Heute vor 30 Jahren fiel der Beschluss zur Schaffung des DRA – am 15. Februar 1992 trafen sich sieben osteuropabegeisterte junge Menschen in Berlin und vereinbarten die Gründung eines neuen Vereins. Die Zeit seither war angefüllt mit hunderten Initiativen und Projekten, an denen zehntausende Menschen aktiv teilgenommen haben, vor allem aus Ost- und Mitteleuropa, aber beheimatet in über 20 Ländern, mit denen der DRA inzwischen regelmäßig zusammenarbeitet. Diese 30 Jahre bedeuten eine ganze Epoche, eine große Geschichte voll von persönlichen und gemeinsamen Entdeckungen der Beteiligten und von aktiver und kompetenter Zivilgesellschaft, in der Kooperation und Begegnung mit anderen Menschen, mit Partnern, Kolleg:innen, zu unzähligen Themen aus den Bereichen NGO-Entwicklung, Bildung und Jugend, Geschichte und Aufarbeitung, Klima- und Umweltschutz, Konfliktbearbeitung, Menschenrechtsarbeit, Medien, Soziales, Integration und Inklusion, Ehrenamt und Freiwilligenarbeit, Stärkung einer lebendigen Demokratie und diskriminierungsfreien Gesellschaft. Es ist das, wovon fast alle in unseren Ländern sprechen, wenn sie eine wünschenswerte Gesellschaft beschreiben.
Der Jahrestag fällt leider mit einer der gefährlichsten Krisen in Europa seit 1990 zusammen, bewusst hervorgerufen von der russischen Führung und gerichtet gegen die Ukraine und ihre Selbstständigkeit, aber auch gegen das gemeinsame Europa, gegen eine Gleichberechtigung kleinerer und größerer Länder, gerichtet schließlich auch gegen das eigene Volk. Das Wort „Krieg“, von dem wir schon alle hofften, es sei vom europäischen Kontinent für immer verbannt, kam erst 2008, dann 2014 wieder zurück – und ist heute eine der zentralen Vokabeln der Öffentlichkeit. Trotz der täglichen Beschwörung der Kriegsgefahr wird nur undeutlich klar, wieviel Leid dies tatsächlich bedeuten würde, wie viel an Tod und Verletzungen, Not, Zerstörungen, buchstäblich Verheerungen des menschlichen Lebens und der betroffenen Gebiete.
Es war immer Ziel und Anliegen des DRA, die friedliche Verständigung in Europa zu unterstützen, den persönlichen und fachlichen Austausch der Menschen und die Entwicklung ihrer Initiativen. Die Verbesserung der deutsch-russischen Verbindungen waren darin nicht nur der Ausgangspunkt unseres Engagements, sie gehören für uns auch weiter zu den Aufgaben, die wir uns stellen. Aber sie sind immer ein Teil der übergreifenden europäischen Arbeit und dürfen nie zum Nachteilanderer Länder und ihrer Menschen gestaltet werden. Diesen Leitgedanken verstehen wir als fundamentalen Teil der Verantwortung, die gerade – staatliche wie nichtstaatliche – Vertreter:innen aus Deutschland in Europa und in der Welt haben, aufgrund seiner politischen und ökonomischen Möglichkeiten in Europa, auch wegen der deutschen Verbrechen in der NS-Zeit und schließlich auch, weil wir von der Gleichberechtigung aller vor dem Völkerrecht überzeugt sind. Die Wahrung dieses Prinzips ist auch eine grundsätzliche Erwartung, die wir an den heutigen Besuch des Bundeskanzlers Olaf Scholz in Moskau knüpfen und woran sein Handeln und Verhandeln zur Deeskalation sich messen lassen muss. Die ausdrückliche Nichtachtung dieses Prinzips durch die derzeitige russische Führung ist die zentrale Ursache der heutigen internationalen Krise und wachsenden Kriegsangst, die in der Ostukraine schon fast acht Jahre lang tägliche Realität ist.
Wir fühlen uns verbunden den vielen Partner und den Menschen in unseren Partnerländern, zwischen Paris, Warschau und Jerewan, zwischen Omsk, Sankt Petersburg, Wladikawkas, zwischen Ivano-Frankiwsk, Kiew und Slowiansk, zwischen Minsk und Moskau, Wroclaw und Bratislava, Brüssel, Zagreb, Prag, Tbilisi, zwischen Den Haag, Vilnius, Sofia, Almaty und Bischkek. Unsere Kooperation soll uns allen zusätzliche Chancen auf eine friedliche, moderne, weltoffene und nachhaltige Entwicklung eröffnen. Und letztlich auch – das Gefühl, in einer multilateralen Gemeinschaft zu leben, zu Hause in der eigenen Stadt und in vielen anderen Ländern. Dazu gehört auch, weiter für ihren Schutz einzutreten, für die Wahrung ihrer Rechte als Menschen und Bürger:innen. Auch darin sind die Kolleg:innen in Russland – und Belarus – zurzeit am meisten gefährdet, hunderte unabhängige Organisationen und Redaktionen wurden bereits vertrieben oder aufgelöst – so wird noch Ende dieses Monats voraussichtlich endgültig die Liquidation von Memorial International verkündet.
Die Zivilgesellschaft muss sich weiter europaweit zusammentun, um auf wichtige Aufgaben hörbar und wirksam zu reagieren, zum Erhalt und der Weiterentwicklung der Demokratie, Transparenz und pluralistischer Beteiligung, zu Fragen von Technologie und Daten, Wirtschaft und Umweltschutz, sozialen Verhältnissen, Konfliktbewältigung und Gesundheitsschutz, Herausforderungen der Gerechtigkeit, von Jugend und Alter, Bildung, Wohnen, Mobilität, Interkulturalität usw. usf. Der DRA hat dazu in 30 Jahren schon viel beigetragen und zwei Generationen von aktiven, handlungsfähigen Menschen mitgeprägt. Er hat große zivilgesellschaftliche Plattformen initiiert und mit aufgebaut, wie das EU-Russia Civil Society Forum, die Internationale Plattform CivilMplus zur Konfliktbewältigung in der Ostukraine und das multilaterale Programm Transition Dialogue. Dies wurde möglich durch das unermüdliche Engagement der Beteiligten von allen Seiten, aus dem DRA, seinen Partnern, durch die Förderer im In- und Ausland, durch tausende Interessierte und Unterstützer:innen durch die Jahre hindurch. Ihnen allen sprechen wir unseren großen Dank aus.
In den kommenden Monaten möchten wir auf Facebook und auf unserer Website www.austausch.org einige unserer Wegbegleiter:innen zu Wort kommen lassen und zurückschauen auf 30 Jahre Tätigkeit des DRA und damit auf 30 bewegte Jahre für die Zivilgesellschaft in Europa. Den Anfang macht ein Interview mit Rudi Piwko, der 1992 die Initiative für die Gründung des DRA ergriff, sein erster Geschäftsführer war und der als Organisationsentwickler und NGO-Berater seither noch vielen in der Zivilgesellschaft auf den Weg geholfen hat.
Stefan Melle
und das Team des DRA