ÜBERSETZER: KAI GEHRMANN
Im frühen Herbst waren zehn Journalisten regionaler Medien des Nord-Westens vom Deutsch-Russischen Austausch zu einem Praktikum eingeladen worden.
Ich hatte das Glück, daran teilzunehmen und die Arbeit von deutschen Medien, Organisationen und Unternehmen sowie das Leben in diesem Land kennenzulernen. Ich versuche von den vielen gewonnenen Eindrücken die stärksten auszuwählen.
Rentner reisen
Uns alle haben die deutschen "Alten" tief beeindruckt. Auch wenn man die eleganten Damen und rüstigen grauhaarigen Herren nicht unbedingt "Alte" nennen kann. Mehr als die Hälfte der Zeit unseres Praktikums haben wir in Cuxhaven verbracht, einem kleinen Kurort im Norden Deutschlands. Der September, das Ende der "samtenen Saison"1 , ist die Zeit Jener eleganten Touristen. Es war wirklich sehr schön, die sympathischen grauhaarigen Pärchen zu beobachten, die am Tage entweder flink in die Pedale ihrer Fahrräder treten oder gemächlich Hand in Hand am Ufer entlang spazieren gehen und abends den Großteil der Tische in den Cafés und Bars besetzen. Alle Alten hatten in der Regel sorgfältig gebügelte helle Hosen und Jacken sowie leichte Schuhe des gleichen Farbtons an.
Im Alter haben die Deutschen Zeit für Erholung und Reisen. Die Kinder sind erwachsen und leben mit ihren eigenen Familien. Die Arbeit und mit ihr die Angst, sie zu verlieren, ist Vergangenheit. Tatsächlich beginnt jetzt eine glückliche Zeit. 5000 Mark gelten in Deutschland als ordentlicher Verdienst. Einige Rentner bekommen hier eine ebenso hohe oder sogar noch bessere Pension.
Allerdings fühlen sich die ostdeutschen Rentner benachteiligt. Ihre Renten sind in der Regel fast um die Hälfte geringer. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang kein bißchen weniger und manchmal sogar mehr als ihre westlichen Mitbürger gearbeitet haben, erweist sich ihre Versorgung im Alter als um einiges schlechter.
Das betrifft übrigens nicht nur Rentner. Die Mehrheit der Ostdeutschen konnte nach dem Fall der Berliner Mauer ihre vorherige berufliche und soziale Stellung nicht halten. So mußten zum Beispiel unsere Journalistenkollegen aus der ehemaligen DDR, um ihre Arbeit zu behalten, ständig nachweisen, daß sie nicht im Dienste der Stasi standen.
Ausgang für Bundeswehrsoldaten
Die Gesellschaft für Deutsch-Russische Freundschaft, die uns in Cuxhaven aufgenommen hatte, arbeitete bestens. Alle 15 Tage unseres Aufenthalts waren auf die Stunde genau vorgeplant. Ich glaube, uns wurde alles, was überhaupt nur in diesem stillen Städtchen vorhanden ist, gezeigt. Sogar das Panzerbataillon der Bundeswehr.
Die Wache am Tor, die Militärfahrzeuge, die alten Panzer unter einem Schutzdach - zusammen mit der deutschen Sprache erinnerte das alles an die Wochenschaubilder aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges2.
Ein sympathischer junger Offizier erzählte uns lange von seinem Bataillon: auf dem Monitor flimmerten Zahlen und Tabellen. Uns aber interessierten offengestanden vielmehr solche "menschlichen" Fragen, wie die Lebensbedingungen der Soldaten und die Möglichkeiten zu einem alternativen Dienst. Es stellte sich heraus, daß Letzteres durch die deutschen Gesetze garantiert ist. Und das, zumal der Militärdienst nur 10 Monate dauert. Zugegeben, in einer solch kurzen Zeit kann man nach Ansicht der Offiziere keine richtigen Soldaten ausbilden. Darüber hinaus verbringen sie ihre Wochenenden zu Hause: Die Einberufenen kommen jeweils in Kasernen, deren Standort nicht mehr als 100 km von ihrem Wohnort entfernt liegt. Zudem haben die Soldaten gute Beziehungen zu den Anwohnern. Wenn sie zu weit weg wohnen, werden sie in die Familien eingeladen.
Selbst die Kasernen haben nichts mit den unsrigen gemein. Es sind ein paar Zimmer mit Schränken, Nachttischen und jeweils drei Doppelbetten.
So war nicht verwunderlich, daß, trotz aller Bemühungen unseres Übersetzers, unser Gesprächsoffizier nicht begreifen konnte, nach welchem willkürlichen Verhalten gegenüber Soldaten wir fragten. Er wiederholte immer wieder, daß natürlich auch Streits und Auseinandersetzungen vorkämen...
Am Tag unseres Besuchs lernten die Rekruten gerade, sich mit der Maschinenpistole fallen zu lassen. Dunkle Uniform, dreckverschmierte Gesichter, mit Gras und Zweigen "geschmückte" Helme - ein pittoreskes Schauspiel.
"Sehen Sie", sagte der Offizier im weiteren Gespräch über die deutsche Armee, "einige Frauen erkämpfen sich das Recht auf Militärdienst. Aber wie werden sie sich hier fühlen? In einem engen Panzer?" Unser Gesprächspartner gehörte offensichtlich nicht zu jenen Militärs, die die Ausweitung der Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland begrüßen.
Tanjuscha hat es gereicht und sie gab eine Ohrfeige
In dem kleinen Cuxhaven gibt ein ganzes Viertel, wo "Russen" leben. So nennen die Deutschen ihre Landsleute, die aus den Ländern der ehemaligen UdSSR in ihre historische Heimat zurückgekehrt sind. Jeder "Rußlanddeutsche" hat sein eigenes Schicksal und seinen eigenen Blick auf die Situation.
Die eindrucksvolle, auffällige Moskauerin Jelena lebt schon seit 17 Jahren in Deutschland. Sie beherrscht die deutsche Sprache hervorragend und hilft ihren ehemaligen Landsleuten, sich an die neue sprachliche Situation zu gewöhnen. Sie kam nach den Olympischen Spielen in Moskau, bei denen sie ihren späteren Ehemann kennengelernt hatte, nach Deutschland. In ihrem, selbst für Cuxhaven ungewöhnlichen "gläsernen" Haus lernten wir ihren charmanten Peter, die zwei Töchter sowie einige "Russen" kennen, die erst vor 1-2 Jahren hier ein neues Leben begonnen haben.
Der in den kasachischen Steppen aufgewachsene Kraftmensch und Witzbold Waldemar gestand, daß er ein Jahr lang seine "treue Freundin", die Harmonika, nicht in die Hand genommen hat - er konnte die Tränen nicht zurückhalten. Er lebt sich hier sehr schwer ein. Anders als die Nachbarin Marina, die mit der großen Familie ihrer Eltern nach Deutschland gekommen ist. Ihr Vater mit dem Familiennamen "Sieben" bestätigt sie. Er hat fünf Kinder, so daß die Familie tatsächlich aus sieben Mitgliedern besteht. Nach den Worten von Marina hatten sie, als sie noch in der Nähe von Krasnodar lebten, sehr hart gearbeitet, um sich ein Einkommen zu verdienen. Aber eben dieses Einkommen hatte jene im Dorf, denen der Feierabend wichtiger als die Arbeit ist, nicht in Ruhe gelassen. Marina, gut zwanzig Jahre alt, lebt ihr erstes Jahr in Deutschland und ist voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Bei denen, die hier schon etwas länger leben, liegen die Hoffnungen eher auf den Kindern. Mit dem großen persönlichen Glück rechnen sie nicht mehr. "Wir sind überall Fremde", bemerkte einer der Gäste mit Schmerz. "In Rußland waren wir immer die "Deutschen" und hier bleiben wir immer "Russen", Menschen zweiter oder dritter Klasse. Einen Beruf muß man neu erlernen, und eine würdige Arbeit zu finden, ist schwer. Vielleicht werden sich zumindest die Kinder hier wohl fühlen. Nur dieser Gedanke tröstet mich. Gleichzeitig schmerzt es mich, daß wir sie immer weniger verstehen, sogar in rein sprachlicher Hinsicht. Sie sind von Kindheit an daran gewöhnt, nur Deutsch zu sprechen, zudem auch noch Jugendjargon. Und so können wir ihnen manchmal einfach nicht mehr folgen."
Die Kinder haben ihre eigenen Schwierigkeiten. Eine andere ehemalige Landsmännin, die 18-jährige Tatjana, die im Alter von 10 Jahren zusammen mit ihren Eltern hierher kam, mußte nach eigenen Worten in der Schule einige bittere Minuten erleben. Sie war die einzige "Fremde" in der Klasse und hatte anfangs einiges zuertragen. Einmal riß ihr jedoch der Geduldsfaden und sie verabreichte der Beleidigerin eine schallende Ohrfeige. Überraschenderweise stand die männliche Hälfte der Klasse auf ihrer Seite. Inzwischen hat sie es gelernt, ihren Platz an der Sonne zu verteidigen. Auch ihre Familie ist gut auf die Beine gekommen. Sie haben ein zweistöckiges Haus gebaut und zum 18. Geburtstag schenkte ihr der Vater ein Auto, das sie aber bald wieder tauschen möchte. Zur Zeit lernt sie noch in einer Fachhochschule, will aber später noch an die Universität gehen.
Die einen "Russen" leben sich schnell in ihrer neuen Umgebung ein, andere erhalten sich ihre Welt, indem sie hauptsächlich mit anderen Emigranten verkehren. Wirklich zurück drängt es allerdings niemanden.
An einem Durchgang zum zentralen Platz des ehemaligen Ost-Berlins, dem Alexanderplatz, hörten wir ein heiser-wehmütiges "Wie entzückend sind in Rußland die Abende..." . In der Unterführung "erarbeitet" sich ein kräftiger schwarzbärtiger "Russe" ein anderes Leben und 10 Meter weiter zieht ein Mann mit Base-cap an seiner Harmonika ...
1Anm. d. Übers.: Die "samtene Saison" ist die Zeit Ende August/September mit mildem Wetter.
2Anm. d. Übers.: Der "Große Vaterländische Krieg" ist die russische Bezeichnung für den II.WK