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Lasst uns gemeinsam für kulturelle
und gesellschaftliche Vielfalt eintreten!

Das DRA-Projekt INKuLtur - Förderung des Zugangs zu Kulturangeboten für Menschen mit Behinderung (2018/2019) wird seit Januar 202vom DRA е.V. in Zusammenarbeit mit seinen Partnern aus Russland, der Ukraine und Deutschland als trilaterales Programm fortgesetzt. 

Das Programm INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ (2020-2022) besteht aus zwei Projekten und wird aus Mitteln der Europäischen Union sowie des Auswärtigen Amtes gefördert. Beide Projekte sind inhaltlich eng verbunden und ergänzen sich in ihren Methoden, um die Ziele des INKuLtur-Programms zu erreichen. 

Unser zentrales Anliegen ist es, Menschen mit Behinderung in Russland und erstmals auch in der Ukraine einen gleichberechtigten Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen.

Es gibt viele alltägliche Situationen, in denen Menschen mit Behinderung auf Probleme stoßen, die ihre gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft erschweren oder unmöglich machen: das betrifft z.B. Rollstuhlfahrer*innen, Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung oder auch Menschen mit geistiger Behinderung. Viele von ihnen waren noch nie in ihrem Leben in einem Museum oder in einem Kino - nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil die passenden Angebote dafür fehlen und weil sie durch ihre Umgebung und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eingeschränkt werden. 

Erschwerend kommt hinzu, dass sich viele Menschen fragen: „Aber warum sollte ein blinder Mensch ins Museum gehen können, wenn er dort eh nichts sehen kann?” Nicht weniger groß, als die physischen Barrieren sind daher die sogenannten „Barrieren in den Köpfen“ der Menschen. 

Diese Situation möchten wir mit unserem internationalen Programm „INKuLtur–für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ ändern.

 

 

 

Neuigkeiten aus dem Programm

Trilaterales Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ gestartet

Zum Auftakt des DRA-Programms „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ fand im März das Auftakttreffen zwischen den DRA-Koordinatorinnen und den Hauptpartner:innen des Projektes in Russland statt, bei dem die Zusammenarbeit aller beteiligten Partnerorganisationen und Schritte zur Vorbereitung der Aktivitäten besprochen wurden. Aufgrund der Corona-Krise wurde die Zusammenkunft online und nicht wie ursprünglich vorgesehen in St. Petersburg durchgeführt. 
 
Das Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ besteht aus zwei Projekten, die sich inhaltlich und methodisch ergänzen. Im Fokus sowohl des im Januar gestarteten EU-Projektes „INKuLtur – Stärkung der Beteiligung von Menschen mit Behinderungen am Kulturleben“ („Promoting the participation of people with disabilities in cultural life“, Laufzeit bis Juni 2022) als auch des am 1. März begonnenen Projektes „INKuLtur – Inklusion und kulturelle Teilhabe stärken“ (Förderung: Auswärtiges Amt, Laufzeit bis Dezember 2021) steht die Pilot-Arbeit mit ausgewählten russischen Kultur-Einrichtungen in Jekaterinburg, Pskov, Omsk, Kaliningrad und weiteren Städten. Sie werden einen Analyse- und Evaluationsprozess durchlaufen, um vorhandene Barrieren für Menschen mit Behinderungen zu identifizieren, Wege für deren Abbau zu entwickeln sowie Fachpersonal vor Ort zu sensibilisieren. Des Weiteren sind in beiden Projekten Rundtischgespräche zu sektorübergreifender Vernetzung und Kooperation in den Projektregionen in Russland und in der Ukraine geplant, um gemeinsam mit Akteuren aus Staat und Zivilgesellschaft die regionalen Bedarfe von Menschen mit Behinderung zu erkennen und ihre Anliegen zu unterstützen. 
 
In dem von der EU geförderten Projekt werden darüber hinaus inklusive Kunstprojekte wie etwa Theateraufführungen oder Ausstellungen entwickelt und umgesetzt, um die Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen mit und ohne Behinderung, den Kultur-Piloteinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen zu fördern. Des Weiteren werden kleinere Projekte zur Verwirklichung von Barrierefreiheit in Kultureinrichtungen gefördert und mehrere Vor-Ort-Studien unter Einbeziehung von Kultureinrichtungen und NGOs aus der Behindertenhilfe durchgeführt, um die überregionale und fachliche Vernetzung und damit den Wissenstransfer zu stärken. 
 
Im Rahmen des vom Auswärtigen Amt geförderten Projektes wird ferner eine multimediale Wanderausstellung entwickelt, die den Umgang mit Menschen mit Behinderungen von den Jahren des Nationalsozialismus und des Stalinismus bis heute und zugleich beispielhaft die inklusive Gestaltung von Ausstellungen zeigen soll. Dazu kommen verschiedene Weiterbildungsmodule zu Inklusion und Diversität in Russland und erstmals auch in der Ukraine. Dazu ist u.a. im Herbst 2020 eine trilaterale Bildungsreise für Teilnehmer:innen aus Russland und der Ukraine nach Deutschland geplant. 

 

Kultur-Piloteinrichtungen

Diese Kultureinrichtungen werden zu Vorreitern der Inklusion in ihrer Region

Die Gewinner des Auswahlverfahrens für die Teilnahme am internationalen Programm „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ stehen seit Anfang September fest! Unter Kultureinrichtungen aus verschiedenen Regionen Russlands, wie aus Jekaterinburg und der Swerdlowsker Region, aus Pskow und der Pskower Region, aus Omsk und der Omsker Region und aus Kaliningrad und der Kaliningrader Region wurden vier ausgewählt, um Piloteinrichtungen für den Ausbau eines inklusiven Umfelds in ihrer Region zu werden.

Die Gewinner der Ausschreibung sind:

Die Arbeit mit den Piloteinrichtungen dient der Einführung inklusiver Strukturen und dem Abbau von Barrieren sowohl in den genannten Institutionen als auch in anderen regionalen Kultureinrichtungen durch den Transfer von Wissen und Erfahrung.

In der jetzigen Phase wird eine internationale Expert:innengruppe gebildet, die die Einrichtungen auf ihre Stärken und Schwächen hin analysieren und bewerten wird, Maßnahmen zum Ausbau eines inklusiven und barrierefreien Umfelds bestimmen und einen individuellen Umsetzungsplan ausarbeiten wird. Das Personal jeder Piloteinrichtung wird darin geschult werden, die Barrierefreiheit der Institutionen und ihrer Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung zu gewährleisten.

„Für uns war es sehr wichtig, gerade die Einrichtungen auszuwählen, die Inklusion als Chance zum Wachstum und zur Verbesserung ihrer Arbeit sehen, die verstehen, dass es bei einem barrierefreien Umfeld nicht in erster Linie um Rampen geht, sondern um die Einstellung zum Menschen“, bemerkte die INKuLtur-Programmkoordinatorin Nataliia Zviagintseva (DRA e.V.).

Ein kurzes Wort zu jeder Einrichtung:

Die Regionale Wissenschaftliche Bibliothek Pskow / Псковская областная универсальная научная библиотека schreibt ihre Geschichte seit 1833. Sie ist nicht nur den Bewohner:innen der Stadt Pskow ein Begriff, sondern auch in der ganzen Region bekannt. Sie ist ein methodisches Zentrum für das gesamte Bibliothekennetz der Pskower Region, dem 293 Bibliotheken angehören. Außerdem wurde das Gebäude der Bibliothek kürzlich umfassend renoviert. Seit dem 1. September 2020 hat es wieder geöffnet und ist nun auch für Mitbürger:innen mit geringer Mobilität zugänglich.

Der Eingang der Bibliothek, ein längliches Gebäude mit vielen Fenstern, davor herbstliche Sträucher

Die Regionale Wissenschaftliche Bibliothek Pskow. Aus dem Fotoarchiv der Bibliothek.

 

Das Innovative Kulturzentrum (IKZ) / Инновационный культурный центр (ИКЦ) wurde 2016 in Perwouralsk auf dem Gelände des früheren „Demidow“-Eisenwerks gegründet. Seit seiner Gründung arbeitet das IKZ mit NGOs und Vereinigungen von Menschen mit Behinderung, mit dem Ministerium für Sozialpolitik der Region Swerdlowsk und mit Freiwilligenorganisationen zusammen. Es gründete die Freiwilligenorganisation „IKZ-Freundesliga", die auch Menschen mit Behinderung einschließt. Für Menschen mit Seh- und Hörbehinderungen ist das Zentrum barrierefrei und bietet Arbeitsplätze. Das junge Team hat sich zum Ziel gesetzt, das Zentrum vollständig inklusiv zu gestalten, und arbeitet aktiv daran, Erfahrungen mit der Durchführung inklusiver Veranstaltungen zu sammeln.

Eine Grafik des Innovativen Kulturzentrums, ein futuristisch anmutendes Gebäude in Form eines stehenden Kreises mit Glasfassade, umgeben von einem großen Parkplatz und Grünanlagen

Aus dem Fotoarchiv des IKZ.

 

Das Regionale Bernsteinmuseum Kaliningrad / Калининградский областной музей янтаря wurde 1979 eröffnet und ist eine der „Visitenkarten“ der Region. Die Einrichtung empfängt jährlich 200.000 Besucher:innen, weshalb es vor der wichtigen Aufgabe steht, ein universell zugängliches Umfeld zu schaffen. So erlaubt es das besondere Projekt „Museum im magischen Buch", dreidimensionale virtuelle Kopien von 30 einzigartigen Ausstellungsstücken in Ausstellungen und Präsentationen zu zeigen, die sich an weiter entfernten Orten befinden, darunter Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen für Kinder.

Der Eingang zu einer Burg aus Backsteinen gebaut, mit einem Wehrgang mit Zinnen. Die Burg ist umsäumt von Bäumen. Davor steht eine Schlange von wartenden Menschen.

Das Regionale Bernsteinmuseum Kaliningrad. Aus dem Fotoarchiv des Museums.

 

Das Stadtmuseum „Omsker Kunst“ / Городской музей «Искусство Омска ist eines der jüngsten und mobilsten Museen der Stadt Omsk. Aktiv entwickelt es alle Bereiche der Museumswesens und führt auch Ausstellungs-, Forschungs-, Aufklärungs- und Publikationstätigkeiten aus. Das Museum ist bereit, neue Arbeitsformen einzuführen und verfügt bereits über gewisse Arbeitserfahrung mit Menschen mit Behinderung, sowohl als Autor:innen als auch Besucher:innen der Museumsausstellungen.

Белое продолговатое здание с яркими зелеными крышами. У входа висит плакат, на котором виден номер 140. Окруженный парком.

Das Stadtmuseum "Omsker Kunst". Aus dem Fotoarchiv des Museums.

 

 

 

 

Auswahl der Kultur-Piloteinrichtungen in russischen Regionen Jekaterinburg, Pskow, Omsk und Kaliningrad

Im Programm “INKuLtur - für Inklusion und kulturelle Teilhabe” stellt die Pilot-Arbeit mit russischen Kultur-Einrichtungen in den Regionen Jekaterinburg, Pskov, Omsk und Kaliningrad einen wichtigen Schwerpunkt darSeit April 2020 ist diese Arbeit mit Kultur-Piloteinrichtungen in vollem Gange.  

In jeder Region wird eine Piloteinrichtung über eine Laufzeit von mehr als einem Jahr von jeweils einem internationalen Expert:innen-Team begleitet mit dem Ziel, bestehende Barrieren zu identifizieren, abzubauen und inklusive Strukturen in den Einrichtungen herzustellen. Außerdem sollen Mitarbeiter:innen-Schulungen stattfinden und in der breiten Öffentlichkeit mehr Akzeptanz für die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe von Menschen mit Behinderung hergestellt werden. Basis ist das im Vorprojekt erarbeitete „Konzept für Barrierefreiheit“ für Kultureinrichtungen in Russland.  

Kultureinrichtungen konnten sich über eine offene Ausschreibung als Piloteinrichtung bewerben. Trotz der Tatsache, dass Kultureinrichtungen und lokale Behörden aufgrund der COVID-19-Pandemie und darauf anschließenden ökonomisch instabiler Lage größtenteils geschlossen blieben, haben uns insgesamt 19 Bewerbungen erreicht: 9 aus Jekaterinburg & dem Swerdlowsker Gebiet, 4 aus Pskow, 3 aus Omsk und 3 aus Kaliningrad. Die Bewerbungen waren qualitativ sehr hochwertig. Erfreulich ist die Vielfalt an kulturellen Einrichtungen, so erreichten uns Bewerbungen von Museen, Bibliotheken, Theatern und Konzerthäusern und KinosAus Jekaterinburg bewarben sich beispielsweise das über die russischen Grenzen hinaus bekannte Jelzinzentrum, die Swerdlowsker Bibliothek für Menschen mit Sehbehinderung und der Tierpark Jekaterinburg. Aus Pskow erreichten uns Bewerbungen des Theater- und Konzerthauses “Dom Ofizerov und aus dem in Mikhailovskoe gelegenen Freiluftmuseum Pushkinskiy Zapovednik. In Kaliningrad bewarben sich unter anderem das Museum für bildende Künste und das staatliche Theater, aus Omsk das städtische Museum und das “independent” Kino “Dom-Kino”. 

Nach einer zweiten Auswahlphase mit Interview wird Ende August für jede Region eine Piloteinrichtung feststehen. Diese beginnen dann mit Hilfe eins internationalen Teams von Expert:innen die aktive Analysephase, um eine auf die Einrichtung zugeschnittene Strategie für mehr Inklusion zu erarbeiten und mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderung umzusetzen! 

Das trilaterale DRA-Programm INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ wird in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen aus Russland, der Ukraine und Deutschland umgesetzt und aus Mitteln der Europäischen Union und des Auswärtigen Amtes gefördert. 

 

Multimediale Wanderausstellung

Podiumsdiskussion “75 Jahre Kriegsende - 75 Jahre Behindertenrechte? Die Entwicklung der Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland, Russland und der Ukraine”

Am 18. Juni 2020 fand im Rahmen des DRA-Programms „INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“ eine Online-Diskussion zum Thema “75 Jahre Kriegsende - 75 Jahre Behindertenrechte?? Die Entwicklung der Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland, Russland und der Ukraine” statt. 

Zusammen mit Expert:innen aus Deutschland, Russland und der Ukraine wurden sowohl der Status quo der Behindertenrechte als auch die historischen Entwicklungen besprochen. Dadurch wurde ein Rückblick auf die letzten 75 Jahre geworfen und der Frage nachgegangen, wie sich die Sicht auf Behinderung in der Gesellschaft seit dem Ende des 2. Weltkrieges veränderte 

Die Veranstaltung begann mit einer Begrüßung durch die Programmleiterin Irina Bukharkina und einem Eingangsstatement des Moderators Constantin Grosch.  

„Wenn heute Behinderte und ihre Verbände in Russland, der Ukraine und Deutschland mehr Rechte fordern, geht es seltener um die nackte Existenz, als vielmehr um das Einfordern von gleichen Rechten, Selbstbestimmung und Hilfen zur gesellschaftlichen Teilhabe. So schleichend die Erinnerung und das Gedenken an die finstersten Zeiten Europas verblassen, so beständig nimmt die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen zu“ (Zitat von Constantin Grosch). 

Phillip Rauh, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich für Medizingeschichte am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München, fing mit einer kurzen Einführung zur Lage von Menschen mit Behinderung am Anfang des 20. Jahrhunderts an. Dabei betonte Herr Rauh, dass  im Ersten Weltkrieg 70 Tsd. Patient:innen von Behinderteneinrichtungen und psychiatrischen Einrichtung  an den Folgen von durch Hunger verursachten Erkrankungen starben, „also Tausende Leute mehr als die normale Sterblichkeit in den Jahren davor und danach“, so Rauh. Aus dieser Entwicklung entstanden die ersten ganz konkreten Diskussionen um die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ in den beginnenden 1920-er Jahren in Deutschland.  

Anschließend berichtete Tatiana DorokhovaDozentin für Sozialpädagogik an der Staatlichen Pädagogischen Universität Ural aus Russland, über die Situation von Menschen mit Behinderung nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in der gegründeten Sowjetunion, vor allem aber in der Russischen Sowjetrepublik. Die Schwierigkeiten, mit denen Menschen mit Behinderung damals konfrontiert waren, waren größtenteils durch sozio-ökonomische Faktoren bedingt. Auf der einen Seite entstanden in den 1920-er Jahren die ersten Gesellschaften von Menschen mit Behinderung, vor allem für Kriegsveteranen, was zur sozialen Sicherstellung und Vorzugsbeschäftigung beitragen sollteAuf der anderen Seite gab es im Land aufgrund des Krieges nicht genügend Mittel um die marginalisierten Gruppen zu unterstützen. 

Über ähnliche Erfahrungen von Menschen mit Behinderung in der sowjetischen Ukraine berichtete die ukrainische Expertin Juliia Sachuk, die sich aktiv mit dem Thema der Rechte von Menschen mit Behinderung beschäftigt. Allerdings wies Frau Sachuk darauf hin, dass sich die Perspektive auf Menschen mit Behinderung immer von der allgemeinen sowjetischen unterschied, da Entwicklungen in Europa den westlichen Teil der Ukraine schneller erreichten.

Des Weiteren diskutierten die Panelist:innen über die möglichen Änderungen, die das Ende des Krieges in den Alltag von Menschen mit Behinderung mit sich brachten. Der Zweite Weltkrieg verschlechterte die Lage von Menschen mit Behinderung in allen drei Ländern, dessen Auswirkungen sowohl in Deutschland als auch im postsowjetischen Raum immer noch nicht genug aufgearbeitet sind.  

Die offizielle Politik der nationalsozialistischen Rassenhygiene, der "Euthanasie" und Zwangssterilisationen in Deutschland und in den besetzten Gebieten hat mit dem Ende Zweites Weltkrieges zwar geendet, dennoch wurden in der ersten Nachkriegsmonaten viele Bewohner:innen der Heil- und Pflegeanstalten und psychiatrischen Einrichtungen durch vorsätzliche Vernachlässigung, Hunger und Medikamente getötet. Die späteren Auseinandersetzungen mit der nationalsozialistischen Rechtfertigungsargumentation zu diesen Verbrechen hatte dramatische Auswirkungen auch für die Opfer der NS-Zwangssterilisierung, die in den Jahren 1933 bis zum Kriegsende auf Grundlage des "Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" erfolgte. Dabei betont Philipp Rauh: „dieses Gesetz wurde […] lange Zeit nicht als dezidiertes NSU-Rechtsgesetz angesehen, sondern […] wurde ab 1945 einmal nicht mehr angewandt und wurde auch nicht mehr zurückgenommen. Und bis in die 50-60er Jahre wurde argumentiert, dass das eben kein spezifisches NS-Gesetz war“.

In dieser Zeit gab es in der Sowjetunion, laut Tatiana Dorokhova, keine gezielte Politik gegen Menschen mit Behinderung, aber sie wurden unterschiedlich wahrgenommen. Einerseits gab es viele Veteran:innen, die durch den ersten und zweiten Weltkrieg Verletzungen erlitten habenDiese Gruppe wurde heroisiert und wertgeschätzt. Andererseits gab es Menschen mit geistiger Behinderung und psychisch kranke Menschen, die öfters als „Narr in Christo“ (‚юродивый‘ auf Russisch) gesehen wurden. 

Auch die sowjetische Ideologie spielte zu dieser Zeit eine große Rolle, und weil sie sich in erster Linie mit dem Klassenkampf beschäftigte, gab es für Menschen mit Behinderung keine zusätzliche Vernachlässigung. Doch war die Ressourcenknappheit ein dringendes Problem, so dass die Existenzgrundlage für viele Menschen erstmal schwierig war, auch für Menschen mit Behinderung

Anschließend betonte Juliia Sachuk, dass die Lage von Menschen mit Behinderung in der Ukraine in den Nachkriegszeiten sehr schlecht aussah, teilweise auch, weil die Regierung mit der hohen Zahl an behinderten Veteran:innen nicht zurechtkam Es kam zu verschiedenen zwanghaften Manipulationen seitens der sowjetischen Regierung, um diese Zahl zu verhindern. Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung erfolgte öfters aufgrund des starken Arbeitskräftemangels unter ungeeigneten BedingungenGleichzeitig wurden vielen Menschen mit Behinderung zwangsläufig in spezialisierte Internate gesperrt: offiziell – zur Behandlung, inoffiziell – zur "Räumung" der Bettler:innen aus den Straßen.  

Aus heutiger Sicht hat sich die Situation für Menschen mit Behinderung substanziell geändert. Auch wenn in Russland, laut Frau Dorokhova, noch nicht alle dazu bereit sind, eine Person mit Behinderung als gleichwertig wahrzunehmen, gewinnen inklusive Prozesse, trotz Mangel an Rampen und Aufzügen, immer mehr an Bedeutung. 

Dank der progressiven Behindertenrechtspolitik, die mit der Bewegung von Menschen mit Behinderung und mit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention anfing, und dank der Aktivist:innendie einen Beitrag dazu leisten, die nicht behinderte Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren, können Menschen mit und ohne Behinderung einen gemeinsamen Dialog auf  Augenhöhe führen und ihre Selbstbestimmung ernstnehmen. 

Frau Sachuk, selbst eine Frau mit Sehbehinderung, beobachtet heute diese Wahrnehmungsänderung auch in der ukrainischen Gesellschaft. 

„Es wurde ein Paradigmenwechsel vorangetrieben, weg von dem medizinischen pathologisierten Blick auf Behinderung hin zu der Sichtweise auf Behinderung als soziales Konstrukt. Und das ist gerade für die Forschung der Geschichte der Behinderung sehr fruchtbar“, so Philipp Rauh 

Organisiert wurde das Podiumsgespräch im Rahmen des trilateralen DRA-Programms INKuLtur – für Inklusion und kulturelle Teilhabe“, das in Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen aus Russland, der Ukraine und Deutschland umgesetzt und aus Mitteln der Europäischen Union und des Auswärtigen Amtes gefördert wird. 

 

Die Veranstaltung wurde vom Auswärtigen Amt unterstützt und fand in Kooperation mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin statt. 

Expert:innentreffen zur Erarbeitung eines Ausstellungskonzeptes

Am 25.-29. Mai 2020 trafen sich sechs Expert:innen aus Russland, Deutschland und der Ukraine aus den Bereichen Geschichts- und Geisteswissenschaft, Inklusionsförderung und Ausstellungskonzeptiofür das erste Expert:innentreffen zur Erarbeitung eines Ausstellungkonzeptes, das vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie online stattfand. 

Drei Tage lang haben die Expert:innen und das INKuLtur-Team intensiv an den Grundlagen des Ausstellungkonzeptes gearbeitet und wichtige Schritte für das weitere Vorgehen vereinbart. 

Die Expert:innen aus der Ukraine – Yuliia Sachuk und Irina Tekuchova von der NGO Fight for Right (Kyiv, Ukraine) – warfen einen Blick auf die Rechts- und Sozialkontexte der Lage von Menschen mit Behinderung in der Ukraine in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Marianna Muravyova (Helsinki, Finnland) und Elena Yarskaya-Smirnova (Moskau, Russland) erzählten, wie sich die Situation mit Menschen mit Behinderung in Russland innerhalb letzten 70 Jahren entwickelte. 

Petter Holm, Experte im Bereich der Inklusionsförderung und Sozialpädagogik (Bergen, Norwegen), stellte sein Konzept der Paradigmen (Segregation, Normalisierung, Integration, Inklusion) dar, die in verschiedenen Phasen der Entwicklung der Sozialpädagogik im 20. und frühen 21. Jahrhundert existierten. Diese Paradigmen sollen die Struktur der Ausstellung bestimmen.  

Die Kuratorin vom Deutsch-Russischen Museum Berlin-Karlshorst Julia Franke (Berlin, Deutschland) sprach über ihre Erfahrungen mit der Konzipierung von Ausstellungen und deren Zugänglichkeit. Dabei betonte sie, dass jegliche Ausstellung mit einem Universellen Design gestaltet werden sollte. Dadurch ist sie für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen zugänglich. 

Des Weiteren wurde der kulturelle Kontext der Ausstellung mit Mikael Davtian (Sankt-Petersburg, Russland)Ausstellungskurator vom Russischen Staatlichen Museum in Sankt-Petersburg, besprochen.   

Die Ausstellung Faces of inclusion“ (Arbeitstitel) widmet sich der Lage der Menschen mit Behinderung, die unter Kriegsbedingungen und sozialer Abneigung gelebt hatten. Ein weiterer Hauptaspekt der Ausstellung ist die Auseinandersetzung mit dem Geschehen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs,  mit den Phasen der Rehabilitation und der Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft, bis hin zur Idee einer inklusiven Gesellschaft heute. Beispielhafte Biografien von Menschen mit Behinderung werden sich durch die gesamte Ausstellung ziehen.  

Das INKuLtur-Team in Berlin:

Irina Bukharkina, Programmleiterin
irina.bukharkina@austausch.org
Tel: +49 (0) 30 446 680 29

Polina Dolgova, Programm- und Finanzkoordinatorin
polina.dolgova@austausch.org
Tel: +49 (0) 30 446 680 12

Nataliia Zviagintseva, Programmkoordinatorin und Zuständige für Öffentlichkeitsarbeit
nataliia.zviagintseva@austausch.org
Tel: +49 (0) 30 446 680 13

Carina Spreitzer, Programm- und Finanzkoordinatorin
carina.spreitzer@austausch.org
Tel: +49 (0) 30 446 680 12

Die auf dieser Seite zum Ausdruck gebrachten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union oder des Auswärtigen Amtes wider.