WIE EIN MÄRCHEN DER GEBRÜDER GRIMM

(Suhler Allgemeine 1996)

   Drei Journalisten aus der Partnerstadt Kaluga haben sich in Suhl umgeschaut, kamen mit Bürgern ins Gespräch, weilten auf Sitzungen und haben Einrichtungen der Stadt besucht. Mit vielen Eindrücken kehren sie heute nach Berlin zurück, wo mit Seminaren ihr Praktikum in Deutschland zu Ende geht. Mit Wiktor Chotejew, dem stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung "Snamja", und Alexander Wassiljew vom privaten Fernsehen "NIKA TV" sprach Hans-Jürgen Kehr.

   Wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt Suhl?
   Chotejew: Ich war das vierte Mal hier. Wenn man über den Steinweg geht, dann findet man viele neue Fassaden. Doch das Pflaster, worauf man läuft, ist schlechter geworden.
   Wassiljew: Die große Entwicklung in der Marktwirtschaft bemerkte ich an den vielen Bauplätzen, neuen Gebäuden und Geschäften.

   Hat sich Suhl vorteilhaft entwickelt?
   Chotejew: Die neuen Gebäude haben die Stadt nicht unbedingt verschönert, das neue Lauterbogen-Center sogar den Blick auf den Domberg versperrt. Damals war die Stadt gemütlicher. Sie gleicht heute schon modernen Städten aus dem Westen, die alle gleich aussehen. Jedoch die Luft ist sauberer geworden.
   Wassiljew: Ich bin das erste Mal in Suhl. Die Stadt und Thüringen sind für mich wie ein Spiegel des heutigen Deutschlands. Sie sind die Heimat des Märchenlandes der Gebrüder Grimm. Alte sanierte Häuser, der Tierpark, die freundlichen Menschen.

   Können Sie Parallelen zu Rußland/Kaluga und den russischen Menschen ziehen?
   Chotejew: Mich hat verwundert, daß die Prozesse ähnlich ablaufen, wie bei uns. Die Sterberate ist höher als die Geburtenrate, es werden mehr Ehen geschieden als geschlossen, was mir sagt, daß auch hier die Familien zerfallen. Und ein Drittel aller Frauen erziehen ihre Kinder allein. das haben wir in Rußland auch. Das wichtigste ist aber, daß die Menschen voneinander wissen wollen, wie die Entwicklung vorangeht. Denn die Gedanken gleichen sich, auch die kritischen zum Gestern und Heute. Und ich wünsche mir, daß wieder reger Kontakt entsteht.
   Wassiljew: Ich denke, das amerikanische Modell der wirtschaftlichen Entwicklung, worauf man in Rußland großen Wert legt, wird sich nicht durchsetzen. Es ist mit der russischen Tradition nicht vereinbar. Ich denke, zur russischen Tradition gehört das deutsche Modell, denn Russen und Deutsche verbindet vieles.

   Wie werden Sie das Gelernte in Ihre Arbeit einbeziehen?
   Chotejew: Ich habe viele Beiträge in den Zeitungen gelesen, auch was man über Rußland schreibt, Filme gesehen und mit Menschen gesprochen. Ich habe die Probleme in der kulturellen und sozialen Landschaft kennengelernt und fand viele Antworten auf meine Fragen. Ich werde das Material studieren und auswerten und natürlich in der Zeitung über kulturelle Höhen und Tiefen berichten, über die Philharmonie, über Kindergärten und Betriebe, die man schließen muß. Und über die Arbeitslosigkeit.
   Wassiljew: Ich habe über zwei Stunden Videomaterial gesammelt. Daraus mache ich Berichte und Interviews, die Aufschluß über das Leben hier geben. So gibt es am 24. Dezember eine Sendung in Kaluga, wie man in Suhl Weihnachten feiert.

   Was hat Sie am meisten beeindruckt?    Chotejew: Interessant war für mich, wie Selbsthilfegruppen arbeiten. Überrascht war ich, daß die Sozialeinrichtungen hier reicher sind -als in Rußland. Ich habe viel dazugelernt, um die gegenwärtige Situation besser zu verstehen. Besonders für die Menschen, die hier und bei uns bedürftig sind, müssen wir gemeinsam etwas tun. Leute, die etwas haben, können im harten Leben selbst bestehen.    Wassiljew: Ich war beeindruckt, daß es sichtlich voran geht. Ich würde mich freuen, bald eine Suhler Delegation in Kaluga begrüßen zu dürfen. Wir wollen Ihnen zeigen, wie weit die Umgestaltung bei uns vorangeschritten ist.