Übersetzung: Britta Behrens
Es fällt mir nicht leicht. Es fällt mir gar nicht leicht, über ein Land zu erzählen, in dem eine Kuh, die 25 Liter Milch am Tag gibt, als verlustbringend gilt; in dem Autofahrer trotz des grünen Lichts anhalten und geduldig warten, bis der unachtsame ausländische Fußgänger bei Rot die Straße überquert hat. Ich würde einem solchen Erzähler nicht trauen. Denn auf solche Wunder sind wir hier bisher nur in den Wahlversprechen der Politiker gestoßen. Deswegen nehme ich es auch nicht übel, wenn Sie, liebe Leser, mir nicht glauben werden.
Wo ein Land Beginnt
Der Journalistenkollege aus Irkutsk, der mein Vater sein könnte und einiges im Leben gesehen hat, kam aus der Toilette gerast: "Mein Gott, Albert, was geht hier bloß vor, aah!!"
Ich öffnete vorsichtig die Tür zur Toilette. Noch bevor ich nach dem Schalter tasten konnte, ging das Licht automatisch an, als ob ein unsichtbarer Diener den Lichtschalter gedrückt hätte. Ebenso automatisch schoß aus dem Wasserhahn ein dicker Strahl hervor, als ich meine Hände dem Hebel näherte, ohne ihn zu berühren; und dann stellte sich der Lufttrockner für die Hände genauso selbständig an. Später versuchte ich, die Erklärungen über das System der Fotoelemente zu verstehen, aber meine Deutschkenntnisse waren zu dürftig.
Der Großteil der Bevölkerung des Landes mit 80 Millionen Einwohnern gehört entweder zu den Reichen oder zur Mittelklasse.
Die Armen Deutschen
Sie leben im Wohlstand - ein Haus, 2-3 Autos, keine Probleme mit Verpflegung, Kleidung, Reisen durch Europa. Ein Haus kann man dort auf Raten kaufen: Der Bankkredit muß im Verlauf von 25-30 Jahren zurückgezahlt werden. Risiko? Wenn man die Arbeit verliert, aufhört, die Schulden zu tilgen, nimmt die Bank das Haus weg, und man steht auf der Straße. Aber solche tragischen Fälle gibt es wenige.
"Man steht auf der Straße" - das ist relativ, obdachlos und hungrig zu sein, ist in Deutschland schwierig. Den Armen (das sind die Arbeitslosen - um die vier Millionen Menschen) hilft der Staat. Er bezahlt eine Wohnung - die völlig passabel ist, etwa so wie in unseren Plattenbauten. Die Zuwendungen sind völlig ausreichend, um sich zu ernähren, sich zu klei-den und Kinder aufzuziehen. So, ohne zu arbeiten und dabei Beihilfe zu bekommen, kann man sein ganzes Leben verbringen! Die Probleme sind eher psychisch: Es ist nicht leicht, sich an die mittelmäßige Lage zu gewöhnen, wenn drumherum alle im Luxus oder doch zumindest im Wohlstand leben.
Mann und Frau
Während ich mich in Deutschlands Schönheiten verliebte, wurde ich immer öfter nachdenklich: Warum, zum Donnerwetter, unterscheidet sich ihr Leben so von unserem! Sollten wir wirklich in einem verfluchten Land leben!
Die Möglichkeit "Sie sind klug, und wir - dumm" scheidet sofort aus. Es gibt keinen Grund zu behaupten, daß die Deutschen die Russen beim Intelligenz-quotienten oder, sagen wir, im Bildungsniveau merkbar übertreffen. Natürlich nicht, es sind eben solche Menschen: ein Kopf, zwei Arme, zwei Beine.
Die Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern (junge Männer - junge Frauen, Männer - Frauen) in Deutschland unterscheiden sich wesentlich von unseren. Die Deutschen heiraten relativ spät: um die 30 oder sogar nach 30. Aber bis dahin?
Im Alter von 15-20 Jahren beginnt der Deut-sche (die Deutsche) eine Freundin (einen Freund) zu haben. Das ist der Liebling, den man nicht heiratet, und mit dem man in der Regel nicht in einem Haus lebt.
Freund und Freundin treffen sich, unterhalten sich, verbringen viel Zeit miteinander, lieben sich, passen auf, daß es keine Kinder gibt.
Wenn die Beziehung den jungen Leuten nach einiger Zeit nicht mehr paßt - dann trennen sie sich einfach; und nach einiger Zeit "Erholung" stellt sich ein neuer Freund ein. Oder auch nicht - wenn man möchte, kann man lange Zeit allein bleiben.
Man trifft auch andere Varianten: Ich war sehr verwundert, daß eine sympathische junge Deutsche mit dem einen jungen Mann zur Party kam, aber mit einem anderen ging. Was reife, verheiratete Männer betrifft, so werden sie als besonders treue und zuverlässige Ehemänner charakterisiert.
Frühe Heirat
Meine Erzählung, daß die jungen Leute in Dagestan, besonders die Frauen, ziemlich früh heiraten, nahmen die Deutschen mit Verwunderung auf: "Aber der Ehemann - das ist doch der Mensch, mit dem eine Frau ihr ganzes Leben verbringt, von dem sie Kinder bekommt, mit dem sie schwierige Probleme löst usw. Kann etwa ein unerfahrenes Mädchen, das sich mit Männern noch nicht auskennt, genau auswählen, welchen der Männer sie dafür braucht?" Ich habe nicht davon gesprochen, daß der jungen, unerfahrenen Frau dabei die erfahrenen Eltern helfen. Deutsche haben mit der Volljährigkeit eine sehr, sehr große Selbständigkeit: man entscheidet die Fragen des persönlichen Lebens selbst, büßt für Fehler, sammelt Erfahrung. Dadurch gibt es weniger "Muttersöhn-chen" und Mädchen, die "nicht von dieser Welt" sind.
Und noch ein wichtiger Aspekt: In Deutschland gilt eine Frau (sogar mit Kindern), die sich von ihrem Mann getrennt hat, nicht als "im Stich gelassen" oder gar "zweitklassig". Der hohe Lebensstandard, die Möglichkeit, eine Arbeit zu bekommen und gut zu verdienen, , sich eine eigene Wohnung zu beschaffen, schließen solche sozialpsychologischen Probleme aus.
Freiheit der Wahl
Mein Journalistenkollege, der Deutsche Mike Günther kann schon das siebte Jahr nicht die Universität beenden. Die Ursache: Sein Wissen reicht nicht, um das Examen zu bestehen. Mikes Eltern leben von Arbeitslosengeld, sie können ihren erwachsenen Sohn nicht unterstützen. Deshalb erhält sich Mike selbst - tagsüber arbeitet er in der Zeitung, abends wirft er Pakete auf der Post. Es bleibt keine Zeit mehr zum Lernen, trotzdem zieht er das Studium durch, er wird ein "echter", kein "diplo-mierter" Finanzfachmann, und die Gesellschaft erhält einen tollen Spezialisten.
Selbst wenn Mike das Diplom kaufen könnte, würde er das nicht tun. Denn der Manager würde einen "hohlen" Diplomanden schnell durchschauen. Bei uns ist der Manager wahrscheinlich der Onkel, der weiß, daß man dem Jungen helfen muß, weil er der einzige Sohn der Familie ist. Übrigens spreche ich nicht über sozioökonomische Besonderheiten, sondern über etwas anderes - die Freiheit der Wahl. Mike bräuchte sich nicht zu quälen, aber er weiß - mit dem Wissen eines diplomierten Finanzfachmannes wird es ihm einmal leichter fallen. Obwohl Mike bislang in seiner Zeitung als Korrespondent mit Halbtagsstelle arbeitet. Das ist seine bewußte Wahl: sich zeitweilig Vergnügen zu versagen.
Dialoge
Der durchschnittliche Deutsche glänzt in der Regel nicht mit Bildung, aber er ist höflich, praktisch und, als Wichtigstes, er versucht nicht, in "die Seele seines Gesprächspartners einzudringen". Ein typisches Beispiel für einen Dialog zweier Bürger: "Hast Du das über den Kosovo gehört?" - "Ja, die Serben wüten, schlimm. Und "Bayern" hat verloren, weißt Du das?" "Natürlich,..." usw.
Den heutigen Deutschen ist überhaupt kein Nationalismus eigen - sie haben noch immer einen starken Schuldkomplex gegenüber Rußland und den Juden. Bei den letzten Wahlen ist die Partei der Neonazis mit großem Krach durchgefallen. Die Gesellschaft betrachtet sie mit Feindseligkeit, und für "Heil Hitler!" in der Öffentlichkeit kann man bestraft werden. Kein Wunder - schon in der Schule wird den Kindern eingeschärft, was für "schlechte Kerle" die Deutschen in den 30er und 40er Jahren waren. Im übrigen unterscheiden sie sich nicht sehr von uns: Sie lieben es, gut zu essen, schön zu leben, sich gut zu erholen, neue Städte und Länder zu sehen. Ich würde nicht sagen, daß alle Deutschen "Work-aholics" sind, aber sie verstehen: man muß mit Eifer arbeiten, wenn man alles Aufgezählte haben möchte.