Es ist schwer, in diesen Stunden Fassung zu bewahren und über den morgigen Tag hinauszudenken. Doch genau das ist die entscheidende Aufgabe in dieser Zeit - trotz allem die wichtigen Orientierungen nicht zu verlieren.
Wir sind erschüttert von den Attentaten und den Toten in Paris, den zynischen Überfällen, die völlig unschuldige Menschen in den Tod gerissen haben. Wir trauern mit den Angehörigen und allen in Frankreich und wünschen ihnen Kraft und Unterstützung.
Die Abwehr von Terrorismus wird zu einer Grundbedingung des Lebens in dem Maße, wie verhetzte, von Ideologien, Missachtung oder gar Hass, Überlegenheits- oder Benachteiligungsempfindungen getriebene Täter zu solchen Gewaltakten bereit sind. Die Abwehr von Terror muss die Sicherheit wieder vergrößern - sie kann aber keine absolute Sicherheit herstellen.
Es ist wichtig, dass in dieser Situation das Leben als solches nicht in Frage gestellt wird - die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, frei zu äußern, miteinander zu verkehren, zu diskutieren, Menschen anzunehmen, friedlichen interkulturellen Alltag zu praktizieren und weiter zu entwickeln. Es ist wichtig, die zentralen Orientierungen einer demokratischen, offenen Gesellschaft nicht aufzugeben, die Lebensqualität erst schaffen.
Mörder müssen verfolgt und bestraft werden, ebenso ihre Anstifter, Netzwerker, Ideologen und Finanziers. Aber genauso wichtig ist, dass die Menschenrechte nicht aufgegeben werden, dass sie weiter dazu dienen können, jeden verteidigen - vor Gericht, im Alltag, dass die Sicherheitskräfte sie wahren und alle in der Bevölkerung.
Mit neuer Dringlichkeit wird nun die Frage nach der angemessenen Antwort auf den Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien, vom Balkan, aus Afghanistan und anderen Krisenländern gestellt werden. Dabei das ganze Bild in den Blick zu nehmen heißt jedoch auch zu verstehen, dass die meisten der Ankommenden ebenfalls Opfer von Terror sind, der von Diktatoren ausgeht, von extremistischen Religionsführern und Banden, von Attentaten als täglicher Erfahrung, bei denen die Opferzahlen in den Herkunftsländern nicht selten auch in die Hunderte gehen. Von Luftschlägen ausländischer Mächte, die zum Teil absichtsvoll, zum Teil aus Versehen nicht nur bewaffnete Kräfte von Extremisten zerstören, sondern auch Wohnviertel, Infrastruktur - und Menschenleben und deren Agieren die Lage vor Ort nur verschlimmert hat.
Die Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik, die bisher schon so aufopferungsvoll und praktisch geholfen hat, die riesigen Migrationsbewegungen zu bewältigen, sie muss nun verstärkt auch für die ganze Gesellschaft Sorge tragen - dass die Hilfe weitergeht, aber auch die Menschen im Land ein glaubwürdiges Gefühl der Geschütztheit bewahren.
Die Anschläge von Paris - wie auch der mutmaßliche Abschuss der russischen Touristenmaschine über der Sinai-Halbinsel - zeigen erneut die große Verletztlichkeit der Zivilbevölkerung gegenüber den religiös und geopolitisch aufgeladenen Auseinandersetzungen. Nicht zufällig fühlten sich in Russland viele nach den Nachrichten über den Konzertclub Bataclan an die Geiselnahme im Musicaltheater Nord-Ost in Moskau 2002 erinnert.
Wenn diese Geschütztheit der Unbeteiligten auf Dauer ]nicht gewährleistet werden kann, geraten die demokratischen Institutionen und bei vielen die freiheitlichen Anschauungen ins Wanken. Wenn jetzt Grenzen erneut gezogen werden, Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und die Innen- wie die Außenpolitik einer Überprüfung unterzogen werden, dann muss all das mit der unbeirrten Orientierung geschehen, die größtmögliche Freiheit und Freizügigkeit so bald wie möglich wieder herzustellen - und nicht selbst zu Mitteln und Methoden des Terrors zu greifen.