Klimabewusstsein in Russland wächst: Diskussion in Archangelsk mit namhaften Expert/innen – Stadt am Nordmeer länger eisfrei, Regierung setzt auf Anpassung

„Das Klima ändert sich – werden wir uns ändern?“ So lautete der Titel einer öffentlichen Diskussion, die am 27. Januar in Archangelsk als Teil des Arbeitstreffens der ACCT!-Projektgruppe stattfand.

Rund 50 Menschen kamen in den Veranstaltungsraum des Kenosero-Nationalparks, um mit russischen Expert/innen und Aktivist/innen über den Klimawandel, seine Folgen und den damit verbundenen Handlungsbedarf zu sprechen. Eingeladen hatten neben Dvischenie „42“ als Hauptveranstalter auch alle anderen Partner des ACCT!-Projekts: der DRA, Drusja Baltiki (Friends of the Baltic), RNEI, die Polytechnische Universität St. Petersburg und das UfU Berlin (s. auch oben). Auf dem Podium saßen Alexej Kokorin (Klimaexperte des WWF Russland, Moskau), Olga Senova (Direktorin von Druzja Baltiki, St. Petersburg), Tatjana Shauro (Climate Action Network International), Anastasia Kochneva (Dvischenie „42“, Archangelsk) und Arshak Makichyan (Koordinator von „Fridays for Future!“ Russland, Moskau). Den Stellungnahmen der Referent/innen folgte eine angeregte Diskussion darüber, was in Russland getan werden muss und kann, um der Klimaproblematik, aber auch anderen Umweltthemen die Aufmerksamkeit zu sichern, die ihrer Dringlichkeit gerecht wird.

Am regen Interesse für die Veranstaltung und am Diskussionsverlauf war deutlich zu erkennen, welche Bedeutung das Thema für die Menschen in der Region hat. Die Einwohner/innen von Archangelsk bekommen die Auswirkungen des Klimawandels in diesem Winter besonders deutlich vor Augen geführt: Normalerweise frieren die Flüsse der Stadt im Dezember zu und die Temperaturen bleiben danach ständig deutlich unter null, oft bei –25 Grad. In diesem Winter froren die Flüsse erst Mitte Januar zu, und das Thermometer pendelte zwischen -10 und +6 C. All dies hat Auswirkungen auf die Natur, aber auch auf das Leben der Bevölkerung: Die Versorgung der Inseln im Delta der Nördlichen Dvina, die im Winter über den zugefrorenen Fluss erfolgt, ist eingeschränkt, weil das Eis noch keine schweren Lasten tragen kann. Auch Moskau erlebt den wärmsten Winter seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen 1886. Schnee ist in dieser Saison bisher kaum gefallen.

Insgesamt ist in Russland 2019 das Bewusstsein für den Klimawandel gewachsen. Dazu beigetragen haben die globale Berichterstattung wie auch die im Lande sichtbarer werdenden Veränderungen, etwa die Waldbrände in Sibirien (Sommer 2019) und eben der außergewöhnlich warme Winter. Die russische Regierung hat Anfang Januar 2020 einen Klimaaktionsplan vorgelegt. Er umfasst 29 Maßnahmen, mit denen man bis Ende 2022 dem Klimawandel begegnen will – indem man sich ihm anpasst. Ein Plan zum Schutz des Klimas durch Reduktion der Treibhausgasemissionen lässt hingegen weiter auf sich warten.
 

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