CELLE. Der Rundflug fand nicht statt. Es war neblig, und mit der Verschiebung hätte es nicht geklappt, weil der nächste Termin schon wartete - ein Begriff, den wir ins Russische übertragen haben, um es uns bequemer zu machen, denn unser Aufenthalt in Celle war eine Kette von Terminen; eingeplante Treffen und "zufällige" Begegnungen, Besuche und Veranstaltungen, kleine harmlose Abenteuer... - was war das, nur ein Traum?
Alles nur ein Traum?
Vielleicht aus einem Traum stammt dieses sonderbare und irritierende Gefühl, daß man alles wie durch eine dünne Glaswand erlebt. Du siehst alles, vernimmst aber nur einiges, als ob dein Hörsinn zu schwach sei, und wenn du auch die Sprache verstehst - und vielleicht gerade deswegen - spürst du, wie unbewußt du bist, wie wenig du den Hintergrund dieses Lebens kennst, am Ufer der See des kulturellen Kontextes, schwimmunfähig. Immer ein Außenseiter, der durch die Glasscheibe starrt, verdammt schüchtern wegen dieser Unbewußtheit. Ob man als Beobachter von außen mehr merkt, als ein gewohntes Auge sieht? Vielleicht nicht mehr, nur anders.
Siebzehn Tage wie verstrichen. Aber irgendwie, ohne es zu bemerken, haben wir uns in Celle eingelebt. Nach einem Ausflug nach Hannover kamen wir zurück, müde von der Hektik und Menschenmengen, mit einem gemütlichen Gedanken: Schön, wieder daheim zu sein. Der erste Eindruck war die Innenstadt - museen- oder märchenähnlich, je nachdem. Von selbst kommt die Frage: ob Leute hier wirklich leben? Später haben wir ein Fachwerkhaus auch von innen kennengelernt.
Die schmalen Stufen gehen rund um, wie eine Schlange, finstere Stuben mit schäbigen Wänden, wo nicht einmal ein Haken hin darf, niedrige Türeingänge, vor denen man respektvoll den Kopf neigen muß? Was steckt dahinter - eigenmütiger Sinn für Romantik? Eine Faszination des Altertümlichen? Man stellt sich gar keine solchen Fragen, wenn man mittendrin steht. Man weiß auch ganz genau, daß eine 10-Pfennig-Münze in den Haartrockner im Schwimmbad gehört, oder daß man im Theater mit dem fast antiken Stuhl näherrücken darf, um besser zu sehen, und wo man mit dem Tablett in einer Gaststätte hin muß, wenn man fertig ist.
Wie es wirklich ist
Wie das wirklich aussieht, was in einer Menükarte steht und warum, wenn ein Café bis 22 Uhr offen ist, ein Geschäft unbedingt um 18 Uhr schließen muß, warum man auf dem Fußweg ständig bedroht ist, von einem Fahrradfahrer überfahren zu werden... Oder weiß man das etwa auch nicht? Ach was soll das Ganze? - Es ist schön hier. Was wir alles gesehen und besucht haben, kann man nicht aufzählen: Was in einem deutschen Krankenhaus vor sich geht, was hier der Wahlkampf bedeutet, daß es in dem Landgestüt nur zwei Stuten gibt, wie die Stadtverwaltung arbeitet und worauf die bürgerliche Initiative gezielt ist, was man in der Schule lernt, was ein Pressefest ist und wie die neuen Panzer aussehen... man hat uns in der Polizei Fingerabdrücke genommen und im Knast durchgesucht - das ganze Programm fertig gemacht!
Was nicht dazu ge-hört? Ein Celler Bettler, immer betrunken, immer an gleicher Stelle in der Innenstadt gut erkennbar, läßt seine Bierdose im Springbrunnen abkühlen. der Mann mit dem Geschmack . In der Nähe des Flusses stehen auf der Straße zwei Schuhe als ob jemand sie beim Gehen auszog und weiter ging. Wohin?
Und so geht es. Etwas fällt hin, eine Kleinigkeit, und dann weiter, weiter schnell, bewegen, nicht stehenbleiben.
Schade, einen Ort zu verlassen, den man kennen- und liebengelernt ha. Aber der Rundflug ist zu Ende. Zeit ist aus... Tschüß Celle! Vielleicht sehen wir uns wieder.