Expert/innenenaustausch in Paris zu Strategien der Radikalisierungsprävention

Wie funktioniert Radikalisierungsprävention in Frankreich? Als Teilnehmer/innen des DRA-Projekts "Stärkung der Radikalisierungsprävention im Nordkaukasus und in Tatarstan" (Förderung: Auswärtiges Amt) hatten 20 Expert/innen aus Russland Gelegenheit, diese Frage im Rahmen einer Studienreise nach Paris (10.-13. März) intensiv mit dortigen Vertreter/innen staatlicher Stellen, der Zivilgesellschaft, des muslimischen Glaubens und der Wissenschaft zu erörtern.

Staatlicherseits werden in Frankreich seit 2014 derartige Programme realisiert. Insbesondere seit 2015, dem Jahr der islamistischen Terroranschläge in Paris auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ (im Januar) sowie auf den Konzertsaal Bataclan (im November), wurden die Bemühungen um eine umfassende Präventionsstrategie verstärkt. Dabei konzentrieren sich (anders als in Deutschland) die staatlichen Präventionsprogramme in Frankreich derzeit ganz auf islamistischen Extremismus, d.h. Rechts- und Linksextremismus bleiben unberücksichtigt.

Die Rolle der Zivilgesellschaft in der Präventionsarbeit ist ebenfalls erst in den vergangenen Jahren gewachsen. Während der Bildungsreise wurden dazu Programme verschiedener Träger präsentiert. So stellte die Mediensoziologin und Geschäftsführerin von Preva.net, Hasna Hussein, die medienpädagogischen Ansätze ihrer Organisation vor, die darauf abzielen, Jugendliche im kritischen Denken zu schulen und so vor manipulativen Werbestrategien radikaler Organisationen zu schützen. Beim Erreichen der Zielgruppe, berichtete Hussein, helfen ihr nicht zuletzt ihre eigene Biographie und ihr persönliches kulturelles Wissen über den Islam. Besonders intensiv wird in Frankreich diskutiert, wie verurteilte und in Haft befindliche islamistische Extremist/innen künftig wieder in die Gesellschaft integriert werden sollen. Der Direktor der NGO „Dialogues Citoyens“ Eduardo Valenzuela berichtete vom langjährigen Aufbau eines Resozialisierungsprogramms in Vollzugsanstalten und betonte die Bedeutung entsprechender Angebote über die Haftzeit hinaus.

Für die Ermöglichung des intensiven Erfahrungsaustausches in Paris danken wir ganz besonders unserer französischen Partnerin Nina Berezner von DestinationEst (D'EST) sowie allen beteiligten französischen Einrichtungen. Vorausgegangen war ein ähnlicher Erfahrungsaustausch in Berlin im November 2019. Die so ermöglichten Einblicke in Arbeitsansätze, Dynamiken und Gestaltungsmöglichkeiten der Präventionsarbeit in verschiedenen politischen und kulturellen Kontexten sind für die Weiterentwicklung der praktischen Arbeit in dem Bereich von großem Wert und fließen im Rahmen des aktuellen  DRA-Projekts in die Arbeit zur Stärkung der Radikalisierungsprävention im Nordkaukasus und Tatarstan ein. Zum Abschluss ist im Herbst 2020 eine weitere Zusammenkunft russischer, deutscher und französischer Expert/innen im Nordkaukasus geplant.

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