“Darum fordern wir ein Design für ALLE” - Interview mit INKuLtur-Expertin Christiane Schrübbers

Christiane Schrübbers @Faceland

INKuLtur: Liebe Frau Schrübbers, Sie bieten Seminare und Beratungen im Bereich der Barrierefreiheit in Museen und Gedenkstätten. Auch in unserem Programm „INKuLtur“ waren Sie vor kurzem als Referentin für dieses Thema im Einsatz. Können Sie sagen, was ist für Sie das Herausfordernde und das Faszinierendste an dieser Arbeit?

Christiane Schrübbers: Ich bin Pädagogin im Museum. Museum soll ein identitätsstiftender Ort sein. Das heißt, wer kommt, soll dort reden dürfen. Ich arbeite dafür, dass alle Museumsbesucher reden und mitreden können.  Für mich ist es faszinierend zu sehen, wie die elitäre und akademische Einrichtung Museum durch die Umsetzung von Barrierefreiheit niederschwellig wird und trotzdem gehaltvoll bleibt. Eine Herausforderung ist die Arbeit an Texten: in einfacher Sprache und gutem Stil die Gedanken klar zu machen und auf den Punkt zu bringen.

INKuLtur: In einem Seminar im Rahmen des Programms haben Sie vor kurzem mit Mitarbeiter:innen der Kultureinrichtungen in Russland über die „Barrierefreie Öffentlichkeitsarbeit“ gesprochen. Was bezeichnet, Ihrer Meinung nach, eine erfolgreiche und effektive barrierefreie Öffentlichkeitsarbeit?

Christiane Schrübbers: Eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit transportiert die Willkommenskultur, die in einem Haus herrscht. Wenn jeder Besucher, jede Besucherin vor dem Betreten des Hauses weiß, dass sie umfassenden Nutzen vom Aufenthalt erwarten kann und dass der Besuch komfortabel sein wird, dann ist Öffentlichkeitsarbeit effektiv.

INKuLtur: Können Sie für Menschen, die mit dem Konzept der Barrierefreiheit noch nicht wirklich vertraut sind, kurz erklären, was Sie unter der Inklusion im Kulturbereich verstehen?

Christiane Schrübbers: Inklusion heißt: Vielfalt fördern und darstellen. Wir leben am Ende einer Epoche, in der man dachte, jeder Mensch ist 170 cm groß, 75 Kilo schwer, hat einen scharfen Blick wie ein Adler und zehn kräftige Finger. Darum waren alle Tische entsprechend hoch, Stühle entsprechend breit und die Buchstaben lieber elegant als klar. Wir leben gleichzeitig am Anfang einer Epoche, in der man sieht: Jeder einzelne sieht anders aus, hat verschiedene Talente und braucht verschiedene Dinge. Weil wir für Gleichberechtigung sind, wollen wir, dass alle am gesellschaftlichen Leben teilhaben, sich einbringen, es mitgestalten. Eine möglichst große Vielzahl verschiedener Menschen soll mit einem Produkt, einer Dienstleistung, der Architektur oder dem öffentlichen Raum gut zurechtkommen. Also muss man für das Sitzen und Lesen, das Laufen und Hören Alternativen zum alten Standard anbieten. Darum fordern wir ein Design für ALLE, bei dem so oft wie möglich mindestens zwei Kanäle zur Rezeption angeboten werden. Ich nenne drei Beispiele:

  1. ein Lesebuch ist auch als Hörbuch zu haben. Das mögen Leute, die lieber hören als lesen und die, die nicht lesen können, weil sie entweder Seheinschränkungen oder kognitive Einschränkungen haben oder einfach leseunlustig sind.
  2. Ein Film wird zusätzlich mit Gebärdensprache, Audiodeskription und Untertiteln versehen. Dann können auch Menschen ihn erfahren, die nicht hören und nicht sehen können, außerdem Schwerhörige und solche Menschen, die die Originalsprache des Films nicht gut beherrschen.
  3. Ein Ausstellungsstück in einem Museum wird zum Berühren und Betasten freigegeben. Oder ein Nachbau oder ein Modell wird daneben platziert. Das hilft den blinden Menschen, denen mit kognitiven Einschränkungen und auch denen, die einen stark haptischen Impuls haben, die durch Berühren besser begreifen.

INKuLtur: Liebe Frau Schrübbers, wir danken Ihnen für das Gespräch, es war sehr aufschlussreich.

Das trilaterale DRA-Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ wird in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen aus Russland, der Ukraine und Deutschland umgesetzt und aus Mitteln der Europäischen Union und des Auswärtigen Amtes gefördert.

Die in diesem Artikel zum Ausdruck gebrachten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union oder des Auswärtigen Amtes wider.

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