Podiumsgespräch Autoritäre Modernisierung in Russland: gestern und heute

Was ist autoritäre Modernisierung? Was bedeutet sie für die Gesellschaft, für Bürgerinnen und Bürger? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen der Sowjetunion und dem heutigen Russland in den Versuchen, das Land zu entwickeln?

Diesen Fragen gingen der Historiker Robert Kindler (Humboldt Universität zu Berlin), der Wirtschaftswissenschaftler Dmitrij Travin (Europäische Universität Sankt-Petersburg) am 13. September 2017 in Berlin nach. Die Diskussion fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Die Oktoberrevolution und ihre Folgen: Rückblicke auf die Gegenwart“ statt, die von der AG Geschichte des DRA organisiert und von der Stiftung Aufarbeitung gefördert wird.

Kindler und Travin waren sich einig in der Feststellung, dass der Begriff der Modernisierung nicht einfach zu fassen ist. Jedoch gebe es gewisse Beschreibungsmerkmale, die die Modernisierungstheorie seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelt hat. Dazu zählen Marktwirtschaft, Industrialisierung, Bürokratie sowie ein demokratisches System. Bei autoritärer Modernisierung, wo über die gesellschaftliche Entwicklungsrichtung zentral entschieden wird, komme es hingegen zu Verzerrungen, Asymmetrien und nicht selten auch zu hohen Kosten für die jeweilige Bevölkerung.

Travin veranschaulichte dies am Beispiel der frühen Sowjetunion, als die Schwerindustrie auf Kosten der Bauernschaft entwickelt wurde. Er hob weiterhin hervor, dass Stalins Modernisierungsversuche mehr Probleme als Lösungen für das Land verursacht hätten. Die Industrie sollte in erster Linie einer überzogenen Aufrüstung der Streitkräfte dienen. Nach dem Kalten Krieg und dem Zerfall der Sowjetunion habe sich diese Entwicklung als fatale und ineffiziente Fehlinvestition entpuppt. Der Wirtschaftswissenschaftler Travin hob mit diesem und weiteren Beispielen die mörderische Kehrseite von Stalins Modernisierungsversuche hervor, die Millionen Menschen das Leben kostete und einen Großteil der Reformen in den 1990er Jahren nötig machte. Auch Robert Kindler betonte, dass die sowjetische Modernisierung trotz gewisser Errungenschaften – wie einem höheren Bildungsniveau und gestiegener Industrialisierung – insgesamt zu hohe Kosten verursachte, wie dem Verlust traditioneller Eliten, Repressionen und der Forderung von absoluter Loyalität gegenüber dem Staat.

Als einer der Gründe, warum Stalin immer noch positiv von der russländischen Gesellschaft bewertet wird, nannte Kindler den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, der in der kollektiven Erinnerung sehr eng mit Stalin verbunden sei. Außerdem seien heute immer noch viele Industrieanlagen und Betriebe aus der Sowjetzeit hervorgegangen. Auch wenn diese wirtschaftlich ineffizient gewesen waren oder es sind, seien mit diesen Betrieben individuelle wie kollektive Erinnerungen eng verknüpft.

Beide Experten waren sich daher einig, dass die Modernisierungsbemühungen im heutigen Russland einen autoritären Charakter hätten wie einst die sowjetischen. Dmitrij Travin stellte die These auf, dass die Regierung und der Präsident in die Entwicklung der Armee und Sicherheitskräfte investierten, da dort schnelle Ergebnisse zu erzielen seien – und zudem als Machtressource dienten. Dringend benötigte Bildungsinvestitionen würden hingegen vernachlässigt, wiederum auch, da diese Investitionen sich erst nach Jahren zeigten bzw. auszahlten. Auch Robert Kindler unterstrich, dass die autoritäre Modernisierung in Russland nicht an tatsächlicher wirtschaftlicher Entwicklung ausgerichtet werde, sondern dem politischen Machterhalt und der unmittelbaren gesellschaftlichen Stabilisierung diene.

Travin und Kindler prognostizierten dementsprechend wenig positive Aussichten für Russland. Auch wenn es progressive Programme und Projekte für Modernisierung gebe, mangele es bei der Implementierung an echtem Interesse der Regierung. Als Beispiel nannte Travin das neue wirtschaftliche Entwicklungsinitiative des ehemaligen Finanzministers Alexei Kudrin, die gesenkte Rüstungsausgaben, Bildungsinvestitionen sowie die Anwerbung ausländischer Investitionen vorsieht. Letzteres sei vor allem wegen der Wirtschaftssanktionen und der staatlichen Missachtung von Eigentumsrechten derzeit nicht zu erfüllen, so Travin. Verbesserungen seien solange nicht in Sicht, solange rechtsstaatliche Prinzipien nicht angewandt würden. Erst mit dem Rechtsstaat würden Wirtschaftswachstum und nachhaltige Modernisierung möglich. Travin sagte daher für die kommende Zeit weitere wirtschaftliche Stagnation, eine verschärfte autoritäre Politik sowie die anhaltende Auswanderung hochqualifizierter Fachkräfte aus Russland vorher. „In Russland gibt es für solche Menschen nur Schwierigkeiten, während der Westen ihnen Möglichkeiten bietet“, so Travin.

Die nächste Veranstaltung der AG Geschichte findet am 5. Oktober 2017, 19 Uhr, statt, im Robert-Havemann- Saal im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, 10405 Berlin statt. Thema ist dann die heutige Erinnerung an die Stalinistischen Repressionen in Russland, Gast ist der Leiter des staatlichen GULAG-Museums Moskau, Roman Romanov.

Alena Epifanova

 

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