Russische und deutsche Schlussfolgerungen - kein Vergleich?

von Junia Walamina (Wecherni Murmansk 2000)

ÜBERSETZER: ALEX ALSAN

   Das Haus an der Grenze

   Die letzte Woche Ihres Praktikums verbrachten unsere JournalistInnen in Berlin. Vor fünfzehn Jahren, während meines ersten Aufenthaltes in Deutschland, zogen wir - entsprechend der Instruktion, die den Sowjet-Touristen vor jeder West-Reise eingehämmert wurde und an die sich wahrscheinlich noch viele erinnern - in "Dreiergruppen" durch die Hauptstadt der DDR und hielten am Brandenburger Tor. Dahinter begann eine andere Welt, in die uns jeder Einblick verwehrt wurde.
Heute ist von der Mauer nichts mehr übriggeblieben, abgesehen von einigen Metern Beton und einem Museum zur Erinnerung an diese Zeit, durch das uns ein ehemaliger Flüchtling aus Ost-Berlin führte. Mit 18 Jahren gelangte er, sein Leben riskierend, in den Westen. Doch nicht alle hatten solches Glück: Viele Deutsche bezahlten mit ihrem Leben bei dem Versuch, auf die andere Seite der Mauer zu gelangen.

   Im Museum gibt es erschütternde Aufnahmen, die ein deutscher Fotograf zur tragischen Zeit des Mauerbaus machte, wodurch die Deutschen, ihre Schicksale und Leben für lange Zeit voneinander getrennt wurden. Auf einer Fotografie ist ein Haus zu erkennen, das selbst Teil der Grenze wurde: Menschen stürzten sich aus der zweiten und dritten Etage in die Tiefe, nachdem sie Decken und Kissen auf der Straße geworfen hatten. In einem Fenster erkennt man eine ältere Frau, die von einem Volkspolizisten festgehalten wird, während sich ihr von unten helfende Hände ihres Kollegen aus Westberlin und anderer glücklich Geflohener entgegenstreckten.
Die Dramatik der langen Geschichte unseres Museumsführers wurde nur durch die Worte unserer netten Dolmetscherin aus Österreich gemildert, die von der Zeit der "eisernen Gardine" und des "Stacheldrahtschnürchens" sprach.

   Klein - Istanbul

   Heute ist die Hauptstadt des vereinigten Deutschland ein Meer aus Baugerüsten. Wahrscheinlich werden bald nur noch wenige Häuser, die unseren Bauten aus der Chrustschow - Ära ähneln, an die sozialistische Vergangenheit ihres östlichen Teils erinnern.
"Das ist unser Klein-Istanbul", erklärt uns die Organisatorin unserer Reise , Karin Wolf, als wir eines der Viertel der Stadt erreichen. Und tatsächlich hatte es den Anschein , als hielten wir uns in der türkischen Hauptstadt auf : Von Kopf bis Fuß verhüllte Frauen, braungebrannte, laute Kinder, Straßenhandel.
Die Türken stellen die größte Minderheit unter den hier lebenden Ausländern dar. Waren es in den 60er Jahren nur einige Hunderte, so wuchs ihre Zahl in den 70ern auf 70 Tausend und verdoppelte sich bis heute noch einmal. Heute bilden sie sieben Prozent der Gesamtbevölkerung Berlins.
Weiterhin kommen 30.000 Einwohner Berlins aus Polen, fast ebenso viele stammen aus dem ehemaligen Yugoslawien. Russen trifft man in Deutschlands Hauptstadt nur wenige.
Die Ausländergestze hier sind streng und werden strikt befolgt. Als Jugendlicher kann man erst nach einer Aufenthaltsdauer von sechs Jahren deutscher Staatsbürger werden, Erwachsene erhalten die Staatsbürgerschaft erst nach acht Jahren. Doch auf jeden Fall ist es unbedingt nötig, gute deutsche Sprachkenntnisse zu besitzen und aktiv am öffentlichen Leben teilzunehmen. In Berlin erhalten jährlich etwa 10.000 Ausländer die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Gebühr für die ganze Prozedur beträgt ca. 500. DM. Gleichzeitig muß eine Verzichtserklärung auf die bisherige Staatsbürgerschaft vorliegen.

   Sag, was du willst

   Insgesamt leben zur Zeit in Berlin mehr als eine halbe Million Ausländer, nicht eingerechnet die die "Illegalen". Um diese kümmert sich eine Vielzahl von gemeinnützigen Organisationen. Dazu gibt es spezielle - in der Landessprache verfasste - Broschüren und Radio- bzw. Fernsehprogramme.
Seit 1984 etwa existiert der "Offene Kanal". An diesen kann sich jeder wenden, der meint, etwas zu sagen zu haben. Dafür reicht es, einen Personalausweis vorzulegen und den Wunsch nach einer Radio- oder Fernsehproduktion zu dem einen oder anderen Thema zu äußern. Technik und Einweisung werden kostenlos vom Sender zur Verfügung gestellt.
Viele unterschiedliche Menschen kommen hier zusammen: Während sich in einem Raum junge Leute Aufnahmen anhören, ist man in einem anderen gerade auf Sendung und aus einem dritten ertönt Stimmengewirr, vermutlich wird gerade ein neues Programm besprochen.
Für den Inhalt der Sendung ist jeder Autor selbst verantwortlich. Über jedes Thema kann gesprochen werden. Es gibt nur eine Bedingung- der Gesetzesrahmen muß eingehalten werden. Übrigens: Ein Drittel aller Sendungen findet nicht in deutscher Sprache statt.

   Reiseservice

   In Berlin hatte man uns Praktikanten Wochentickets der BVG ausgehändigt , die für alle öffentlichen Verkehrsmitteln gelten. Wir benutzten mit Vorliebe die Doppeldeckerbusse. Es ist angenehm, die Hauptstadt von oben aus einem halbdurchsichtigen Salon kennenzulernen, besonders an klaren Septembertagen, wenn das Zieharmonika - Dach aufgeklappt ist. Die Metro benutzten wir eigentlich nur, wenn es besonders eilte, und während des "Benzin"-Streiks, als die Fahrer als Antwort auf die Benzinpreiserhöhung die Straßen der Hauptstadt lahmlegten.
Natürlich hält die Berliner Metro, was Prunk und Schönheit betrifft, der unsrigen in Moskau oder St. Petersburg nicht stand, dafür gibt es aber keine Drehkreuze und wachsame Aufsichtsbeamte in Glashäuschen.
Als wir am ersten Tag den Metro-Plan studierten, tauchte vor uns plötzlich ein freundlicher Beamter in Uniform auf, der anfing, uns die Verbindung zu unserem Zielbahnhof zu erklären. In dieser Woche sind wir ziemlich viel in der Hauptstadt herumgefahren, für unsere Fahrkarten hat sich in dieser Zeit jedoch niemand interessiert.
Auch die Eisenbahn lernten wir kennen. Den Erholungsort Cuxhafen, wo wir den größten Teil unseres Praktikums verbrachten, erreichten wir über Hamburg, wo wir umsteigen mußten. Die fürsorgliche Karin Wolf händigte uns die Fahrkarten aus und erklärte uns ausführlich, an welchem Bahnhof und von welchem Bahnsteig unser Zug abfährt. Schon beim Einsteigen erwartete uns die erste Überraschung, denn unseren Wagen Nummer 8 gab es in diesem Zug gar nicht. Natürlich fanden sich Plätze in einem anderem Wagen. Dann wurde bekannt gegeben, daß dieser Zug ein Umweg fahren muß und sein Ziel erst eine Stunde später erreicht.
Aber wir kamen garnicht dazu, uns wegen der Zugverbindung in Hamburg Sorgen zu machen, da schon eine sympatische junge Frau im Anzug ins Abteil trat und jedem der Mitfahrenden erklärte, mit welchem Anschlußzug er am besten weiterfahren könne. Wie sie uns erklärte, galten unsere Fahrkarten für alle Züge, die für unser Reiseziel in Frage kämen.
Um die Fahrzeit zu verkürzen, begaben wir uns ins Zugrestaurant auf eine Tasse Kaffee. Als wir jedoch bezahlen wollten schob die Dame hinter dem Tresen unser Geld entschieden zurück und erklärte, die Tasse heißen Kaffees sei eine Art Kompensation für die Unannehmlichkeiten, die uns durch die Stunde längere Fahrtzeit verursacht werde.
Als wir von Cuxhafen nach Berlin zurückfuhren erschien es uns logisch, daß wir in Hamburg am gleichen Bahnhof wie bei der Hinfahrt in den Zug nach Berlin umsteigen müssen. Aber offensichtlich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen deutscher und der russischen Logik. Auf jeden Fall fanden wir in Hamburg den auf den Fahrkarten angegebenen Bahnsteig nicht. Erst da stellte sich heraus, daß wir uns am falschem Bahnhof befanden und unseren richtigen noch nicht erreicht hatten. Nachdem wir herausgefunden hatten, wie man dorthin kommt und unsere Sachen aufgenommen hatten, liefen wir keine 20 Meter, als uns zwei Mitarbeiter der Eisenbahn einholten, sich unsere Koffer schnappten und uns zum Lift brachten. Sie begleiteten uns bis zum Expresszug, sprachen mit dem Zugbegleiter, und schon eine Minute später jagten wir zu unserem richtigen Bahnhof. Der Zugbegleiter erklärte uns, daß wir den Anschlußzug vielleicht verpassen würden, doch bis zum nächsten müßten wir nicht lange warten. In Hamburg half er uns die Koffer auf den Bahnsteig zu heben, salutierte und wünschte lächelnd eine gute Reise.

   Gleich nach der Ankunft in St. Petersburg hetzten wir schon wieder, diesmal vom Flughafen "Pulkovo", zum Moskauer Bahnhof . Das Erste, was wir dort erblickten, waren unsere Mitbürger, die mit gelangweilten Gesichtern in den Warteschlangen vor den Fahrkartenschaltern ausharrten.
- Es gibt keine Tickets nach Murmansk, erklärte die Kassiererin.
- Und wann können wir fahren?
- Es gibt noch Tickets für übermorgen.
Nach langer Wartezeit erreiche ich eingeschüchtert den Informationsschalter.
- Wenn wir am Abend nach Petrosavodsk losfahren, gibt es vielleicht von dort aus mehr Chancen, doch noch nach Hause zu kommen?
Probieren Sie keine Umwege, wirft uns die Dame hinter dem Fenster ungerührt entgegen, dort muß man lange warten, von Tickets gar nicht zu sprechen.
- Und was sollen jetzt tun?
- Woher soll ich das wissen? Der Nächste!
Da wußte ich: wir sind zu Hause. Und wie zur Bestätigung flüsterte mir eine einschmeichelnde Stimme hinter dem Rücken zu:
400.000 Rubel - und innerhalb von fünf Minuten haben Sie Ihre Tickets nach Murmansk in der Tasche.
Doch gleichzeitig erreichte mich eine eindringliche Stimme aus dem Lautsprecher:"Mitbürger! Kaufen Sie keine Karten unbekannter Herkunft!"
Zum Glück sollte uns der Chef unseres Heimatzuges No.21 die Entscheidung zwischen jenen beiden Stimmen abnehmen. Er fand für uns einen freien Platz und stellte ganz legal die Fahrkarten in unsere Heimatstadt aus.
Wir waren also wirklich wieder zu Hause. Dort, wo zwar nichts klappt, doch wo es weitergeht, wenn es sein muß.

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