MAGNITOGORSK - BRANDENBURGS PARTNER

DER NOTIZBLOCK WAR DABEI - REISEAUFZEICHNUNGEN
VON JELENA PAWELINA (Magnitogorskij rabotschij 1996)

ÜBERSETZUNG: INGRID MÜLLER

   In diesem Jahr waren die deutschen Teilnehmerstädte am Weiterbildungsprogramm für Journalisten Villingen, Krefeld, Halle, Braunschweig und Brandenburg. Und Brandenburg war das Ziel der Journalisten aus Magnitogorsk. Bei der "Märkischen Allgemeinen", habe ich zwei Wochen lang hospitiert. Am ersten Tag, nach einem Gespräch mit dem Leiter des Lokalressorts machte ich mich an meine erste "Ge-.schichte", wie hier journalistisches Material genannt wird.
   In der Redaktion wurde ich zunächst gefragt, was mich denn interessiere - und mich interessierte alles; ich war zum ersten Mal in Deutschland. Während unseres Aufenthaltes in Brandenburg hatten wir ein volles Programm, und trotzdem versuchten wir, Orte zu besuchen, die nicht vorgesehen waren. Man kam uns sehr entgegen, und wir konnten viel besichtigen, sogar das Gefängnis, wo eine eigene Zeitung produziert wird. Ich hoffe, daß meine Eindrücke nicht nur beitragen, unsere Vorstellungen über das Leben im Ausland zu erweitern, sondern auch Anstoß zu neuen Entscheidungen gibt, "um den Kopf aus dem Sumpf des Alltags herauszuziehen", wie es der Redakteur einer Regionalzeitung ausgedrückt hatte.

Rundfunkausstellung in Berlin

   Eine denkwürdige Begebenheit war natürlich der Besuch der Rundfunkausstellung in Berlin. Nachdem wir uns die Messe angesehen hatten, erinnerten die Plastiktüten, die wir am Eingang erhalten hatten, an vollgestopfte Köfferchen. Da hinein hatten wir alles gepackt, was es einzupacken gab. Und wir unterschieden uns kaum von den anderen Besuchern. Sie finden es interessant, all diese seltsamen Dinge zu bestaunen und die vielen Erinnerungsstücke mitzunehmen, die einfach so ausgegeben werden.

   Wir sahen japanische, chinesische, koreanische und indische Ausstellungen, Stände von großen Fernsehgesellschaften wie ZDF und FAB. Zwi-schendrin blitzten immer wieder die Schriftzüge von Pro7, dem größten Privatsender auf.

   Im Zentrum von Brandenburg stießen wir fast sofort auf einen Informationsstand, wo unter den drei Partnerstädten auch unser Magnitogorsk zu finden war. Man erfuhr einiges über unsere Stadt, und auch, daß sich die Beziehungen auf Jugend-sport und Kultur konzentrieren.

   Es ist schön, daß diese deutsche Stadt an uns denkt. Doch mir schlich auch in den Sinn, was wir wohl über Brandenburg wissen bzw. ob den Magnitogorskern eigent-lich klar ist, daß sie eine Partnerstadt in Deutsch-land haben, der etwas an freundschaftlichen Beziehungen liegt.

Auf den Strassen von Brandenburg

   Vom Aussichtsturm aus eröffnete sich ein wunderbarer Blick über die ganze Stadt. Rote Ziegeldächer, die Kircheninsel, dichte Wälder, Seen, der Dampfer auf der Havel - all das glänzte im goldenen Licht der Septemberson- ne. Auf der Wendeltreppe trafen wir einen Menschen, der mit einem Aufnahmegerät Geräusche aus verschiedenen Tiefen des Erdbodens sammelte - damit jeder Tourist hier den Tönen von Erde und Wasser lauschen konnte - einer ganzen Naturkomposition.

   Dann spazierten wir durch die Stadt. Die alten Gebäude der Hauptstraßen sahen zur Hälfte renoviert aus. Dunkle, bröckelnde Fassaden wechselten sich mit fröhlich-bunten Häusern ab, die entweder ihren Herren gefunden hatten oder zum Renovierungsprogramm von Stadt oder Land gehörten.

   An der Ritterstraße befindet sich ein ganzes Netz von kleinen Läden. Es lohnte sich, da hineinzugehen - sofort läutete ein Glöckchen und die freundliche Verkäuferin kam uns entgegen. Und wenn wir auf die traditionelle Frage, was wir den wünschten, antworteten, daß wir uns nur umsähen, dann ließ sie uns in Ruhe, bis das Glöckchen wieder erklang und verkündete, daß wir das Geschäft verließen. Dann konnte die Verkäuferin mit der Kollegin nebenan ein Schwätzchen halten, da es hier nicht viele Kunden gibt - nicht wie in den Supermärkten am Stadtrand. Dort kaufen die Brandenburger Lebensmittel für die ganze Woche, die sie mit dem Auto abtransportieren.

Auto statt Strassenbahn

   Autos gibt es in Brandenburg mehr als Fußgänger. Jede Durchschnittsfamilie hat ein Auto, oder sogar zwei. Es scheint dumm, mit der Straßenbahn zu fahren, wenn sie mit dem Auto fahren können. Wenn sich ein offizieller Vertreter verspätete, dann wußten wir schon warum: Stau.

   Unsere Gewohnheit, jedem Auto mit einem Satz auszuweichen, war hier unangebracht. Denn hier läßt dich der Fahrer immer rüber und winkt noch freundlich mit der Hand. Diese ungeschriebene Regel ist uns nicht nur in Brandenburg, sondern auch in Berlin aufgefallen. Radfahrer werden in Deutschland sehr geschätzt. An allen Ampeln leuchteten kleine grüne Fahrräder auf, die den Radfahrern den Weg wiesen. Die eine Hälfte der Gehsteige ist für Radfahrer, die andere für Fußgänger. Auch wir folgten der deutschen Tradition und schwangen uns auf Räder.

   An der Magdeburger Straße und an der Straße zum Park Cecilienhof, wo die Potsdamer Konferenz stattgefunden hatte, sahen wir, was die sowjetische Armee zurückgelassen hatte, als sie aus Deutschland abzog. Die düstere Außenansicht der verlassenen Gebäude ist angeblich gar nichts im Vergleich zu dem, was sich innen abspielte. Die Kasernen an der Magdeburger Straße wirkten deprimierend, weil der Großteil dieser Gebäude bis heute leersteht.

Die Stadt und ihre Bewohner

   Was sind das für Leute, die in Brandenburg leben? Ja solche eben wie überall. Brandenburg ist nicht groß, ein ruhiges Provinzstädt-chen, in dem es kein so pulsierendes Leben gibt wie in Berlin. Die Leute hier kennen sich. Auf dem Weg zum Wochenmarkt, hat die ältere Generation nichts dagegen, ein wenig zu plaudern. Und niemand wundert sich, wenn etwa der Oberbürgermeister mit einem Blumentopf unterm Arm durch die Stadt spaziert, den er eben gekauft hat. Er ist schließlich auch ein Mensch.

   Nach Feierabend wird es still, selten trifft man Passanten. Nicht, weil es wegen der Kriminalität so schrecklich wäre, das Haus zu verlassen. Wahrscheinlich ist das so eine Tradition, abends mit einem Fläschchen Bier vor dem Fernseher zu sitzen.

   Ruhig durch die Stadt spazieren kann man jederzeit. Selten trifft man ein Punkerpärchen mit dementsprechend geschorenen Haaren und blitzenden Piercings an allen möglichen und unmöglichen Stellen. In der Polizeistation ist es abends ruhig. Hier sind wirklich alle ruhig - sogar die Obdachlosen. Sie sitzen den ganzen Tag still herum und trinken Alkohol. Nachts werden die meisten zur Schlafstelle gebracht, und wenn sie wollen, hilft man ihnen auch bei der Arbeitsuche.

   Leider beklagte sich der Freundschaftsverein, daß einige Faxe nach Magnitogorsk nicht beantwortet wurden. Sie verstehen, daß unsere Stadtregierung nicht immer Zeit hat, sich mit "internationalen Beziehungen" zu befassen. Deshalb schlug der Verein vor, so eine Einrichtung auch bei uns zu gründen. Ich möchte vorschlagen, daß z.B. das Fremdspracheninstitut der Pädagogoischen Hochschule als "Sprung-brett" dienen könnte, das ja schon Kontakte zu Städten im Ausland hat. Natürlich kann es auch andere Varianten geben.

   Ungeachtet des großen "Altersunterschieds" unserer Städte, haben wir doch ähnliche Probleme. Auf beiden Seiten wurden bereits interessante Erfahrungen gemacht, und es ist keine Sünde, diese zu teilen. Wie in Magnitogorsk, so auch in Brandenburg (in der Ex-DDR) ist eine wesentliche wirtschaftliche Umstrukturierung im Gange. Und ist es denn nötig, daß jede Seite ihre Fehler macht, wenn man negative Erfahrungen verhindern kann, indem man miteinander spricht? Ich glaube, daß Informationsaustausch und freundschaftliche Beziehungen nötig sind, und zwar sehr. Und wir wollen uns nicht Brüder im sozialistischen Lager nennen, wie früher, und sozialistische Hymnen singen, sondern es wird eine vernünftige, zeitgemäße Basis für Beziehungen geben, die für beide Seiten von Nutzen sind, zwischen gleichberechtigten Partnern.

   Die Brandenburger verstehen das. Können wir das nicht verstehen?