Wie eng in der Ostukraine russische, ukrainische und jüdische Traditionen miteinander verwoben sind, darüber hat der Schriftsteller Isaak Babel in seinen „Geschichten aus Odessa“ über die Schwarzmeerstadt Zeugnis abgelegt. Es sind zum Teil harte Erzählungen aus den Bürgerkriegsjahren nach der Oktoberrevolution. Die Heidelberger Slawistin Bettina Kaibach hat diese und alle weiteren Erzählungen des markanten, 1940 unter Stalin ermordeten Schriftstellers neu übersetzt und in Kombination mit Peter Urbans Übersetzung von Babels Roman „Die Reiterarmee“ veröffentlicht. Die Neuausgabe sorgte bei ihrem Erscheinen Ende 2014 vor dem Hintergrund des unerwarteten Krieges in der Ukraine, aber auch wegen ihrer ungewöhnlich lebendigen Sprache für großes Aufsehen.
Dr. Bettina Kaibach vom Slavischen Institut der Universität Heidelberg ist Mitherausgeberin und Übersetzerin vom Erzählband „Geschichten aus Odessa“, der beim Hanser Verlag unter dem Titel „Mein Taubenschlag“ erschienen ist.
Am 12. November 2015, 20 Uhr, stellt Bettina Kaibach Babels Erzählungen in der Tucholsky-Buchhandlung in Berlin-Mitte vor, in einer von Marta Kirschner (DRA) organisierten Lesung. Der Abend gibt auch Einblick in die Vorgeschichte jener Stadt, die heute so dicht am militärischen Konfliktgebiet zwischen den ukrainischen Truppen und den von der russischen Regierung unterstützten Separatisten in der Südostukraine liegt und in der sich viele EinwohnerInnen offenbar selbst hin- und hergerissen sehen wegen der verschiedenen Wurzeln in ihrem Leben.
Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Deutsch-Russischer Austausch e.V. mit der Buchhandlung Tucholsky.
Wann: 12. November 2015 um 20 Uhr
Wo: Buchhandung Tucholsky
Tucholskystr. 47
10117 Berlin-Mitte
T: 030 27577663
Eintritt:5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Kommentar zum Buch von Bettina Kaibach
Der in einer jüdischen Familie in Odessa geborene Isaak Babel wurde vom berühmten sowjetischen Schriftsteller Maxim Gorki im Jahre 1916 als Talent entdeckt. Durch seine „Geschichten aus Odessa“ und seinem Erzählzyklus „Die Reiterarmee“ erlangte Babel selbst Berühmtheit als einer der großen sowjetischen Schriftsteller. Babel vermochte es wie kein zweiter den chaotischen Jahren vor und nach der russischen Revolution eine einzigartige Stimme zu geben. Dabei schrieb er journalistisch präzise unter Ausnutzung eines breiten lyrischen Wortschatzes. Jedoch endete sein Leben sehr tragisch: Nach anfänglichen Erfolgen in der Sowjetunion fiel er der stalinistischen Säuberung zum Opfer und wurde 1940 hingerichtet.
Bei seinen renommierten Erzählungen aus Odessa geht es hauptsächlich um das jüdische Leben im Stadtteil Moldowanka in den 20er Jahren. Im Zentrum der Erzählungen steht ein Ganove, der sich durch seine illegalen Geschäfte mit Cleverness, Charme und der Pistole vom kleinen Gauner zum König der Unterwelt eines ganzen Stadtteils in Odessa katapultiert und in Babels Werk doch als ein guter Hauptcharakter dargestellt wird.
Rezensionen der Neuausgabe siehe u.a. hier: