DRA Newsletter August 2009


Liebe Leserinnen und Leser des DRA-Newsletters,

hiermit informieren wir Sie über die internationale Projektarbeit sowie aktuelle Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Ausschreibungen des DRA/Berlin (www.austausch.org) sowie in einer Auswahl über die Aktivitäten unserer Partnerorganisation DRA/St. Petersburg (www.obmen.org)

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Inhalt

1) Moderate Erleichterungen für russische Bürgerinitiativen

Präsident Dmitrij Medvedev hat am 17. Juli einige entschärfende Neuregelungen im Gesetz über nichtkommerzielle Organisationen (NKO) unterzeichnet. So genügt bei kleineren NKO mit maximal 3 Mio. Rubel (ca. 68 000 €) Umsatz pro Jahr künftig eine vereinfachte Buchhaltung. Die Finanzkontrolle soll nur noch alle drei Jahre stattfinden, die Zahl der eingeforderten Unterlagen schrumpft. Die Registrierung neuer Initiativen darf nicht mehr (wie zuvor vielfach geschehen) an unwesentlichen Formfehlern scheitern, und Absagen sind nun vor Gericht anfechtbar. Diese und weitere Neuregelungen betreffen allerdings bisher nur eine Minderheit der Nichtregierungsorganisationen im Land. Auch für die ausländischen gelten zunächst alle drastischen Vorschriften des Gesetzes von 2006 weiter. Bürgerrechtler_innen hoffen unterdessen, noch vor 2010 auch Steuererleichterungen für die Bürgerinitiativen durchsetzen zu können.

2) Mahnwache für N. Estemirova, Bitte um Spenden für ihre Tochter

Die deutsche Sektion der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, Amnesty International und Reporter ohne Grenzen rufen für den 23. August bundesweit zu Trauer-Mahnwachen für Natalia Estemirova auf, so u.a. in München und in Berlin (17-19 Uhr Alexanderplatz, Weltzeituhr). Der Tod der „Memorial“-Mitarbeiterin wird dann 40 Tage zurückliegen. Sie hatte in Tschetschenien wiederholt Verbrechen der Sicherheitskräfte aufgedeckt. Am 15. Juli wurde sie aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny verschleppt und später in Inguschetien erschossen aufgefunden. Der DRA unterstützt als Mitinitiator den Aufruf in Berlin, der Menschenrechtsaktivistin schweigend zu gedenken, und beteiligt sich auch an einer Unterstützungsaktion zugunsten von Estemirovas Tochter. Svetlana Gannuschkina, Vorstandsmitglied von „Memorial“ in Moskau, bittet im Namen der Organisation um Spenden für die sechzehnjährige Lana, die nun als mittellose Waise bei einer Tante leben wird, bis sie ein Studium aufnehmen kann. Der DRA bietet an, finanzielle Hilfen für Lana Estemirova direkt auf das Unterstützungskonto in Jekaterinburg weiterzuleiten. Bitte überweisen Sie an: DRA, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00, Konto-Nr. 33 181 01, Kennwort: Spende Svetlana Estemirova. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!

3) Seminare für Pflegepersonal aus Petersburger Behinderteninternat

„Die Haltung gegenüber dem Kind und das Bild vom Menschen“, „Sind unsere Kinder wirklich krank?“, „Lernfähigkeit und Lernunfähigkeit“: So lauteten die ersten Unterrichtsthemen eines Qualifizierungsprogramms für Pflegepersonal im Heim für mehrfach behinderte Kinder Nr. 4 in Pavlovsk (St. Petersburg), mit dem die Petersburger Behindertenhilfsorganisation „Perspektivy“ und der DRA seit Mai ihre langjährige Zusammenarbeit fortsetzen. Durch das auf zwei Jahre angelegte Weiterbildungsprojekt „Wissen, um zu helfen“ erhalten mehr als 40 Mitarbeiter_innen des Heims Grundlagenkenntnisse zu pädagogischen und Rehabilitationsaspekten bei der Pflege der schwerstbehinderten Kinder. Dabei geht es um die Förderung der Selbstständigkeit und Hygiene der Kinder, aber auch um das Spiel und die Kommunikation mit ihnen. Für manche der Pflegekräfte ist es die erste Berufsqualifizierung überhaupt – wegen der niedrigen Löhne können Behinderteneinrichtungen in Russland oft nur Ungelernte für die Pflege einstellen. Das Programm wird vom Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche und der Caritas Osnabrück finanziell unterstützt.

4) Generationendialog im Bild - Ausstellung in Gomel

Im Rahmen des Projektes „Ältere für Ältere“ wurde am 2. Juli in Gomel (Belarus) die Fotoausstellung „85 und 5: Dialog der Generationen“ eröffnet. An der Vernissage im Kinder- und Jugendpalast „Junost“ nahmen unter anderen zahlreiche Vertreter der Stadtverwaltung, so auch der Leiter des Amtes für Bildung, sowie Kinder und Kriegsveteranen teil. Die 40 Exponate der Wanderausstellung stammen überwiegend von Inna Trucevitsch, einer Studentin aus Gomel, die bereits verschiedene Fotofestivals organisiert hat und deren Arbeiten mit zahlreichen Preisen geehrt wurden. Das zweijährige Vorhaben „Ältere für Ältere“ der Gomeler Organisation „Socialnye Projekty“ und des DRA wird von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ gefördert.

5) Einladung: Fundraising-Workshop am 15.9. in Berlin

Zu dem ganztägigen Workshop „Ohne Geld geht’s nicht - Fundraising für Patenschafts- und Mentoringinitiativen“ lädt die Berliner Servicestelle der „Aktion zusammen wachsen“, an der auch der DRA beteiligt ist, am 15. September in das Nachbarschaftshaus Urbanstraße e.V. in Berlin-Kreuzberg ein. Das kostenfreie Angebot richtet sich an Mitarbeiter_innen von Patenschafts- und Mentoring-Projekten, an VertreterInnen von Migrantenorganisationen, die sich für Patenschaften interessieren, und an Akteure, die ein Patenschaftsprojekt aufbauen möchten. Im Mittelpunkt werden die Voraussetzungen und projektspezifischen Besonderheiten eines erfolgreichen Fundraisings stehen. Der Workshop wird von Peter K. Bohl (Mentoringprojekt ENERGON der ver.di JugendBildungsstätte Berlin-Konradshöhe) gemeinsam mit den Sprecherinnen der Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen Berlin, Andrea Brandt (Freiwilligenagentur Kreuzberg) und Bettina Bofinger (DRA), durchgeführt. Über die Fachinformationen hinaus bietet die Veranstaltung auch Raum für den praxisorientierten Erfahrungsaustausch www.aktion-zusammen-wachsen.de/berlin.

6) Dönhoff-Stipendiatinnen beginnen Freiwilligendienst

Auch 2009 ermöglicht die Marion-Dönhoff-Stiftung vier jungen Osteuropäer_innen einen vom DRA organisierten halbjährigen Freiwilligendienst in Berlin. Diesmal wurden aus über 50 Bewerber_innen vier russische Stipendiatinnen gewählt, die sich in ihren Heimatstädten Tomsk, Novosibirsk, Tjumen und Ischevsk seit Jahren in der Jugend- und Freiwilligenarbeit engagieren. Die Aufnahmeorganisationen sind diesmal der Technische Jugendbildungsverein in Praxis e.V. im Jugend- und Erholungszentrum Wuhlheide (FEZ), das Medienkompetenzzentrum „Die Lücke“ im Kiezspinne FAS e.V. Lichtenberg, der Schülerladen der Türkischen Gemeinde (im Rahmen des Projekts „Migrantenorganisationen als Träger von Freiwilligendiensten“) sowie (wie schon im Vorjahr) die Naturschutzjugend (NAJU) im Naturschutzbund Deutschland e.V. Begleitend zu dem Freiwilligendienst organisiert der DRA erneut ein umfangreiches Programm zur politischen Bildung.

7) Filmreihe zum russischen Truppenabzug vor 15 Jahren

Das Kino für russischen Film „Krokodil“ in Berlin und der DRA veranstalten am 31. August, 20 Uhr, einen Filmabend zu der fast fünfzigjährigen Stationierung sowjetischer bzw. russischer Truppen in Ostdeutschland. Gezeigt werden Auszüge aus der mehrteiligen Fernsehdokumentation des RBB „Roter Stern über Deutschland“ (2001) in Anwesenheit des Regisseurs Christian Klemke. Es folgt ein Gespräch zum Thema „Ein verunglückter Abschied und seine Folgen“ über die Umstände des Abzugs der russischen Truppen 1994 und das heutige Verhältnis der Deutschen zu Russland. Debattieren werden voraussichtlich Christian T. Müller (MiIitärhistoriker, Hamburger Institut für Friedensforschung) und ein Vertreter der russischen Botschaft (beide angefragt) sowie Stefan Melle (DRA). Der Abend ist Teil der Filmveranstaltungsreihe „Lange nach der Schlacht“, die das Kino „Krokodil“ zum 15. Jahrestag des Abzugs der russischen Armee aus Deutschland anbietet. Sie beginnt am 26. August (20 Uhr) mit der gleichnamigen Filmdokumentation über die Auflösung der Garnison Jüterbog/Altes Lager südlich von Berlin und dauert bis in den September.

8) Umweltprobleme bei Ostseegasleitung erörtert

Zu einer Podiumsdiskussion über ökologische Risiken der im Bau befindlichen Ostseegasleitung „Nord Stream“ hatte der DRA am 29. Juni ins Zeughauskino Berlin eingeladen. Für das Eigentümer-Konsortium Nord Stream AG erklärten Jens D. Müller und Neel Stroebaek, die Umweltprüfungen zu allen „fünf großen Herausforderungen“ – Fischfang, Seefahrt, Altmunition, Naturbestand, Seegrund – seien gründlich gewesen, und eine mehrfache Streckenkorrektur habe Risiken ausgeräumt. Rainder Steenblock (MdB, Grüne) betonte, dass erst der öffentliche Protest die vertieften Umweltprüfungen erzwungen habe und nun auch die Nutzung konsequent kontrolliert werden müsse. Tobias Münchmeyer (Greenpeace) erklärte, dass eine Verlegung an Land ökologischer, am umweltfreundlichsten jedoch eine Energiesparpolitik wäre. Er erinnerte zugleich an die europapolitischen Probleme, die das Bauvorhaben durch die brüske Umgehung von Polen und Balten ausgelöst hat. Der russische Umweltjournalist Grigorij Pasko forderte vom Haupteigner der Nord Stream AG, dem russischen Konzern Gasprom, für Orte an der Pipeline in Russland ebensolche Entwicklungshilfen zu leisten wie etwa in Schweden. Er machte auch deutlich, dass die russische Zivilgesellschaft noch nicht stark genug ist, Umwelt- und Baustandards durchzusetzen. Vor Beginn der Diskussion war sein Dokumentarfilm „Buried at Sea – Auf dem Meeresboden verlegt“ gezeigt worden, der Stimmungen von Anwohnern entlang der geplanten Ostseegasleitung zeigt.

9) Podiumsdiskussion über Rolle der russischen Armee

Das Verhältnis von „Militär und Bürger in Russland“ ist bis heute von sowjetischen Rollenmustern belastet – so lautete am 14. Juli das Fazit einer von Manfred Sapper (Chefredakteur der Zeitschrift „Osteuropa“) moderierten Veranstaltung des DRA zu diesem Thema im Haus der Demokratie in Berlin. An den großen gesellschaftlichen Einfluss des russischen Militärs schon zur Zarenzeit erinnerte der Historiker Prof. Werner Benecke (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder). Offiziere hätten damals allerdings häufig auch zivile Aufgaben übernommen und zugleich kulturell eine erhebliche Rolle gespielt. Die verstärkte Vorbildrolle der Streitkräfte in der in vielen Bereichen militarisierten Sowjetgesellschaft erläuterte Christian T. Müller vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Elena Parchina-Stein, Autorin des Buches „Militär und Staatsbürgerschaftskrise in Russland“, legte dar, wie in den 90-er Jahren die Armee – u.a. wegen der Rekrutenpeinigung durch ältere Militärs („dedovschtschina“) - zum Inbegriff von Willkür und Rückständigkeit wurde. Dass das Militär heute nicht nur in Russland vergleichsweise isolierte Lebenswelten herausbildet, zeigte der frühere US-Offizier Jeff Montrose (Katholische Universität Eichstätt) anhand der US-Soldaten im Irakkrieg. Konsens bestand darin, dass die feste Verankerung der alten Elite in den russischen Streitkräften nach wie vor deren Modernisierung erschwert. Die Armee wiederum sieht sich mit dem Sieg im Nordossetienkrieg hinsichtlich ihrer Handlungsfähigkeit und Zuverlässigkeit als Landesverteidigerin rehabilitiert.

10) Deutsch-Russischer Doppelmaster Interkulturelle Sozialarbeit

Zum zweiten Mal bieten die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und die Moskauer Humanistische Universität gemeinsam die Möglichkeit, einen Deutsch-Russischen Doppelmaster für Interkulturelle Sozialarbeit zu erwerben. Das Zusatzstudium beginnt am 1. Februar 2010 mit einem Semester in Moskau (auf Russisch), es folgen ein Semester in Berlin und die Abschlussarbeit. Zu den Studieninhalten gehören u.a.: Handlungsfelder, Theorie, Praxis, philosophisch-humanistische und menschenrechtliche Aspekte der sozialen Arbeit; interkulturelle Kommunikation, Migration, Konfliktmanagement, Beratungskompetenz, soziologische Analyse sowie spezifisch die Interaktion zwischen Russland und Deutschland. Für das erste Semester sind DAAD-Stipendien vorgesehen, die folgenden sind gebührenpflichtig. Weitere Informationen über: http://www.ash-berlin.eu/doppelmaster oder Prof. Jürgen Nowak.

11) Ausschreibung: Praktikum im Integrationsprojekt „Professija.DE“

Der Deutsch-Russische Austausch e.V. vergibt ab 1.10.2009 eine Vollzeit-Praktikumsstelle im Rahmen seines neuen Projekts „Professija.DE – deutsch-russische Unternehmer engagiert für Ausbildung und Integration“. Das Praktikum sollte mindestens vier, idealerweise 6 Monate dauern. Das dreijährige Projekt „Professija.DE“ soll die berufliche Integration russischsprachiger Migrant_innen in Leipzig, Potsdam und Rostock verbessern. Dazu werden russischsprachige Unternehmen an die Ausbildung Jugendlicher herangeführt. Zugleich werden sie stärker mit der einheimischen Gesellschaft vernetzt. Geplant ist zudem der Aufbau eines deutsch-russischen Internetportals zu den Themen Ausbildung und Berufsintegration. Die Assistenz arbeitet unterstützend in sämtlichen Bereichen des Projekts mit. Das Praktikum wird mit 300 € / Monat vergütet.