ÜBERSETZUNG DER AUTORIN
Wer hätte das gedacht: die Vernichtung der Waffenvorräte in unserem Land führt zur Zunahme der Mehlvorräte! Und auf den Objekten hinter dem Stacheldrahtverbau ist man bereit, Besucher gastfreundlich, dem russischen Brauch nach, mit Brot und Salz zu empfangen. Wobei mit dem Brot, das auch hier gebacken wurde. Auf dem Territorium ehemaliger Befehlsstellen, eingerichtet im Bezirk Kuschener, Republik Mari El, am sogenannten Objekt 120/7, wo vorher alles geheim- gehalten war, mahlt man heute Mehl, bäckt Brot und hält nicht einmal das Herstellungsrezept geheim.
Nach Meldungen der Iswestija wurden im Jahre 1995 Raketen laut dem russisch-amerika-nischen Vertrag aus dem Bezirk Kuschener abtransportiert, nachdem die Raketensilos gesprengt worden waren. Die Befehlsstelle, von der aus alle neun Raketensiloanlagen gesteuert wurden, war nicht gesprengt, aber sie sah wie nach einem Krieg aus: die Zivilbevölkerung schleppte alles nach und nach fort, was Soldaten und Offiziere noch nicht herausgefahren hatten, einschließlich des erwähnten Stacheldrahts.
Brot statt eiserner Reserven
Vor wenigen Jahren noch wurden in der ehemaligen Armeegarage Maschinen montiert, und eine Mühle mit zwei Schichten in Betrieb genommen. Anstelle der eisernen Reserve befindet sich die Bäckerei, deren Vorräte so eisern nicht sind: Hier werden 90 Laibe Brot pro Stunde gebacken. Diese fried-liche Produktion stellt der teilkollektive Betrieb Konganur her, der zur AG Schelesobeton gehört, der das Objekt 120/7 zugefallen ist. Statt des Obersts ist heute der 28jährige Soldat der Reserve Wladimir Tanygin Chef des Betriebs.
Tanygin diente bei der Luftflotte. Von allen Bewegungen im Luftraum hat jetzt nur noch der Bienenflug mit seinem ausschließlich friedlichen Beruf zu tun: der Kollektivbetrieb Konganur hält auf der Befehlsstelle 16 Bienenstöcke.
Früher gab es bei den Militärangehörigen keine Bienen am Objekt 120/7, sie hatten nur Schweine und Kühe (die aber dafür vermutlich im gefleckten "Tarnanzug"). Auch die Dorfbewohner halten Schweine, so daß der Stall praktisch das einzige Gebäude ist, das seine ehemalige Funktion erhalten hat. Es kann sein, daß schon in diesem Jahr eine Wursterei in Gang gesetzt wird, wo sich früher ein Energieblock befand. Das hier gebackene Brot kann man in Zukunft mit einer Scheibe Knack- oder Kochwurst belegen.
Brot und Wurst nach Mass
Wir wissen nicht, wie die Militärangehörigen Wurst schnitten, Brot aber schnitten sie ordentlich in Scheiben à 50-75 g auf. Dies Militärgeheimnis wurde zufällig öffentlich: auf dem Territorium der Befehlsstelle ist eine von dem Truppenkommandeur unterschriebene Anweisung für Brotschneider erhalten geblieben. Irgendwas aus der Anweisung für Soldatenbrotschneider kann heute Brotbäckern von Nutzen sein: „liefern Brot den Abteilungen aus", „arbeiten nur in Spezialkleidung", „wiegen alle Brotreste beim Ablauf des Arbeitstages ab". Das letzte ist jedoch kaum aktuell.
Wie können Reste übrigbleiben, wenn das Brot dem Betrieb Schelesobeton, den landwirtschaftlichen Betrieben, allen benachbarten Schulen (auf Kosten der Steuerzahler) geliefert wird. Seit es den Betrieb gibt, hat man keine Probleme mit der Mehl- und Nudelsuche (Nudeln werden heute in der ehemaliger Kaserne produziert). Es werden neue Arbeitsplätze geschaffen, es wird Gewinn erwirtschaftet. Der Betrieb wird für den besten im Bezirk gehalten, obwohl die Wirtschaftslage hier sehr schlecht ist: Mangel an Mitteln, Rückgang der Produktion...
Pilze hinter Sicherheitstüren
Und in „Konganur" überlegt man weiter, wie die übrigen Armeegebäude genutzt werden können. Nachdem im Aufenthaltsraum der Soldaten Nähmaschinen aufgestellt wurden, um Arbeitskleidung zu nähen, begannen die Vorgesetzten, sich in eine neue Richtung zu orien-tieren, genauer gesagt nach unten. Denn in 35 Metern Tiefe liegt eine kleine Stadt, in der es vor der Entwaffnung ein autonomes Versorgungssystem gab (so autonom, daß noch Zwiebackvorräte aus dem Jahr 1969 gefunden wurden). Die Militärangehörigen transportierten alles außer den Druckluftbehältern daraus ab. Vorläufig werden die Katakomben mit starken eisernen Türen und Tresorschlössern nicht benutzt. Aber es gibt die ungewöhnliche Idee, hier Pilze anzubauen.
Das Wort "Konga-nur" hat in der Sprache der Mari verschiedene Bedeutungen: die einen behaupten, das sei ein nicht mehr existierender Fluß (Konga) im Feld, die anderen, das sein Ofen im Feld - auf der Brandstätte. Das Bild eines Ofens, der einsam im Feld steht, ist traurig und schwermütig. Eine ganz andere Sache ist ein Ofen, in dem Brot gebacken wird.
"HOFFNUNG FÜR OSTEUROPA" - EINE AKTION DES DIAKONISCHEN WERKES DER EKD - VERGIBT SEIT 1995 DEN JOURNALISTENPREIS OSTEUROPA. MIT DIESEM PREIS SOLLEN JOURNALISTINNEN AUF DEM WEG ZU EINEM KRITIKFÄHIGEN JOURNALISMUS UNTERSTÜTZT WERDEN.
JULIA LARINA AUS KASAN NAHM 1997 AM JOURNALISTENFORT-BILDUNGSPROGRAMM DES DRA TEIL. IM FEBRUAR 1999 WURDE DIESER ARTIKEL MIT DEM FÖRDERPREIS "HOFFNUNG FÜR OST-EUROPA" AUSGEZEICHNET.