Nordossetien, Prigorodnyj Rajon: Übergangslager für inguschetische Flüchtlinge

Für interethnische Aussöhnung und sozioökonomische Stabilisierung

Im Sommer 2016 startete eine neue zweijährige Phase des DRA-Bildungsprojekts im russischen Nordkaukasus.

Ein Bildungszentrum für Nordossetien

Die Anfänge dieses Projekts reichen in das Jahr 2007 zurück: Damals begann der Deutsch-Russische Austausch zusammen mit der Menschenrechtsorganisation MEMORIAL (Moskau) mit dem Aufbau eines Bildungszentrums in Kurtat im Prigorodnyj Rajon der russischen Teilrepublik Nordossetien-Alanien. Den Hintergrund bildeten Konflikte zwischen den in dieser Region lebenden Osset_innen und Ingusch_innen wie auch die Armut, Erwerbs- und Perspektivlosigkeit der Mehrheit der Bevölkerung. Die Feindseligkeiten der beiden Volksgruppen begannen 1934 im Zusammenhang mit willkürlichen Grenzziehungen unter Stalin. 1992 führten sie zu einem Bürgerkrieg, in dessen Folge die Ingusch_innen für fast 15 Jahre vertrieben wurden.

Das Bildungszentrum in Kurtat eröffnete ab 2008 mit interethnisch besetzten Existenzgründerkursen den Teilnehmer_innen neue und realistische Erwerbsperspektiven. Zugleich kamen dabei Osset_innen und Ingusch_innen zum gemeinsamen Lernen zusammen, lernten sich näher kennen und knüpften friedliche Kontakte. Das Progamm des Zentrums wuchs darüber hinaus beständig: Hinzu kamen PC-, Englisch- und Buchhaltungskurse, gemeinsame Freizeit- und Lernangebote für Schüler_innen aus ossetischen und inguschischen Schulen (Videoprojekte, Sommerlager, Vorträge, gemeinsam gestaltete Feste), Toleranz- und Konfliktlösungsseminare für Lehrer_innen aus beiden ethnischen Gruppen und Dutzende weiterer Veranstaltungen zu beruflichen, sozialen und interkulturellen Fragen der Region. Auch wurden über die Jahre Hunderte von Beratungen durchgeführt - von juristischen Konsultationen für Flüchtlinge über Consulting für Existenzgründer_innen/Kleinunternehmer_innen bis zur Unterstützung von Jugendlichen bei der Berufsorientierung. Schließlich wurde auch Lobbyarbeit bei den Regionalbehörden und auf föderaler Ebene in Moskau geleistet.

Im Juni 2014 ging die Koordination der Arbeit vor Ort von MEMORIAL an die russische NGO "Svoe Delo" ("Die eigene Sache"). „Svoje delo“ wurde bereits im September 2011 im Rahmen des Projekts gegründet und steht unter der Leitung der langjährigen russischen Projektkoordinatorin Julia Chardina (Moskau), die das Bildungszentrum als Modell auch für andere Regionen Russlands weiterentwickelt.

Erfahrungstransfer nach Inguschetien

Unter Nutzung der in Kurtat gesammelten positiven Erfahrungen wurde im November 2014 in der Nachbarrepublik Inguschetien ein weiteres Bildungszentrum eröffnet.

Inguschetien ist russlandweit die Region mit dem geringsten Einkommensniveau. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei rd. 50%. Die Republik ist zugleich geprägt durch ein historisch angespanntes Verhältnis zur ebenfalls benachbarten Republik Tschetschenien, deren Oberhaupt, Ramsam Kadyrov, wiederholt Ansprüche auf den inguschischen Sunschenskij Rajon erhoben hat, in dem sich das neue Bildungszentrum befindet. In dem Bezirk sind nach den Ingusch_innen die Tschetschen_innen die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe.

Auch hier wurden - in der Siedlung Ordschonikidsewskaja (Sunshenskij Rajon) - von Anfang interethnisch besetzte Gründerkurse, andere Weiterbildungen und besondere Angebote für Jugendliche organisiert. Außerdem gibt es Veranstaltungen speziell für Frauen. Bei regelmäßigen Treffen des „Tjoplyj Dom“ ("Gemütliches Haus") besprechen sie Probleme, mit denen sie in ihrem Alltag konfrontiert sind - von den oftmals archaisch-patriachalen Familienstrukturen bis zu ihrem instabilen Lebensumfeld, das dazu führt, dass v.a. viele männliche Jugendliche bzw. junge Männer überdurchschnittlich häufig zu Drogen greifen, kriminell werden oder sich ideologisch radikalisieren und islamistischen Untergrundgruppen anschließen.

Insgesamt haben die Veranstaltungen des Projekts schon jetzt Tausende Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammengebracht. Die Existenzgründerkurse haben die Entstehung von über 500 neuen Kleingewerben ermöglicht, von denen viele mehr als einer Person Arbeit geben bzw. den Lebensunterhalt sichern.

Parallel zu der Arbeit im Nordkaukasus hat unsere russische Partnerorganisation "Svoe Delo" mittlerweile auch in der westlich des Urals gelegenen russischen Teilrepublik Udmurtien ein Bildungszentrum eingerichtet, das sich schwerpunktmäßig an Frauen wendet und das ebenfalls vom DRA unterstützt wird.

Die aktuelle Projektarbeit

Im nordossetischen Prigorodnyj Rajon wurden die erwerbsbezogenen Bildungsangebote zurückgefahren. Der Schwerpunkt liegt hier jetzt bei der außerschulischen Jugendarbeit. Sie zielt auf die Stärkung des gemeinnützigen Engagements und umfasst Bildungsveranstaltungen und vor allem vielfältige, in Kooperation mit offiziellen Stellen und gemeinnützigen Organisationen durchgeführte Jugendaktionen sozialer, teilweise auch ökologischer Ausrichtung.

Zentrum der Projektarbeit ist aktuell die Stadt Sunscha in Inguschetien. Im dortigen Zentrum des Projekts finden Vorträge, Kurse und Businesswettbewerbe zur Förderung von Menschen statt, die ein Kleingewerbe gründen möchten oder HIlfe bei der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit brauchen. Fortlaufend werden auch juristische Beratungen zu verschiedenen Fragen durchgeführt (Eingaben bei Behörden, soziale Fragen, weitere Begleitung von Gewerbegründer_innen etc.) Eine enge Zusammenarbeit besteht mit "Stancija metro", dem unlängst in Nasran gegründeten ersten Co-Working-Zentrum im Nordkaukasus. Weitere Projektmaßnahmen gelten der Förderung von Frauen und der verstärkten Vernetzung und Kooperation zwischen zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen Inguschetiens.

Schließlich werden derzeit auch weitere Bildungs- und Vernetzungsangebote entwickelt, die im Chassarvjurtovskij Rajon der multiethnischen Teilrepublik Dagestan ebenfalls die Anliegen sozioökonomischer Stabilisierung, kooperativer interethnischer Beziehungen und einer Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements miteinander verbinden werden.

Projektmitarbeit:

Julia Chardina, 2007-2013, Memorial, Moskau, seit 2013 als Direktorin der NGO "Fond Svoe Delo"

Katya Kokorina, Memorial Moskau (2009-2011)

Svetlana Gannuschkina, Memorial / Grashdanskoe dejstvie, Moskau (bis 2013)

Stephanie Weber-Tsomakaeva, DRA, St. Petersburg (bis 2012)

Stefan Melle, DRA, Berlin

Andrea Gotzes, DRA, Berlin (seit Juni 2016)

 

Das Bildungsprojekt im Nordkaukasus wurde bisher gefördert durch

  • Diakonisches Werk (Programme Hoffnung für Osteuropa, Brot für die Welt)
  • Katholisches Osteuropa-Hilfswerk Renovabis
  • Muslime Helfen e.V.
  • Memorial Deutschland
  • Europäische Kommission

Die aktuelle Projektphase (2016-18) wird gefördert von:

  • Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung/Brot für die Welt
  • Katholisches Osteuropa-Hilfswerk Renovabis
  • Britische Botschaft in der Russischen Föderation