Heute ist der Gründer und Leiter von Memorial Russland, Arsenij Roginskij, gestorben

Damit hat uns ein Mensch und Experte von historischer Bedeutung verlassen, für Memorial wie für die russische und europäische Öffentlichkeit geht eine Ära zu Ende, und der DRA verliert einen engen Freund und Weggefährten vom Beginn seines Bestehens an.

Arsenij hat Memorial in vielem geprägt. Wir denken an seine Familie und den Kreis der Freund/innen und Kolleg/innen und wünschen ihnen und uns, dass Memorial seinen Geist weiter trägt – einen der Aufklärung, des echten Interesses an Menschen und an Gegenwart und Geschichte, eines Lebens für demokratische Verhältnisse und des Mutes auch unter widrigen oder feindlichen Bedingungen.

Sein gleichermaßen intensiver Einsatz für die Aufdeckung der Geschichte und die Wahrhaftigkeit vor ihr – gerade auch hinsichtlich der Repressionen in der Sowjetzeit - mit dem Insistieren auf der Einhaltung von Menschen- und Bürgerrechten alle Tage und allerorten steht für den engen Zusammenhang zwischen beidem. So zu arbeiten und zu leben ist Hochachtung – vor anderen Menschen, den historisch-gesellschaftlichen Aufgaben und der eigenen Verantwortung für sie.

Für den DRA war Arsenij Roginskij ein wichtiger, unkonventioneller Anreger immer dann, wenn es um die Lage in Russland und in den Ländern der früheren Sowjetunion ging, um die Aufarbeitung der Diktaturen in Osteuropa und auch in Deutschland oder um die Frage, wie man Menschen – nicht zuletzt auch in der Politik – dafür gewinnen kann, die Menschenrechte, der Würde jedes Einzelnen ernst zu nehmen. Und Memorial war auch ein Teil der Entstehungsgeschichte des DRA, denn es waren auch die Begegnungen und ersten Seminare junger deutscher Fachleute mit der gerade entstandenen Gesellschaft Memorial noch in der Sowjetunion Ende der 80-er Jahre, die die Gründer des DRA mit Rudi Piwko an der Spitze bewogen, den Verein ins Leben zu rufen – denn da war die eigene und gemeinsame Verpflichtung gegenüber der schweren Geschichte beider Länder direkt spürbar und ein Partner gefunden, der dies aus innerster Überzeugung vorantrieb.

Arsenij war sich seiner Aufgabe, seiner Sache sicher – aber er war nicht ohne Zweifel. Tief eingeprägt hat sich ein langes Gespräch im Sommer 2012 während des Festivals Pilorama auf dem Gelände des wenig später zwangsverstaatlichten GULag-Museums Perm36. Es galt den Gefahren für Memorial durch das von der russischen Führung damals gerade verabschiedete „Gesetz über NGOs als ausländische Agenten“. Sollte er, sollte Memorial sich den Vorgaben beugen, sollten sie nur noch als „unpolitisch“ geltenden Projekten und Tätigkeiten nachgehen, sich mit dem engen Handlungsspielraum begnügen, den die „Macht“ willkürlich und demokratiefeindlich belassen hatte? Die Frage war, ob so die menschlich und historisch unendlich wertvollen Archivbestände Memorials zu den sowjetischen Repressionen vor dem Zugriff des Staates bewahrt werden könnten – eine Vertrauenspflicht auch gegenüber den Tausenden Familien, die ihre persönlichen Zeugnisse und Dokumente der Gesellschaft übergeben hatten.

Memorial hat unter Arsenij Roginskijs Leitung trotz aller Schwierigkeiten beide Anliegen – als zwei Seiten derselben Grundhaltung – unbeirrt weiterverfolgt. Sich im Wissen um das Risiko öffentlich positionieren, persönlich Zeugnis ablegen, so wie es Arsenij schon früh durch seine eigene Haftzeit tat, und zugleich Zeugnisse der Geschichte bewahren und offenlegen, um Verständnis, Wissen und Gewissen zu ermöglichen – das blieb das Leitbild.

Arsenij hat sich nicht gebeugt, Memorial auch nicht. Wir danken Arsenij und werden ihn nicht vergessen.

Stefan Melle.

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