"Ich will den Alltag der Menschen kennenlernen", so lautet ein Ziel, das sich Leonid Muchin, Chefredakteur der Lokalzeitung Usoljer Nachrichten, für seinen 18 Tage langen Aufenthalt in Pforzheim gesteckt hat. Aber der 46jährige Journalist möchte auch erfahren, "wie Deutsche in sibirische Lager hineingeraten sind".
Der Journalist aus der 120 000 Einwohner zählenden Stadt Usolje-Sibirskoje, die 70 Kilometer westlich von Irkutsk liegt, ist von Oberbürgermeister Dr. Joachim Becker im Rathaus begrüßt worden. Der Verwaltungschef überreichte dem Chefredakteur einen Bildband von Pforzheim für das heimische Bücherregal und eine Krawattennadel. Becker begrüßte den Gast als "Zeugen aus einer unbekannten Welt" und betonte die Bedeutung von Austauschprogrammen.
Interesse am Alten und Neuen
Leonid Muchin ist über den Verein Deutsch-Russischer Aus-tausch mit neun Kollegen nach Deutschland gekommen und wird in Pforzheim von der Deutsch-Russischen Gesellschaft betreut. der 46jährige Chefredakteur, der an der Spitze einer lokalen Wochenzeitung mit einer Auflage von 30 000 Exemplaren steht, nimmt jedoch nicht nur wegen der neuen Eindrücke an der Reise teil. Der Journalist ist auf der Suche nach Augenzeugen. Denn seit Beginn der 90er Jahre forscht der Vater zweier erwachsener Töchter über die Geschichte von stalinistischen Lagern. "Es ist schwierig, in russischen Archiven zu arbeiten", beschreibt der Redakteur, der mit einer Deutschlehrerin ver- heiratet ist, die Situation in seiner Heimat. "Er kann zwar in einem Archiv des Innenministeriums forschen, aber unter großen Schwierigkeiten", ergänzt Katharina Leicht, Vorsitzende der Deutsch-Russischen Gesellschaft.
"Menschen sind Geschichte"
Deshalb hat Leonid Muchin bereits vor sieben Jahren in Frankreich mit einem Journalisten-Ehepaar die dortigen Archive durchgestöbert und danach selbst ein Buch herausgegeben. Jetzt möchte der Hobbyhistoriker mit Zeitzeu- gen sprechen, die insibirischen Lagern waren. Schließlich sind "die Menschen selbst die Geschichte", sagt Muchin. Besonders fällt sein wissenschaftlicher Blick auf das Lager Osterlag sowie Leidensstätten rund um Irkutsk und ganz Rußland. Je nachdem, was für Ergebnisse er zusammentragen kann, will der Journalist auch ein Buch veröffentlichen.
Für den Besucher stand bereits ein Besuch des Brötzinger Friedhofs mit Lehrer Gerhard Brändle auf dem Programm sowie ein Gespräch mit Walter Wein-del, der in russischer Kriegsgefangenschaft war. Das Besichtigungsprogramm ist dicht bestückt: Die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und das Bürgerzentrum der Stadtverwaltung hat der Redakteur bereits kennengelernt. Beeindruckt hat den 46jährigen in Deutschland bisher die Sauberkeit, aber er hat in den neuen Bundesländern auch Probleme wie Arbeitslosigkeit bemerkt. Was ihn nach seiner Reise in Irkutsk erwartet? Da bekommt der Journalist einen ernsten Gesichtsausdruck: "Die Lage ist schwierig, sehr, sehr schwierig."