Das Zivilgesellschaftszentrum „Drukarnia“ in Slowjansk

Das 2019 vom DRA in Slowjansk gegründete Zivilgesellschaftszentrum „Drukarnia“ richtet seinen Einsatz vor Ort vor allem auf Zukunftsperspektiven für eine nachhaltige Entwicklung der Region. Wir haben mit der Leiterin Darya Romanenko über die Herausforderungen ihrer Arbeit gesprochen.

Was ist die Hauptaufgabe und Mission der „Drukarnia“ in Slowjansk?

Wir arbeiten an der Stärkung der Zivilgesellschaft für eine demokratische Transformation der östlichen Region der Ukraine. In Slowjansk, der Stadt, in der sich unser Büro befindet, begann 2014 der Krieg. Es war die erste Stadt, die durch von Russland unterstützte separatistische Kräfte eingenommen haben. Gleichzeitig war Slowjansk aber auch die erste Stadt, die von ukrainischen Streitkräften 2014 befreit wurde.

Die Besatzung und Befreiung haben allerdings Spuren hinterlassen

Unsere Mission sehen wir also darin, die Zivilgesellschaft vor Ort zu stärken, zu unterstützen und zu fördern, um eine Situation wie 2014 in Zukunft zu verhindern.

Welche Themen und Schwerpunkte sind für Euch besonders wichtig?

Zum Beispiel engagieren wir uns sehr stark für das Bewusstsein für Umweltschutz in der Region. Im Sommer organisierten wir den World Clean Up Day. Mehr als 100 Menschen schlossen sich uns an, um eine Aufräumaktion durchzuführen. Wir haben auch die Fridays for future vor Ort initiiert, Anfang Oktober gab es den Klimastreik.

Einen weiteren Bereich bilden die Politische Partizipation und Jugendaustausche, z.B. ein Erasmus Plus- Austausch und das Eastern Partnership Forum Anfang August. Im September organisierten wir Youth Eastern Partnership Forum. Mehr als 20 (Jugend-)Organisationen aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft haben daran teilgenommen. In diesem Forum wurde die Sicherheit im Internet und Netzwerk, die Förderung des Austauschs zwischen den Ländern sowie Russlands hybride Kriegsführung diskutiert.

In unserem dritten Bereich geht es um die Stärkung der Kommunikation zwischen der Politik und der Zivilgesellschaft, um z.B. fake news vorzubeugen.

Wir organisierten eine Austauschreise älterer Aktivist:innen aus Slowjansk nach Iwano-Frankijwsk. Viele dieser Menschen waren noch nie außerhalb ihrer Region. Diese Reise hat geholfen, seltsame Denkmuster über den West-Ost-Konflikt in der Ukraine aufzuheben. So leben im Westen des Landes nicht nur Nationalisten und im Osten sind nicht alle prorussisch gestimmt.

Welche wichtigen Veranstaltungen gab es sonst noch in letzter Zeit und was ist demnächst geplant?

Am 22. und 23.11.2021 gab es ein weiteres Forum zum Thema „Gender and Army“. Im Rahmen dieses Forums wurden Themen beleuchtet, die im Osten der Ukraine kaum angesprochen werden, z.B. das Vorgehen gegen Diskriminierung in der Armee, die Ratifizierung der Istanbul Konvention in der Ukraine, das Schicksal der LGBTQI- Menschen in den ukrainischen Streitkräften sowie die internationale Erfahrung zur Gleichberechtigung in der Armee. Ukrainische Minister, Genderbeauftragte, internationale Experten, Politiker und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft waren als Panelisten beteiligt.

Seit einiger Zeit befassen wir uns auch mit der regionalen wirtschaftlichen Entwicklung. Im Dezember planen wir ein größeres Forum dazu. Unternehmen, die sich zu Clustern zusammenschließen, können ihre wirtschaftlichen Interessen hier besser durchzusetzen. Das ist in Slowjansk besonders wichtig, denn die Wirtschaft stagniert, Investitionen werden missbraucht. Es braucht aktive Unternehmer, die das Risiko eingehen, vor Ort unternehmerisch tätig zu werden.

Welchen Mehrwert hat das Projekt bisher gebracht?

Einen politischen Mehrwert, und das ist für unsere Region sehr wichtig. Wie schon erwähnt, wurde Slowjansk zur Civil Military Administration. Erst im Oktober begann sie, richtig zu funktionieren. Bis dahin waren alle Budgetausgaben und städtischen Maßnahmen komplett blockiert.

Wir haben dazu eine Fokusgruppe mit Vertretern dieser Administration und mit unseren Partnern aus der Zivilgesellschaft organisiert und gesehen, dass die CMA diese Hilfe tatsächlich braucht. Im Weiteren unterstützen wir den Dialog zwischen der Zivilgesellschaft und der lokalen Verwaltung durch eine Reihe von Veranstaltungen und runden Tischen.

Was macht die Arbeit in der Stadt Slowjansk besonders?

Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen oder größeren Städten in der Ukraine ist die lokale Verwaltung in Slowjansk offen für Dialog. Das finde ich bemerkenswert. Man kann schnell ein Treffen mit dem verantwortlichen Abteilungsleiter organisieren und schnell Projekte oder Initiativen auf die Beine stellen.

Ein Beispiel war eine Anfrage der Ukrainischen Helsinki Union, die sich für Menschenrechte engagiert. Sie wollen ein Bildungsprogramm in Slowjansk umsetzen und sprachen uns an, ob wir helfen können, den Kontakt zur Civil Military Administration herzustellen. Schon eine Woche später traf ich deren stellvertretenden Leiter, und er stimmte dem Programm zu. So schnell kann Advocacy in Slowjansk funktionieren und ich bin stolz darauf, unseren Partnern helfen zu können.

Was wünschst Du Dir für die zukünftige Arbeit in der Drukarnia?

Ich leite dieses Zentrum erst seit Juli und denke, dass für diese Feldarbeit eine gewisse Kontinuität gewünscht ist - in der Führung und in der Umsetzungsweise von Projekten. Für das Team wünschte ich etwas mehr Stabilität und die Zuversicht, dass mit der Veränderung des Managements nichts Schlimmes passieren wird. In unserer Feldarbeit basieren viele Dinge auf Vertrauen, das erst einmal aufgebaut werden muss.

Ich denke und hoffe, dass mein Team und ich unsere Kapazitäten für die Partnerarbeit erweitern können. Wir wollen uns mehr dazu bilden, vielleicht durch Kurse im nächsten Jahr. Wir stärken die Zivilgesellschaft ohne Hintergedanken, dass etwas nicht so klappt, wie wir es erwartet haben. Ich habe auch ein ziemlich junges Team, fast alle sind unter 30. Wenn man jung ist, gibt es auch viel Ungeduld und hohe Erwartungen in Bezug auf die Projektarbeit, daran können wir sicher noch arbeiten. 

 

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