KASSEL. Während der letzten Wochen waren zwei Kolleginnen aus Jaroslawl in der Lokalredaktion zu Gast. Maria Rasumowa hat sich besonders für die Unterschiede zwischen der protestantischen und der orthodoxen Religi-on interessiert. Ihre Eindrücke und Erfahrungen zu diesem Thema, zu dem sie eine Promotion schreibt, hat sie für uns zusammengefaßt.
Deutschland und Rußland sind zwei verschiedene Welten. Die Mentalität und Kultur der Menschen ist sehr unterschiedlich. Und das gibt der festen Partnerschaftsbeziehung zwischen Kassel und Jaroslawl noch größere Bedeutung. Es war für mich erstaunlich, wieviel die Deutschen für uns tun. Warum eigentlich?
Unterschiede und Ähnlichkeiten
Auf diese Fragen wollte ich eine Antwort finden. Das heißt, daß ich mir die Unterschiede und die Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Russen bewußt machen wollte. Besonders auf der religiösen Ebene interessierten mich die Unterschiede der zwei Traditionen des Protestantismus und der Orthodoxie. Russische orthodoxe Geistliche sind sehr geheimnisvoll. Das habe ich in vielen Gesprächen erfahren.
Um so größer war meine Überraschung, als ich hier in Deutschland, in Kaufungen, eine Pfarrerin kennengelernt habe. die Begegnung und die Gespräche mit dieser Pfarrerin Astrid Thies-Lomb haben mir die Unterschiede besonders deutlich gemacht. Im Vergleich mit dem orthodoxen Priester, der ganz streng aussieht mit Bart und im schwarzen Gewand. Er ist zurückhaltend und konservativ, schaut einem nicht in die Augen und benimmt sich ganz vorsichtig. Er redet ganz dogmatisch und ist völlig distanziert.
Offenheit statt Geheimnistuerei
Dagegen war die Pfarrerin eine ganz normale junge Frau in Jeans. Sie war sehr offen und gesprächsbereit. In zwei Minuten bekommt man das Gefühl, daß man sie schon lange kennt und daß man ihr vertrauen kann.
Sie spricht über Dinge, die inhaltlich sehr tief sind, in ganz einfachen Worten. Sie lehnt keine Fragen ab und braucht keine Fachwörter. "Der Priester muß offen sein und Gespräche führen, ohne Rücksicht auf den sozialen Status des Menschen. Er muß für jeden die richtigen Worte finden," meint sie.