Mit großer Betroffenheit haben wir erfahren, dass gestern Abend in St. Petersburg Vladimir Schnitke (Владимир Шнитке) gestorben ist, der langjährige Direktor von Memorial St. Petersburg und auch eines der Gründungsmitglieder des DRA St. Petersburg seit 1992. Er starb im Alter von fast 83 Jahren an Covid, nachdem er seit gut einer Woche mit Beatmung und im Koma im Krankenhaus gelegen hatte.
Für Memorial St. Petersburg war er - neben Venyamin Joffe - eine der prägenden Gestalten. 1939 geboren und studierter Ingenieur, hatte er hatte nicht nur die Leningrader Blockade überlebt, sondern war auch schon seit 1964 in der Gruppe "Kolokol" ("Glocke") in dissidentischen Kreisen aktiv. 1989 kam er zum gerade gegründeten "Memorial". Und auch für den DRA St. Petersburg war er nicht nur Partner und Teil der Orientierung, sondern auch Mitgestalter und - bis zur erzwungenen Auflösung des "Vereins" (OO - общественная организация) auch einer von dessen Gründern und Vorständen. Ebenso vom Zentrum für die Entwicklung von non-profit-Organisationen (ZRNO), dazu lange Zeit Berater und Mitglied des Petersburger Menschenrechtsrats, Leiter der "ONK", des gesellschaftlichen Beirats für Kontrolle der Haftanstalten.
Gestalter war er in einer spezifischen Weise - leise, eindringlich, durchaus fordernd, aber auch bedachtsam, vorsichtig und eher ein nachdringlicher Gesprächspartner in Hintergrundgesprächen (auch wenn es um die Zustände in den Gefängnissen ging, deren Zustände und Praktiken er jahrelang in der "ONK" kontrolliert und kritisiert hat). In Memorial hat er vor allem die soziale Verantwortung wahrgenommen, und bis zuletzt haben noch ehrenamtliche Rentner:innen aus Berlin ihre persönlichen Spenden über den DRA Berlin und ihn an bedürftige und längst hochbetagte Überlebende der Blockade und des Gulag übergeben.
In den 90er Jahren hat Vladimir Schnitke sich sogar in ein damals völliges NGO-Neuland gewagt, Audit - mithin Qualitätsentwicklung - von NGOs. Saubere Arbeit, inkl. Finanzarbeit von NGOs - das war ihm ein Bedürfnis, in der Gemeinnützigkeit und überall. Er hat damit, als stiller Teilhaber, einen weiteren Schritt in die Moderne und eine good governance eröffnet hat.
In der Umgebung von völliger bad governance ist Vladimir nun gestorben, und wie seine Kolleg:innen schreiben, hat ihn zuletzt die beklemmende Entwicklung in Russland vor Silvester - die Liquidation von Memorial International und dem Menschenrechtszentrum sowie die erneute Haftverlängerung für seinen Kollegen aus Yuri Dmitriev - noch erreicht und auch am meisten beschäftigt.
Man kann sich das gut vorstellen, denn es schließt sich leider gerade auf entsetzliche Weise ein historischer Kreis: Jene, die Ende der 80er/Anfang der 90er die spätsowjetische und nachsowjetisch-russische Gesellschaft mit auf einen anderen Weg gebracht haben - und denen damals schon auch viele aus anderen Ländern, darunter vom DRA, beigestanden haben - sie werden jetzt vor die systematische Zerstörung ihrer Arbeit gestellt. Und die politische Führung des Landes ist in einer Weise auf alte Muster fixiert, dass wir den 50er Jahren näher als den 80ern sind.
Es geht nun, nachdem in den vergangenen Jahren auch schon so wichtige Menschen wie Arsenij Roginskij, Lyudmila Alexeeva, Sergey Kovalev und andere gestorben sind, eine Generation, die diesen Impuls gesetzt hat und in ebenfalls schwerer Zeit - oft schon , wie Vladimir Shnitke, seit den 60ern/70ern - begonnen hat. Nun müssen die folgenden Generationen, auch wir, dies weitertragen, um in einer ferneren Perspektive wieder in humanitärere, demokratische und rechtsstaatliche Fahrwasser zu gelangen, in der die russische Gesellschaft gemeinsam mit den anderen in Europa den Frieden wahren, die Diktaturen unbehindert aufarbeiten, die anspruchsvollen Fragen der modernen, globalen Gesellschaft demokratisch bewältigen und in einem gemeinsamen offenen Raum sich entwickeln können. Für diese europäische und Weltoffenheit, für diesen sozialen Gedanken, für die Verlässlichkeit von Recht und Rechten stand unser Freund Vladimir Schnitke jahrzehntelang. Dafür sind wir dankbar und für diese Gemeinsamkeit werden wir seiner und seiner Freundschaft gedenken.
Ein sehr schöner Nachruf von Uta Gerlant mit Einblicken in seine Biografie, wie er von den Chemie-Ingenieuren zu den Dissidenten geriet, den Tunguska-Meteoriten erforschte, mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) die erste Studienreise nach Berlin unternahm - zum späteren DRA-Gründer Rudi Piwko und der Ev. Akademie -, wie MEMORIAL Deutschland entstand und die Solidaritätskonzerte Berlin-St. Petersburg: www.memorial.de/index.php/7983-wladimir-schnittke-gestorben