DRA Newsletter Juni 2005


Liebe Leserinnen und Leser des DRA-Newsletters,

hiermit informieren wir Sie über die internationale Projektarbeit sowie aktuelle Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Ausschreibungen des DRA/Berlin (www.austausch.org) sowie in einer Auswahl über die Aktivitäten unserer Partnerorganisation DRA/St. Petersburg (www.obmen.org)

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Inhalt

1) Chodorkowski-Urteil verletzt rechtsstaatliche Grundsätze

Mit der Ende Mai ergangenen Verurteilung des YUKOS-Chefs Michail Chodorkowski zu neun Jahren Lagerhaft hat das Moskauer Gericht alle Befürchtungen russischer und internationaler Prozessbeobachter bestätigt, dass hier ein politischer Gegner des Kreml und zugleich ein wirtschaftlicher Konkurrent ausgeschaltet werden sollte. Das Verfahren, das Züge eines Schauprozesses aufwies, hat dem internationalen Ansehen der Russischen Föderation und dem Vertrauen in den demokratischen Transformationsprozess des Landes schweren Schaden zugefügt. Die Parlamentarische Versammlung des Europarats rügt in ihrer Resolution 1418 (2004) insbesondere die Missachtung der russischen Strafprozessordnung und der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) hinsichtlich der Wahrung der Rechte der Verteidigung, die Verletzung des Grundsatzes der Gleichbehandlung vor dem Gesetz und die Verletzung von § 7 der EMRK, der die rückwirkende Strafverfolgung untersagt. Der DRA e.V. bedauert auch die unrühmliche Rolle, die deutsche Banken und Energieunternehmen - namentlich Eon Ruhrgas und die Deutsche Bank – im Prozess der Zerschlagung des YUKOS-Konzerns gespielt haben. So zog die Deutsche Bank ihr Kreditangebot für den Ankauf des zu YUKOS gehörenden Unternehmens Yuganskneftegas durch Gasprom erst nach dem Urteil des Houstoner Konkursgerichts im Dezember 2004 zurück. Eon Ruhrgas ist mit 6,5 Prozent und einem Sitz im Aufsichtsrat an Gasprom beteiligt.

2) DRA-Freiwilligenvermittlung in die Ukraine wird ausgeweitet

Mit Unterstützung der EU wird der DRA ab September 2005 Freiwillige zu durchschnittlich sechsmonatigen Aufenthalten in die Ukraine vermitteln. In den Regionen Sumy, Cherson, Riwne, Tscherniwzi und Donezk werden sie zum einen in so genannten Social Partnership Centres (SPC) tätig sein. Dies sind lokale Netzwerkstellen, die für den Bereich des nicht-staatlichen und vor allem des sozialen Engagements Beratungen und Weiterbildungen anbieten. Zum anderen werden die Freiwilligen in Einzelorganisationen mitwirken, die sozialraumbezogene Arbeit mit Frauen, Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderung leisten. Bewerbungen sind ab sofort möglich.

3) Engagement für mehr politische Bildung an ukrainischen Schulen

Im DRA-Projekt „Civic Education“ in der Ukraine wurde vor kurzem die dreimonatige Eingangsphase abgeschlossen. Als die Pilotregionen, in denen schwerpunktmäßig gearbeitet werden soll, stehen neben Kiew nun Wolyn, Winniza und Cherson fest. Geklärt wurden auch die genaueren Inhalte des Programms. Die Aufgaben, denen sich insgesamt sechs Arbeitsgruppen aus nationalen und internationalen Expert_innen in den nächsten drei Jahren widmen werden, umfassen insbesondere die Entwicklung eines Curriculums zur politischen Bildung für die Sekundarschulen, ein umfangreiches Fortbildungsprogramm für Lehrer_innen zu dieser Fachthematik, die Weiterentwicklung von Lehrmaterialien für benachteiligte Jugendliche und die Koordinierung von Miniprojekten außerhalb des Unterrichts, bei denen Schulen mit lokalen NGOs zusammenarbeiten werden.

4) „Remigration“-Festival bereicherte Petersburger Kulturszene

Drei Open-air-Konzerte am Strand vor der historischen Kulisse der Peter-und-Pauls-Festung, ein Poetry Slam mit Autor_innen aus Berlin, Dresden, Petersburg und Moskau und weitere Theater-, Literatur- und Diskussionsveranstaltungen: Die zweite Auflage des vom DRA St. Petersburg organisierten Kulturfestivals „Remigration“ (10.-15.6.) re-importierte erneut russische Kultur, made in Germany. Besonders viel Medien- und Zuschauerinteresse rief eine von Denis Schikalow und Studierenden der Kunsthochschule Berlin-Weissensee errichtete Architektur-Installation hervor: Drei zweckentfremdete Kioske, eine halbe Bushaltestelle und mehrere Kubikmeter zu Kunst veredelten Abfallmaterials propagierten nicht nur einen neuen Architekturbegriff, sondern machten auch auf das Verschwinden der Kioske und ihrer Besitzer_innen aus dem Petersburger Stadtbild aufmerksam. Zum Erfolg wurde das Festival durch den Einsatz und die Begeisterung der 27 aus Deutschland und den Niederlanden angereisten Teilnehmer_innen, eines kleinen Heeres freiwilliger Helfer_innen und nicht zuletzt des als Hauptfinancier in Erscheinung tretenden deutschen Generalkonsulats.

5) Fortbildung zur Arbeit mit behinderten Menschen in St. Petersburg

„Ein Haus des Lebens und Arbeitens für mehrfachbehinderte Menschen“: So lautet der offizielle Titel des Projekts zur teilweisen Umstruktierung eines Internats für Menschen mit Behinderungen in Peterhof bei St. Petersburg, bei dessen Durchführung der DRA die Hamburger Werkstatt und die NGO „Perspektivy“ beratend unterstützt. Zu den ersten Aktivitäten, die mittlerweile in Russland stattfanden, gehörte ein Seminar, auf dem unter Leitung Hamburger Expert_innen sehr lebhaft über Ursachen für die Diskriminierung von behinderten Menschen und über die Bedeutung und den Gebrauch solcher Begriffe wie „normal“, „krank“ und „behindert“ diskutiert wurde. An der Veranstaltung nahmen MitarbeiterInnen des Internats teil, deren Weiterbildung zu den Grundvoraussetzungen der geplanten modellhaften Umgestaltung der Einrichtung gehört.

6) Neuer Dokumentarfilm zur Situation tschetschenischer Flüchtlinge

Sacita Chumaidowa lebt mit ihrem Mann und ihrem vierjährigen Sohn Muslim in Ostpolen. Die drei haben wie über 6.000 andere tschetschenische Flüchtlinge dort Asyl erhalten. Um ihr Leben im polnischen Asyl, ihre Erinnerungen an den Krieg in Tschetschenien und das Schicksal ihrer Familie geht es in dem Dokumentarfilm „Lieber Muslim“. Sacita berichtet ihrem Sohn vom Leben in Tschetschenien und von allem, was die Familie dort zurückgelassen hat, aber auch von der Hoffnung auf Rückkehr. Der Film wurde von der ehemaligen DRA-Mitarbeiterin Kerstin Nickig unter Verwendung von Dokumentaraufnahmen aus beiden Tschetschenien-Kriegen gedreht. Der DRA und die Heinrich Böll Stiftung laden herzlich zu einer Vorführung des Films ein, die am 25.7. um 20 Uhr in der Galerie der Heinrich Böll Stiftung Berlin, Rosenthaler Strasse 40/41, stattfindet. Die Regisseurin und Sacita Chumaidowa werden anwesend sein.