Hospitationsprogramm

Seit 2009 führte der DRA gemeinsam mit dem Jugendministerium von Udmurtien ergänzend zum einwöchigen Fachkräfteaustausch im jährlichen Wechsel eine mehrwöchige Hospitation für Fachkräfte der Jugendhilfe durch. In den Jahren 2009 und 2011 empfing der DRA für je drei Monate mehrere Fachkräfte, die in verschiedenen Berliner Einrichtungen der Jugendhilfe hospitierten und dabei nachhaltige Erfahrungen sammeln konnten. Aufgrund verschiedener organisatorischer Schwierigkeiten in Deutschland und Russland verlief die 2010 in Ishewsk durchgeführte Gegenmaßnahme nicht so erfolgreich wie geplant. Da sich auch 2012 bereits im Vorfeld ähnliche Schwierigkeiten andeuteten, wurde die Durchführung des Hospitationsprogramms in Ishewsk in gemeinsamer Absprache mit dem Jugendministerium für dieses Jahr ausgesetzt.

 Mit dem Hospitationsprojekt soll deutschen und russischen Fachkräften der Jugendhilfe die Möglichkeit gegeben, die Arbeit, die sie beim einwöchigen theoretisch ausgerichteten Fachkräfteaustausch kennen gelernt haben, zu vertiefen und im praktischen Alltag zu erfahren. Davon können sowohl die entsendenden als auch die aufnehmenden Organisationen auf beiden Seiten profitieren, ganz zu schweigen von den reichen Erfahrungen, die die Teilnehmenden selbst bekommen. Ab 2013 soll die praktisch ausgerichtete Hospitation personell und inhaltlich enger als bisher an den theoretisch ausgerichteten Fachkräfteaustausch angeknüpft werden; dadurch kann sich ein abgestimmter Fachaustausch der Jugendhilfe entwickeln.

Der Fachaustausch der Jugendhilfe mit Ishewsk wird von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gefördert und mit freundlicher Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin durchgeführt.

Berlin

2011

Im April 2011 fuhr der DRA-Projektleiter Holger Löbell, der für die Organisation und Durchführung des Fachaustauschs – das einwöchige Fachkräfteprogramm und das mehrwöchige Hospitationsprogramm zwischen Berlin und Ishewsk  verantwortlich ist, für einige Tage nach Ishewsk, um dort das Hospitationsprogramm in Berlin vorzubereiten. Die Auswertung des ersten Programms von 2009 hat gezeigt, dass eine Schwierigkeit darin liegt, Fachkräfte der Jugend- und Sozialarbeit zu finden, die nicht nur die Möglichkeit haben, für drei Monate nach Deutschland zu fahren, sondern ebenfalls über ausreichend deutsche Sprachkenntnisse verfügen, um die Hospitation für beide Seiten, den Hospitanten und die aufnehmende Einrichtung, zufriedenstellend durchzuführen. Deshalb wurde in Absprache mit dem Jugendministerium beschlossen, die fremdsprachliche und die soziologische Fakultät der Staatlichen Universität von Ishewsk mit einzubeziehen. Im April stellte der DRA das Hospitationsprogramm den interessierten Studenten vor, und mit der Fakultätsleiterin wurde vereinbart, dass der Hospitationsaufenthalt den Studenten im Rahmen des Pflichtpraktikums angerechnet wird und sie von der Universität freigestellt werden können.

Die russischen Teilnehmer

  • Olga Logunowa, Studentin Soziologie und Germanistik, Staatliche Universität von Ishewsk
  • Natalja Bogoljubskaja, Künstlerin, Bereich Jugendbildung, Ishewsk
  • Swetlana Lesnikowa, Absolventin der Ishewsker Pädagogischen Universität; Mitarbeiterin an der Bildungsakademie Moskau; Schwerpunkt der Forschungstätigkeit: Freiwilligen-Engagement
  • Anastasija Kusnezowa, Ärztin in der Kinderklinik in Ishewsk
  • Ewgeni Popow, Germanistik-Absolvent, Mitarbeiter des Ishewsker Radiosenders „Adam“

Die beteiligten Berliner Einrichtungen

  • Integrationskita der Spastikerhilfe Berlin eG
  • Interkulturelles Jugendzentrum Schalasch
  • JULI Jugendhilfe in Lichtenberg gGmbH
  • HELIOS Klinikum Berlin-Buch, Abt. Kinder- und Jugendmedizin

Nach den Gesprächen im Juli in Ishewsk und der endgültigen Auswahl der Hospitanten wurden in Berlin für die Teilnehmer die Einrichtungen gesucht, die zur Aufnahme der Hospitanten bereit und in der Lage waren, diese zu betreuen. Die Hospitanten erhielten vom DRA ein Stipendium in Form eines Wohnheimplatzes, eines monatlichen Taschengeldes für die Verpflegung sowie eine Monatskarte für die Berliner Tarifbereiche AB. Bei der Auswahl der Kandidaten lag der Schwerpunkt nicht ausschlaggebend auf den perfekten Sprachkenntnissen, wichtiger war die Einschätzung, wie wichtig den Teilnehmern das freiwillige Engagement in Organisationen der Jugendhilfe ist. Aus diesem Grund wurde auch die Bewerberin Natalja Bogoljubskaja ausgewählt, die zwar nur über unzureichende Sprachkenntnisse verfügte, aber ein großes Engagement an den Tag legte und im überwiegend russischsprachig geprägten Jugendzentrum „Schalasch“ arbeiten konnte. Auch Ewgeni Popow ist zwar nicht direkt in der Jugendhilfe tätig, verfügt aber über Erfahrung in der Jugendarbeit und besitzt eine sehr hohe soziale Kompetenz. Als Mitarbeiter eines bekannten lokalen Radiosenders ist er zudem ein Multiplikator, um das Programm in  Ishewsk öffentlich zu verbreiten. In ihren Einrichtungen hospitierten die Teilnehmer unter der Woche von Montag bis Donnerstag, jeden Freitag organisierte der DRA für sie ein Begleitprogramm zur gesellschaftspolitischen Bildung. Teilweise wurde das Programm kombiniert mit dem Programm von vier Freiwilligen aus Russland, Belarus und der Ukraine, die zeitgleich für sechs Monate in Berlin eingetroffen waren.

Anliegen des DRA war es, den Hospitanten durch das Begleitprogramm einen vertieften Einblick in die moderne deutsche Zivilgesellschaft zu geben. Bewusst wurde dabei die gesellschaftliche Entwicklung ab 1933 bis heute thematisiert und auch auf die Situation der beiden deutschen Gesellschaftsformen BRD und DDR Bezug genommen, um den russischen Teilnehmern nicht nur die aktuelle Situation zu erläutern, sondern auch die Entwicklung über einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten. Die russischen Fachkräfte sollten verstehen, welche gesellschaftspolitischen historischen Entwicklungen das heutige Sozialsystem bewirkt haben.

Zum Ende des Programms wurde mit den Teilnehmern ein zweitägiges Auswertungsseminar durchgeführt, wo ihre in einem Einführungsseminar abgefragten Erwartungen ausgewertet wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass beide Teile des Programms – sowohl das eigentliche Hospitationsprogramm in den Einrichtungen als auch das wöchentliche Begleitprogramm – in Kombination von den Teilnehmern sehr gut aufgenommen wurden und ihnen neben ihrer Arbeit in den jeweiligen Einrichtungen einen vertieften Einblick in das gesellschaftliche System in Deutschland verschaffte. Die Auswertungsgespräche zeigten, dass die Hospitation nicht nur für die Teilnehmer aus Ishewsk, sondern auch für die Berliner Organisationen erfolgreich und gewinnbringend verlaufen ist. So lobten die beteiligten Einrichtungen das soziale Engagement und die hohe Bereitschaft, sich auch auf neue Methoden einzulassen. Allerdings wurde deutlich, dass die Sprachbarriere manche tiefer gehende Arbeitsanweisung erschwerte, sodass die meisten der Hospitanten dadurch unter ihrem Entwicklungspotenzial blieben. Dennoch wurde ebenfalls klar, dass die soziale Kompetenz der Teilnehmer die Sprachschwierigkeiten wettmachte. Die Gespräche mit den beteiligten Einrichtungen machten deutlich, dass bei der Auswahl der Teilnehmer der richtige Schwerpunkt auf die soziale Kompetenz gelegt wurde, da perfekte Sprachkenntnisse ohne Engagement für das Programm nicht der bessere Ausweg gewesen wären. Aber es wurde auch deutlich, dass das Hospitationsprogramm in dieser Form an seine Grenzen stößt und deshalb eine Verknüpfung mit dem einwöchigen Fachkräfteaustausch sowohl für die Teilnehmer als auch die beteiligten Organisationen in beiden Ländern der beste Weg ist, den Fachaustausch im Bereich der Jugendhilfe auf einem langfristig angelegten und inhaltlich anspruchsvollen Niveau zu halten.

Der Fachaustausch der Jugendhilfe mit Ishewsk wird von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gefördert und mit freundlicher Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin durchgeführt.

2009

Am 2. September sind sechs russische Fachkräfte der Jugendsozialarbeit in Berlin eingetroffen. Der DRA organisierte für sie in den drei Monaten von September bis November ein Hospitationsprogramm bei verschiedenen Trägern der Behinderten- und Jugendhilfe. Die Fachkräfte – fünf Frauen und ein Mann – kamen aus der zentralrussischen Teilrepublik Udmurtien, mit welcher der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPW) bereits seit 13 Jahren in einem regelmäßigen Fachkräfteaustausch steht.

Das Programm, welches von der Hamburger Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes gefördert war, beinhaltete die Hospitation der udmurtischen Fachkräfte in verschiedenen Berliner NGOs zu den Themen soziales Engagement von Jugendlichen sowie Integration von Behinderten in der Gesellschaft. Außerdem organisierte der DRA für die Teilnehmer ein Mal pro Woche ein soziokulturelles Begleitprogramm, damit die Fachkräfte die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Deutschland kennen lernen können. Desweiteren wird mit verschiedenen Berliner Organisationen über die Themen ehrenamtliches Engagement, Freiwilliges Soziales Jahr/ Freiwilliges Ökologisches Jahr und die öffentlich-politische Integration von Behinderten diskutiert werden.

Den Abschlussbericht können Sie hier als pdf-Dokument hochladen.

Das Hospitationsprogramm im Heft Dawaj Nr. 5 (18.04.2011) der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch zum Thema "Beruf(s)leben"

Der Fachaustausch der Jugendhilfe mit Ishewsk wird von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gefördert und mit freundlicher Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin

 

Ishewsk

Das Hospitationsprogramm in Ishewsk ist die Gegenmaßnahme für das Programm in Berlin und soll im jährlichen Wechsel mit dem Aufenthalt in Berlin durchgeführt werden. Auch hier soll deutschen Fachkräften der Jugendhilfe, die über russische Sprachkenntnisse verfügen, die Möglichkeit gegeben werden, für zwei bis drei Monate in Ishewsk in fachähnlichen Organisationen ihren Erfahrungshorizont zu erweitern und Arbeitsmethoden auszutauschen.

Ziel ist es, den Berliner Einrichtungen, die sich am einwöchigen Fachkräfteaustausch beteiligen und in dieser Woche verschiedene Träger der Jugendhilfe in Udmurtien kennen gelernt haben, die Möglichkeit zu verschaffen, eigenen Mitarbeitern einen vertieften Einblick in die Jugendarbeit in Russland zu ermöglichen. Dies ist gerade für die Berliner Träger, die auch mit russischstämmigen Kunden arbeiten, von unschätzbarem Wert, da sie sich mit der russischen Mentalität und der Arbeitsmethodik vertraut machen können.

Daneben haben selbstverständlich auch weitere Träger aus Berlin, die bisher noch nicht am Fachkräfteaustausch mit Ishewsk teilgenommen haben, die Möglichkeit, sich am Hospitationsprogramm zu beteiligen.

Der Fachaustausch der Jugendhilfe mit Ishewsk wird von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gefördert und mit freundlicher Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin durchgeführt.

2010

Im Jahr 2009 führte der DRA mit seinem Partner, dem Jugendministerium der russischen Teilrepublik Udmurtien, zum ersten Mal das dreimonatige Hospitationsprogramm für Fachkräfte der Jugend- und Sozialarbeit durch, in dessen Rahmen sechs junge Menschen aus Ishewsk von September bis November 2009 in verschiedenen Berliner Einrichtungen der Jugend-, Sozial- und Behindertenhilfe arbeiteten.

Im Jahr 2010 erfolgte die Gegenmaßnahme, zwei Jugendliche aus Deutschland fuhren im Juli nach Ishewsk, um für vier Wochen in entsprechenden Einrichtungen in Ishewsk zu hospitieren.

Johannes Schmidt aus Ludwigshafen, 16 Jahre, war in dem Erholungscamp des Sanatoriums „Sarja“ untergebracht. „Sarja“ ist ein Rehabilitations- und Erholungscamp für Kinder, das dem Jugendministerium zugeordnet ist und sich wenige Kilometer außerhalb von Ishewsk befindet. In dem Camp gab es zehn nach Alter geordnete Gruppen. Johannes war einer Gruppe mit 30 Kindern im Alter zwischen 13 und 14 Jahren zugeteilt. Seine Aufgabe bestand darin, morgens mit den Kindern zum Frühsport zu gehen, sich an den Unterhaltungsspielen der Kinder als Betreuer zu beteiligen, die Kinder zu verschiedenen Veranstaltungen zu begleiten und auch mit ihnen Stücke einzustudieren, welche im Anschluss auf einer zentralen Bühne aufgeführt wurden.

Johannes war mit einigen weiteren Betreuern in einer Wohnung unweit des Lagers untergebracht. Da er auch an den Wochenenden arbeitete, konnte er sich zum Ausgleich vier Urlaubstage frei wählen und außerhalb des Camps in der Stadt verbringen. Ansonsten war Johannes Schmidt als Teamer in der Gruppe eingeteilt und konnte nach einigen Tagen, in denen er von den russischen KollegInnen in die Arbeit eingewiesen wurde, im Rahmen der ihm zugeteilten Aufgaben eigenständig handeln.

Nina Awe aus Berlin, 24 Jahre, hospitierte in einem staatlichen Rehabilitationszentrum für Kinder, welches dem Sozialministerium unterstellt ist und am Rand der Stadt liegt. Dort werden Kinder aus der gesamten Republik Udmurtien, die aus schwierigen familiären Verhältnissen dorthin überwiesen werden, für durchschnittlich 60 Tage von Sozialpädagogen, Musik- und Theaterpädagogen und Therapeuten behandelt und mit ihnen gearbeitet. Aufgenommen werden Kinder im Alter von 4 bis 14 Jahre. Gearbeitet wird auch mit Kindern aus der Stadt, die aber zum Großteil in ihrer Familie leben und nur tagsüber ins Zentrum zur Betreuung kommen.

Die Kinder werden in vier Gruppen eingeteilt – jeweils eine Mädchen- und eine Jungengruppe, einmal von vier bis acht Jahren und einmal von neun bis vierzehn Jahren. Nina Awe wurde der älteren Mädchengruppe zugeteilt und hat diese gemeinsam mit den verantwortlichen Pädagogen und Erziehern den gesamten Tag begleitet.

Nina Awe war direkt in die Arbeit mit den Kindern eingebunden. Sie hat sie tagsüber bei den Aktivitäten betreut, zu verschiedenen Ausflügen in die Stadt begleitet und auch eigene Ideen für die Freizeitgestaltung umsetzen können.

Die Unterbringung von Nina Awe erfolgte direkt in dem Zentrum, wo ihr eine kleine Arbeitswohnung zur Verfügung gestellt wurde.

Der Fachaustausch der Jugendhilfe mit Ishewsk wird von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch gefördert und mit freundlicher Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin durchgeführt.