„Mehr bewegen!“ – Fachtagung zu Konzepten für eine bessere Kinder- und Jugendbeteiligung

Gemeinsam mit der ukrainischen NGO „Agentur für Entwicklung der Bildungspolitik“ (AEPD) (http://edudevelop.org.ua/) hat der DRA am 19. November im Haus des Lehrers in Kiew eine Fachtagung zum Thema „Mittel und Wege zur Stärkung der Kinder- und Jugendbeteiligung für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft“ organisiert. Die Veranstaltung fand im Rahmen des DRA-Projektes „Mehr bewegen! – Stärkung der Demokratie in der Ukraine durch Förderung einer zivilgesellschaftlichen politischen Jugendbildung“ statt. Neben zahlreichen Partnerorganisationen aus der Ukraine, Polen, Georgien, Deutschland und Russland nahmen auch Vertreter_innen ukrainischer Ministerien teil. Eröffnet wurde die Fachtagung von der Leiterin des Departements für Bildung und Wissenschaft, Jugend und Sport der Stadt Kiew, Elena Fidanyan.

Der erste Teil der Veranstaltung war der Ukraine gewidmet, wo die Situation der politischen Jugendbildung allgemein sowie die vom DRA und AEPD in Kiev, Irpin und Saporozhje durchgeführten Jugendwahlen vorgestellt wurden. Irina Ivanyuk, stellvertretende Geschäftsführerin bei AEPD, zeichnete dabei ein kritisches Bild der politischen Jugendbildung, die theoretisch in der Schule erfolgen soll. In der Praxis werden die Lehrer_innen an den Schulen jedoch nicht geschult und weitergebildet. Auch existieren keine gesonderten Unterrichtsformen und Projektarbeit. Auf Seiten der Schüler_innen wie Lehrer_innen existieren daher starke Berührungsängste mit dem Thema, was auch bei der Umsetzung der Jugendwahlen M18 (http://m18.org.ua) (Mladshe 18, „Jünger als 18“) zu spüren war. Die ukrainischen Jugendwahlen M18 sind eine Adaption der bereits fast 20 Jahre existierenden deutschen U18-Jugendwahlen und ein „Export“ Berliner Jugendpolitik, welche der DRA den Projektpartnern bereits 2014 im Rahmen einer Austauschmaßnahme vorstellte.

Auf ukrainischer Seite gab es jedoch massive Vorbehalte bei Eltern und Politik. Befürchtet wurde, dass die Jugendwahlen als Propagandamittel eingesetzt werden könnten um einzelne Parteien und Bürgermeisterkandidaten im Wahlkampf zu bevorzugen. Weiteres Problem war, dass im Vorfeld der Wahlen kaum Wahlprogramme der Bürgermeisterkandidaten zu finden waren. So stellten sich in Kiew allein 29 Kandidaten zur Wahl, von denen aber nur  fünf Kandidaten über ein Programm verfügten. Die recherchierten Wahlprogramme waren jedoch missverständlich formuliert und selbst für die Koordinatoren schwer zu verstehen. Als Ausdruck des Protestes wurde in diesem Zusammenhang vom überwiegenden Teil der Teilnehmer_innen der Fachtagung die Wahlergebnisse in Kiew interpretiert. Mit 42,10 % der Stimmen  gewann zwar auch auf Seiten der Jugendlichen in Kiew Vladimir Klitschko die Wahl, 21,77 % der Stimmen erreichte jedoch Darth Vader, eine Figur aus den bekannten Hollywoodstreifen „Krieg der Sterne“, der sich mit einer Art „Spaßprogramm“ zur Wahl stellte. Mit Blick auf die hohe Teilnehmerzahl von ca. 3.600 Kindern und Jugendlichen und großen Wiederständen, können die erstmalig in 20 Wahlbezirken in der Ukraine durchgeführten Jugendwahlen M18 als Erfolg angesehen werden. Begleitet wurden die Wahlen von verschiedenen Workshops zur politischen Jugendbildung sowie Wettbewerben, wo zum Beispiel die kreative Gestaltung von Wahlurnen oder Wahlplakaten honoriert wurde.


Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden Projekte und Rahmenbedingungen für eine stärkere Jugend-Partizipation vorgestellt und diskutiert. Diana Föls von der Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik Berlin und Koordinatorin des U18-Projektes in Berlin erläuterte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen M18 und U18 und ging auf weitere Beteiligungsprojekte ein, wie das Berliner Jugendforum am 5. Dezember, bei dem auch die ukrainischen Jugendwahlen M18 vorgestellt werden. Die Direktorin der Bildungsabteilung des Warschauer Stadtamts Joanna Gospodarczyk erläuterte verschiedene Projekte wie den Warschauer Beteiligungsfond, wo Jugendliche über die Verwendung verschiedener Projektmittel entscheiden dürfen. Für Applaus sorgte das Statement von Maksim Ivankov von der Initiative „Schulprojekte“ aus St. Petersburg, der eingangs betonte: „Wenn sich die Staaten nicht verstehen, müssen umso mehr die Akteure der Zivilgesellschaft sich verständigen!“ Inga Paichadse (Georgische Assoziation der Bildungsinitiativen) stellte Beispiele für die Einbindung von Schulen in die politische Jugendbildung vor, aber auch ein Modell, bei dem Schuldirektoren zwar von der Bildungsverwaltung gestellt werden, aber erst der Schulrat per Wahl über ihre Einsetzung entscheidet.

Schließlich wurden auch die Rahmenbedingungen sowie neue Gesetzesvorhaben für die Ukraine diskutiert. Kritisiert wurde dabei insbesondere die geringe finanzielle Ausgestattung der Schulen und der Jugendbildung, woran sich kurzfristig leider nichts ändern wird. Ein unklares Bild blieb bei Betrachtung der Folgen der Dezentralisierung sowie die stärkere zukünftige Bedeutung der „patriotischen Erziehung“. Neben einem intensiven fachlichen Austausch bot dabei aber die Veranstaltung weiterhin ebenso regionalen und nationalen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren aus der Bildungs- und Jugendpolitik Gelegenheit sich kennenzulernen. Gefördert wird das Projekt „Mehr bewegen! “ vom Auswärtigen Amt. Mehr Informationen siehe: http://austausch.org/mehr-bewegen-politische-jugendbildung-in-der-ukraine.html. Zu den ukrainischen Jugendwahlen M18: http://www.m18.org.ua/.  Den ausführlichen Text mit Ergebnissen und kritischen Stimmen der Eltern finden Sie auf der DRA Website (www.austausch.org). Einen Artikel in der ukrainischen "Vesti" finden Sie hier (http://reporter.vesti-ukr.com/art/y2015/n41/21185-nedetskij-vybor.html)

Zurück