SCHÖN IST DAS LAND DEUTSCHLAND

EINE DIENSTREISEVON KURSK NACH SPEYER
VON SWETLANA RUDAKOWA (Molodaja Gwardija 1996)

ÜBERSETZUNG: ALEXEJ KLUTSCHEWSKY

   Ende letzten Jahres wählte der "Deutsch-Russische Austausch e.V." 14 Journalisten aus fünf russischen Städten (Twer, Jaroslawl, Lipezk, Kaluga und Kursk) für eine Weiterbildung in Deutschland aus. Einen Monat lang lernten wir in Berlin und der Partnerstadt Speyer Theorie und Praxis der deutschen Journalistik und nebenbei Leben, Sitten und Gebräuche kennen.

Beste Bekanntschaften

   Eigentlich braucht Speyer den Kurskern nicht besonders vorgestellt werden. Seit die Partnerschaft besteht, waren mehrere Hundert Kursker mit verschiedenen Missionen in dieser sehr schönen Stadt. Kursk wiederum empfing Gegenbesuche.

   Davon, daß es eine solche Stadt gibt, wissen die Kursker, die humanitäre Hilfe erhielten, nicht nur vom Hörensagen. Während unseres Aufenthaltes schickten die Mitglieder des Freundeskreises eine weitere Lieferung humanitärer Hilfe nach Kursk. Und am letzten Adventsonntag verkauften die Mitglieder des Freundeskreises bei - für deutsche Verhältnisse - strengem Frost den ganzen Tag auf dem Weihnachtsmarkt Kursker Souvenirs und deutsche Bastelarbeiten, um für den Erlös kinderreichen Kursker Familien Hilfe zu schicken. Ich bin nicht sicher, ob viele von uns ihre Feiertage so ohne Bezahlung verbringen würden, um bedürftigeren zu helfen.

   Deutschland, d.h. auch diese Leute haben genug eigene Probleme. Eines ist die Arbeitslosigkeit (mehr als 10 Prozent der aktiven Bevölkerung) und die Drogensucht (womit wir wohl bald in Berührung kommen). Die Deutschen interessieren sich übrigens kaum für Politik - was von einer stabilen Gesellschaft zeugt. Wesentlich interessanter finden sie soziale Probleme und das eigentliche Stadtleben.

   Um Menschen kennenzulernen, muß man einige Zeit gemeinsam verleben. So auch hier.

Gesundheitskult - überall

   Sonntags früh sieht man in den Straßen fast keine Leute. In den Parks jedoch, von denen es in jeder Stadt viele gibt, hier und da auf den Wegen Trainingsanzüge aufblitzen. Die meisten Menschen, die wir trafen, rauchen nicht. Sie haben damit aufgehört, obwohl sie früher pro Tag eine Schachtel Zigaretten oder mehr geraucht hatten.

   Eine durch kein hohes Einkommen belastete Mutter von drei Kindern geht ins Fitnesscenter, ins Schwimmbad, nimmt Mal- und Englischstunden... An den Feiertagen fahren viele Speyrer nach Frankreich (dank der Visafreiheit und der nahen Grenze), um mit einem Ausflugsschiff ins wunderschöne Straßburg zu fahren, auf den Turm des Münsters zu steigen, einfach zu Mittag zu essen, da die dortige Küche nach Meinung der Deutschen vielfältiger, besser ... und billiger ist. Viele junge Leute sind Vegetarier, aber nicht, weil Fleisch, nicht so gut für die Gesundheit wäre, sondern weil sie die Tötung von Lebewesen nicht akzeptieren ...

   Dazu könnte jemand böse bemerken, daß sie dort zu sehr verwöhnt sind, ein anderer könnte seufzen: hätten wir doch deren Probleme... Man könnte natürlich über den Unterschied im Wohlstand sprechen, daß wir uns vor allem ums Überleben sorgen. Das stimmt schon, aber es gibt auch andere Erklärungen. Gewöhnlich schieben wir alle Haushaltssorgen auf das Wochenende: ein feierlicher Ausgang (wie auf ein Fest) auf den Markt fast mit der gesamten Familie, Wäsche waschen, Aufräumen, Kochen und da ist der Montag schon.

   Ja, Dienstleistungen sind bei den Deutschen besser entwickelt. Ja, Geschirrspülmaschinen und Waschmaschinen, Fertiggerichte, die man im Katalog aussucht und per Telefon bestellt, erleichtern den Haushalt wesentlich. Auch wir würden besser leben, wenn nicht ...

   An einem Samstagabend konnten wir im Stadtzentrum nur mit großen Schwierigkeiten ein Restaurant finden, um Abendbrot zu essen. Und das, obwohl es in Speyer mit seinen 50.000 Einwohnern über 200 Restaurant mit der nationalen Küche verschiedener Völker, Gaststätten, Weinkeller und sonstige Lokale, wo man sitzen und essen kann, gibt.

   "Aber wenn jemand die Sterne anzündet, so braucht das jemand" schrieb Majakowski einmal. Das heißt, bei uns ist kein besonderes Bedürfnis für solche Orte und eine solche Lebensweise vorhanden. Es liegt nicht einmal am Geldmangel, sondern an der Denkweise. Schon zu Sowjetzeiten unterschieden sich Sankt Petersburg, wie auch Charkow und Lemberg vorteilhaft von unserer Stadt dadurch, daß man dort immer mühelos ein gemütliches Café finden und mit Freunden sitzen konnte. (Ganz zu schweigen vom gegenwärtigen "Piter", wo am Newskij Prospekt solche Cafés auf Schritt und Tritt zu finden sind.)

   Den bekannten Ausspruch etwas verändernd, kann man sagen: jedes Volk erhält das, was es haben möchte, und führt das Leben, das es verdient. Das Nachkriegsdeutschland erlebte eine genau so harte Wirtschaftskrise, wie wir jetzt. Allerdings besteht die Besonderheit der Krise in anderen Ländern darin, daß sie aufhört, bei uns jedoch kommt sie mit einer beneidenswerten Stetigkeit immer wieder.

Apropos: Zu den Frauen

Wiedervereinigung - Spaltung im Kopf

   Die Euphorie über den historischen Fall der Berliner Mauer 1990 legte sich in Westdeutschland wie auch in Ostdeutschland. Obwohl Deutschland offiziell schon vereint ist, wächst das Unverständnis zwischen Ossis und Wessis, insbesondere seitens der ehemaligen Ostdeutschen. Das umgegrabene Berlin, das sich auf den Umzug der Regierung aus Bonn vorbereitet, Verkehrsstaus, Verlust der Arbeitsplätze nach dem Aufkauf ostdeutscher Betriebe mit westlichem Kapital, Verlust der Sicherheit, all das hat einen Terminus wie "Ostalgie" geprägt. Die DDR war wohl das am weitesten entwickelte sozialistische Land. Arbeitsplatzgarantie, für alle (!) kostenlose Medikamente (auf ärztliches Rezept), feste Preise bei deutscher Qualität - als sie alles verloren, sahen die ehemaligen Ostdeutschen den Schuldigen in Helmut Kohl und wählen die Partei der deutschen Sozialisten. Formal ist Berlin eine Stadt, de facto wächst die Mauer der Intoleranz. In der Polemik wirft eine junge westliche Journalistin ein: "Ich würde lieber den letzten Türken heiraten als einen Ostdeutschen ". Ein großer Teil des Bundeshaushalts fließt in die neuen Länder, die alten Länder erhalten weniger. So diskutierte der Stadtrat von Speyer den Haushalt für 1997 mit einem Defizit von 24 Mio. DM. Die Veränderungen vergehen für niemanden problemlos. Vielleicht löst sich ein Teil der Probleme von selbst.

Anstelle eines Nachwortes

   Wir fragten uns natürlich, wozu die Deutschen Geld für Journalisten aus der russischen Provinz hinauswerfen. Eine Zeitung in Lipezk schrieb: Wir brauchen keine Almosen.

   Mir scheint, daß sie uns auf jeden Fall helfen wollen. Sie wollen wissen, wer wir tatsächlich sind. Ein Künstler aus Speyer sagte, er hätte sich noch vor zehn Jahren nicht vorstellen können, daß er bei sich Gäste aus Rußland hat. Wir waren Gesandte des Landes - auch, um Geheimnisse zu lüften. "Stimmt es, daß in Rußland zum Frühstück Wodka getrunken wird?"

   Mir scheint, daß das gegenseitige Kennenlernen für uns derzeit unerläßlich ist, wenn auch wir im "Haus Europa" wohnen wollen.