"Sprechen Sie Deutsch, Iwan Andrejtsch?"

von Natalja Emeljanowa (Sewernii rabotschi Januar 2001)

Übersetzer: Harry Wötzel

Heute wird das erste Festival "Tage der deutschen Kultur in Archangelsk" eröffnet

   Deutschland und Russland haben eine schwierige Geschichte der gegenseitigen Beziehungen. In diesem Licht hat sich das Schicksal der Russlanddeutschen oft tragisch gefügt. Und es bleibt bis heute nicht einfach.

   Wladimir Nikolajewitsch Sebald und Elena Gotlibowna Anisimowaja haben fast die gleichen Wurzeln, nämlich bayrische.
Sebalds Vorfahren waren bekannte bayrische Bierbrauer. Ihr Ruhm breitete sich bis nach Russland aus. Im vergangenen Jahrhundert kauften sie hier Land und bauten drei Brauereien: in Weliki Ustjug, Wetlug und Wjatk (diese Betriebe arbeiten heute noch). Wladimir Nikolajewitsch war mehrmals in der Brauerei in Weliki Ustjug: in dieser Stadt wurden sein Vater und sein Großvater geboren. Dort hat Sebald auch viel mit den Dokumenten im Archiv gearbeitet.
Nach der Revolution fielen die Betriebe und der gesamte Besitz in die Hände der Sowjetmacht, die Deutschen erhielten den Status von Kriegsgefangenen. Die Staatsmacht tat alles, um die Wurzeln zu eliminieren. 1935 verbannte man den Urgroßvater von Wladimir Nikolajewitsch nach Ostsibirien und den Großvater mit der Familie nach Sulfat. 1937 kam der Großvater als "Volksfeind" ins Gefängnis. Seinem Sohn wurde in der Schule der Boykott erklärt. Später wurden sowohl der Urgroßvater als auch der Großvater von Wladimir Nikolajewitsch rehabilitiert.
Heute ist W.N. Sebald Vorsitzender der deutschen Gemeinde von Sewerodwinsk. In der Gemeinde sind etwa hundert Menschen registriert (natürlich sind das nicht alle Russlanddeutschen der Stadt). Ein offizieller Status ist der Gemeinde bislang noch nicht zugesprochen worden. Wladimir Nikolajewitsch hofft aber, dass die Angelegenheit in Bewegung kommt. Und er knüpft seine Hoffnungen an die neue gesamtrussische politische Bewegung "Wiedererweckung der Einigkeit und Harmonie", die jetzt in Moskau entstanden ist. Ziel der Bewegung sind die Bewahrung der Sprache , des Ethos, die Festigung Russlands, die Einflussnahme auf das politische Leben des Landes.

   Die Vorfahren von Elena Gotlibowna kamen vor zweihundert Jahren nach Russland - noch zur Zeit von Katharina der Zweiten.

   Sobald irgendeine Konfliktsituation entstand, wurde die Herkunft Elena Gotlibownas (sie ist Deutsche väterlicherseits und mütterlicherseits) zum willkommenen Anlaß, sich unfair ihr gegenüber zu verhalten. Bis sie einmal nach Deutschland reiste und begriff, dass es gut ist, eine Deutsche zu sein. Daran musste aus psychologischer Sicht viel gearbeitet werden. Jetzt, glaubt Elena Gotlibowna, hat sie die ideale Wechselbeziehung gefunden: sie hat für sich die deutsche Kultur mit ihrer Folgerichtigkeit und Verbindlichkeit und die russische mit ihrer Fähigkeit zur Anpassung angenommen.
- Immer habe ich gesagt, dass ich eine Deutsche bin. Aber ich begreife, dass ich trotz allem eine Russin bin.
Die Schüler der Internatsschule, wo sie unterrichtet, fragen, woher dieser seltsame Vatersname kommt. Es interessiert sie, inwieweit sie Deutsche ist. Und ob sie in Deutschland war. Und manchmal gelingt es ihnen im Unterricht, die Lehrerin in eine Plauderei über das Thema deutsche Kultur zu verwickeln.
Wenn sie dazu aufgelegt ist, macht Elena Gotlibowna zu Hause Berliner Schweinshaxen und Apfeltaschen. Aus Deutschland hat sie eine bayrische Nationaltracht mitgebracht und geht in ihr zur Arbeit. Sie hat die Zeitschrift "Deutschland" abonniert. Ihre Familie feiert Ostern zweimal. Aber wenn im Freundeskreis Lesungen über deutsche Kultur stattfinden, zum Beispiel über die deutsche Früh-Renaissance, lässt Elena Gotlibowna alles andere liegen.

   ...Viele Russlanddeutsche haben sich im Norden "eingelebt". Der eine ist schon lange nach Deutschland ausgereist, der andere hat es nur vor. Wie fügt sich ihr Schicksal in der historischen Heimat?
In Deutschland hatte ich häufig Gespräche mit Russlanddeutschen zu führen. Jeder versucht, sich so gut wie es geht einzurichten.
- Ich würde jeder russischen Frau das wünschen, was ich hier habe,- teilte sich mir eine Dame mit, die unlängst "Frau" geworden war.
Natürlich werden Fachkräfte überall geschätzt. Manche finden in Deutschland gut bezahlte Arbeit, bauen Häuser, kaufen Autos und teure Möbel.

   Und in Berlin spielt in einer Unterführung ein noch nicht so alter Mann auf dem Synthesizer und singt: "Dorogie moi stariki...". Er singt gut. Es geht ans Herz. Daneben liegt die Mütze für das Kleingeld.
Am Eingang zur U-Bahn am Alexanderplatz hörte ich nicht sehr laut gesprochenes Russisch: auf den Stufen saß eine alte Frau und sprach leise mit einer etwas jüngeren Frau. Ich schaltete mich in das Gespräch ein.
Die alte Frau lebt schon lange in Deutschland: anscheinend wollte sie nicht weg, aber die Kinder haben sie mitgenommen. Das Geld, sagt sie, reicht oft nicht. Zwei Wochen bittet sie jetzt um Almosen.
- Meinen Angehörigen sage ich, dass ich Peter besuchen gegangen bin. Wenn die Kinder erfahren, was ich tue, bringen sie mich um. Die Polizei beachtet mich nicht, sie hat schon abgewinkt: "Ach, russisch..."
Vorbeieilende Deutsche werfen der alten Frau Pfennige hin, statt sich aber wie bei uns zum Dank zu bekreuzigen, sagt man "Dankeschön". Während gerade niemand in der Nähe ist, öffnet sie vorsichtig ihre Tasche und zeigt uns einige schon mit Kleingeld gefüllte Plastikbüchsen. An einem Tag kommen so an die sechzig Mark zusammen - ein ganz hübsches Stück Geld.
Die Gesprächspartnerin Katharina betrachtet sie mit Neid. Einmal hat sie ein Plakat auf deutsch geschrieben: "Helfen Sie, womit Sie können" und auch mit ausgestreckter Hand am Rathaus der Stadt gestanden. Sie sammelte 50 Mark. Doch... sie schämte sich. Katharina ist schon über vierzig. Vor zwei Jahren ist sie nach Deutschland umgesiedelt.
- Ich bin hier ganz allein, gesteht sie uns. - Die Deutschen versuchen, den Russen aus dem Weg zu gehen. Und von den Russen hält man sich hier besser fern. So wird "geholfen" in der Not, dass man nicht froh wird. Die in Russland gebliebenen Verwandten nehmen es mir übel, dass ich sie nicht hierher einlade. Sie verstehen einfach nicht, wie ich lebe.
Katharina arbeitet als Reinemachefrau in einem Verwaltungsgebäude. Ihr ganzer geringer Lohn wird für die Wohnungsmiete und die Fahrkarte (sie fährt von Potsdam zur Arbeit nach Berlin) verbraucht. Für Lebensmittel bleibt fast nichts übrig. Katharina erläutert mir lange die juristischen Einzelheiten ihres Elends: ihr steht Sozialhilfe zu, aber aus irgendeinem Grunde wird sie nicht gezahlt. Eben erst war Katharina unterwegs, um eine Obdachlosenunterkunft zu suchen, wo sie übernachten kann, wenn sie die Wohnung räumen muss. Mehr als einmal musste sie schon die Nächte auf Bahnhöfen und in Obdachlosenunterkünften verbringen.
Eine skurrile kleine Frau. Die blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Und ihren verstörten, gehetzten Blick kann ich bis heute nicht vergessen.
- Hätten Sie dann vielleicht nicht weggehen sollen?
- Ich hatte so ein Leben in Russland...Ist es denn schlimm, aus dem Grab auszuziehen? Dort war ich die "Faschistin". Hier sage ich niemandem, dass ich eine Russin bin. Und meinen Akzent erkläre ich damit, dass ich "jugoslawisch" oder "polnisch" bin. Russisch sprechen kann ich ja noch, aber schreiben habe ich wohl schon verlernt.

- Seit sieben Jahren fragt man mich jetzt, ob ich es nicht bedaure, weggegangen zu sein. Das ist etwa so, als würde man jemanden, der vor kurzem seine Mutter zu Grabe getragen hat, fragen, " wie fühlen Sie sich", - sagt noch eine andere Russlanddeutsche, Regina, die aus einer kleinen Stadt im Wolgagebiet nach Deutschland gekommen ist. Immer wieder fängt sie in der Unterhaltung an, deutsch zu sprechen, und erinnert sich nur noch mit Mühe an die Übersetzung: "Wie heißt das auf russisch?"
- In Russland hatte ich zu leiden, weil ich Deutsche war. Hier ist es so, weil ich Russin bin. Viele Russen, die nach Deutschland kommen, um dauerhaft hier zu leben, wollen die Sprache nicht lernen, wollen nicht arbeiten und leben untätig von Sozialhilfe in der Meinung, dass dies die höchste Stufe des Lebenserfolgs sei.

-Als ich in Russland lebte, fährt Regina fort, - redeten wir in der Familie deutsch. Jetzt ist es umgekehrt: ich will nicht, dass meine Tochter das Russische vergisst. Wir haben zu Hause sogar eine Sparbüchse eingerichtet, in die wir eine Münze stecken, wenn wir es vergessen und deutsch sprechen. Und zum Lachen reizende falsche russische Sätze der Tochter tragen wir in ein besonderes Heft ein. Ich hatte Glück: ich bin eine der wenigen, die hier Arbeit in ihrem Beruf gefunden haben. Ich arbeite in einer Bibliothek.

Gebe Gott, dass die Russlanddeutschen, die sich entschlossen haben, nach Deutschland umzusiedeln, es schaffen, dort einen achtbaren Platz zu finden. Aber uns dazu aufrufen, andere Kulturen, andere Nationen zu achten, möchte ich nicht. Mir scheint, dass sich dies von selbst versteht.