits seit 1997 in einem regelmäßigen Fachkräfteaustausch steht. Das Hospitationsprogramm in Berlin wird von der Hamburger Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes gefördert. Zusätzlich führt der DRA für die Teilnehmer_innen einmal wöchentlich ein Begleitprogramm durch, dass Einblick in die gesellschaftspolitischen Institutionen, die Geschichte und die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland gibt. Auch erhalten sie Gelegenheit, mit Vertreter_innen verschiedener Berliner Organisationen über Themen wie die Integration Behinderter im Alltag und öffentlichen Leben und ehrenamtliches Engagement, Freiwilliges Soziales Jahr / Freiwilliges Ökologisches Jahr zu diskutieren.

6) Vielfältiger DRA-Schüleraustausch 2009

Insgesamt 40 deutsche und russische Jugendliche werden bis Dezember am diesjährigen Schüleraustauschprogramm des DRA teilnehmen. Bereits im Frühjahr waren acht SchülerInnen aus ganz Deutschland nach St. Petersburg gereist. Sie gingen dort drei Monate lang zur Schule oder absolvierten ein- bis zweimonatige Praktika, so u.a. in der Obdachlosen-Hilfsorganisation "Notschleschka", der Einrichtung "Innovationen" für sozial schwache und kranke Kinder, in der Umweltschutzorganisation "Bellona" und in der Eremitage. Für einige Jugendliche wurde dieser Aufenthalt offiziell als Sozialpraktikum innerhalb der Ausbildung an ihren deutschen Herkunftsschulen anerkannt. Zwölf weitere Teilnehmer_innen, drei davon Schülerpraktikant_innen, befinden sich im Herbst in St. Petersburg. Die russischen Austauschpartner_innen waren bereits von Mai bis August in Deutschland zu Gast. Im Juli hatten alle interessierten Teilnehmer_innen bei einer mehrtägigen Fahrt in den Harz Gelegenheit, sich näher kennen zu lernen und Erfahrungen auszutauschen.

7) Schüleraustausch 2010. Bewerbungsfrist läuft!

Bereits jetzt können sich Schüler_innen aus ganz Deutschland für eine Teilnahme am Schüleraustauschprogramm des DRA im nächsten Jahr melden. Bewerbungsschluss für die ein- bis zweimonatigen Schüler-Praktika ist der 10. Dezember 2009 (bei Aufenthalt in Russland im April/Mai 2010, Gegenbesuch der russischen Gastschüler_innen im Juni/Juli 2010) bzw. der 31. März 2010 (bei Praktikum in Russland im Oktober/November, Gegenbesuch aus Russland im Januar/Februar 2011). Am 31. Januar 2010 läuft die Bewerbungsfrist für deutsche Schüler_innen aus, die von September bis November 2010 in Russland zur Schule gehen möchten (Aufenthalt der russischen AustauschpartnerInnen bereits vorher von Mai bis Juli 2010 in Deutschland). Details zum Programm siehe: www.austausch.org/schueleraustausch.

8) Petersburger Kreativfestival hinterfragt Gender-Stereotype

"M/W Entwicklungszone": Unter diesem Motto steht in diesem Jahr das Festival "Art-sobes" ("Kunst-Sozialamt"), das der DRA St. Petersburg vom 10. bis 20. Oktober zum zweiten Mal veranstaltet. Ziel ist es, mit den Mitteln der Kunst gesellschaftliche Fragen kritisch zu beleuchten. Dieses Mal geht es um tradierte Geschlechterrollen und soziale Ausgrenzung, die damit verbundenen Kategorisierungen und die Neu(er)findung nicht-standardisierter Entwürfe zu den Begriffen "Männlichkeit"/"Weiblichkeit". Das Festival zeigt die Ergebnisse der kreativen Arbeit von Vertreter_innen der Bereiche Kunst, Wissenschaft und Zivilgesellschaft: Künstlerische Arbeiten stehen neben der Präsentation erfolgreicher sozialer Projekte, Ausstellungen, Performances und andere Kunstaktionen neben Runden Tischen, Lesungen und Workshops. Ermöglicht wird es durch eine Förderung der Heinrich-Böll-Stiftung, weitere Unterstützung gewähren verschiedene NGOs und Kunstzentren wie Loft, Fotodepartament, das Hostel Iwolga sowie das Goethe-Institut. Einzelheiten zu allen Veranstaltungen unter www.obmen.org/culture/artsobes/2009/ sowie www.artsobes.ru.

9) Film und Gespräch am 8. Oktober, 20 Uhr, in Potsdam

Zu einer Filmvorführung und einem anschließenden Gespräch mit dem Geschäftsführer des DRA, Stefan Melle, lädt der Verein am 8. Oktober, 20 Uhr, in das Potsdamer Jugendzentrum Lindenpark (gegenüber dem Filmpark Babelsberg) ein. Gezeigt und diskutiert wird der Dokumentarfilm "Für Gott, Zar und Vaterland" von Nino Kirtadze (D/F 2007) über eine klosterähnliche "Heilsgemeinschaft" südlich von Moskau. An deren Spitze steht Michail Morosov, der das Weltbild einer gottgegebenen Hierarchie aus Herrschenden und Gehorchenden vorgibt und als Vorbild für ganz Russland in der Gemeinschaft durchsetzt. Der Film schildert zugleich Verbindungen zwischen nationalistischen Kräften in der orthodoxen Kirche, der Duma, dem Geheimdienst und den Streitkräften, die damals noch der Kult um den früheren Präsidenten Putin vereinte. Wie repräsentativ ist die Schilderung dieses Netzwerks, wie stark sind antieuropäische Abgrenzungstendenzen in Russland heute noch? Der DRA hat den Film 2009 bereits in Berlin, Greifswald, Göttingen und Frankfurt (Oder) vorgestellt. Die Veranstaltungen gehören zum bundesweiten Dokumentarfilmfestival "ueber Macht" der "Aktion Mensch", das in über 120 Städten gastiert. Zum gesamten Programm in Potsdam siehe: www.ueber-macht.de