Renaissance der Atomkraft im postsowjetischen Raum. Gedenken an den 35. Jahrestag von Tschernobyl

Heute vor 35 Jahren ereignete sich die größte technologische Katastrophe der Menschheitsgeschichte – der Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl. Unsere Mitarbeiterin Maria Rudz, Koordinatorin des DRA-Projekts "Klimabildung in Russland und Belarus", schreibt aus Anlass dieses Gedenkens über die Ambivalenzen der aktuellen Renaissance der Atomkraft im postsowjetischen Raum und die Aufgaben für die Zukunft:

"Am 26. April 1986 wurde in Folge einer Explosion Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl vollständig zerstört. 97% des radioaktiven Kernbrennstoffs wurden in die Atmosphäre freigesetzt, 23% des Territoriums von Belarus in der Folge mit radioaktivem Cäsium-137 kontaminiert.
 
Der Unfall im Kernkraftwerk hat gezeigt, wie wichtig ein zeitnaher und uneingeschränkter Zugang zu Umweltinformationen ist: Der erste Medienbericht zum folgenschweren Geschehen erschien erst am Abend des 28. April und die Evakuierung der Stadt Pripyat, die drei Kilometer vom Atomkraftwerk Tschernobyl entfernt lag, begann erst 36 Stunden nach der Katastrophe. Viele Todesfälle und schwerwiegende gesundheitliche Folgen hätten durch rechtzeitiges Handeln vermieden werden können.
 
Etwa 350.000 Menschen wurden evakuiert, umgesiedelt oder verließen freiwillig die betroffenen Gebiete. Mehr als 600.000 Personen beteiligten sich an der Beseitigung der Folgen des Unfalls, 60.000 von ihnen starben, 165.000 leben seitdem mit Behinderungen.
 
Radioaktives Cäsium-137 wurde weit über Zentraleuropa bis in den Norden Skandinaviens verteilt. Auch Regionen in Deutschland, wie der südliche Teil Bayerns sowie der Bayerische Wald, sind bis heute betroffen.
Mittlerweile ist die Sperrzone ein beispielloses ökologisches Reservat, in dem das natürliche Ökosystem ohne menschliches Eingreifen in seine ursprüngliche Form zurückkehrt. Die in den polesischen Gebieten einzigartige Population von Braunbären, Elchen, Wölfen, Luchsen, Hirschen und Przewalski-Pferde konnten sich wieder verbreiten.
 
In den vergangenen Jahren wurden jedoch immer mehr Versuche unternommen, wieder wirtschaftliche Aktivitäten in kontaminierten Gebieten aufzunehmen. Projekte wie die geplante E40-Wasserstraße zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer bedrohen nicht nur die einzigartigen Ökosysteme von Polesse, durch die Bauarbeiten entsteht auch radioaktiver Schlamm, der stromabwärts zum Kiewer Stausee fließt – der Hauptwasserquelle für 30 Millionen Ukrainer:innen. Zudem wirkt sich der Klimawandel negativ auf die Gebiete rund um Tschernobyl aus. So setzten immer häufiger werdende Waldbrände radioaktive Partikel in die Atmosphäre frei.
 
Die Katastrophe von Tschernobyl und die Folgen werden uns noch sehr lange begleiten: Der vollständige Zerfall des letzten radioaktiven Elements Plutonium-239 in kontaminierten Gebieten zurück in den natürlichen Zustand wird erst im Jahr 26486 eintreten. Der Umgang und die Verwaltung kontaminierter Gebiete, die Unterstützung der Opfer und die Minimierung der Gesundheitsrisiken für die lokale Bevölkerung sollten nicht nur in Belarus und der Ukraine, sondern auch auf europäischer Ebene Gegenstand einer breiten gesellschaftlichen Diskussion sein.
 
Auch in Deutschland wurde eine politische Initiative zur Hilfe für die Betroffenen, vor allem für von der Katastrophe betroffene Kinder, umgesetzt, die bis heute andauert. Diese Initiativen sind aber viel zu wenig in der breiten Öffentlichkeit präsent.
 
Der Jahrestag des Unfalls von Tschernobyl ist ein wichtiger Grund, darüber nachzudenken, wie wir mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen umgehen und was wir den nachfolgenden Generationen hinterlassen wollen. Das gilt umso mehr, da im postsowjetischen Raum eine Renaissance der Atomkraft zu beobachten ist: In Belarus, der Ukraine oder Russland sind in den vergangenen Jahren neue AKWs in den Betrieb gegangen oder werden gerade gebaut. Und auch die deutsche Bundesregierung hat den hochumstrittenen Export von Atommüll aus der Wiederaufbereitungsanlage in Gronau nach Russland wieder aufgenommen, obwohl hierzulande Kernkraftwerke bis Ende 2022 vom Netz gehen sollen. Dies blockiert eine nachhaltige Energiewende in Ost und West, die unkalkulierbaren Risiken tragen im Zweifelsfall Mensch und Natur.
 
 
Maria Rudz, DRA
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Das DRA-Projekt "Klimabildung in Russland und Belarus" wird vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik finanziell gefördert.

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