IM DEZEMBER SINGEN DIE NACHTIGALLEN...

ÄHNLICHKEITEN UND UNTERSCHIEDE ZWISCHEN KURSK UND SPEYER
VON SWETLANA DAIBOWA (Drug dlja druga)

ÜBERSETZUNG: STEPHANIE HENSCHE

   Es scheint mir, daß ich erst jetzt, wenn ich diese Reiseerinnerungen niederschreibe, den Sinn des Titels einer Fernsehsendung gänzlich begriffen habe: es ist in der Tat sehr schwer, aus auseinanderstrebenden, manchmal gar nicht zusammenhängenden persönlichen Eindrücken irgend etwas Wegweisendes, Interessantes, möglicherweise sogar für andere Nützliches zusammenzufügen. Ich versuche also, meinen Lesern davon zu berich-ten, wo ich war und was ich wahrgenommen habe. Dies um so mehr, als ich in Deutschland war, in Berlin und Speyer, und dort unsere Zeitung vertreten habe.

Nicht den Fisch, die Angel reichen

   "Die Hilfe westlicher Staaten ist bis heute eher Fisch als Angel", sagte einmal Grigori Jawlinski in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Fisch essen ist natürlich eine sehr schmackhafte Angelegenheit. Aber wir brau-..chen das Werkzeug, um ihn uns selber zu angeln." Nicht den Fisch, sondern die Angel herüberreichen, ist das Hauptprinzip des "DRA". Die Erfahrung, die uns von den Deutschen vermittelt wird, ist ebenfalls ein Kredit, nur müssen wir ihn nicht zurückzahlen. Ideenaustausch, Austausch von Erfahrung, spezifischem Wissen und Experten, das macht die Arbeit des "DRA" im wesentlichen aus. Zu den zentralen Tätigkeitsfeldern zählen die Medien, Jugendarbeit, soziale Selbsthilfe und vieles andere. Unsere Aufgabe war es, diese Hilfe zu nutzen.

Die ersten Überraschungen

   Was mich denn überrascht habe, schienen mich nach meiner Rückkehr alle zu fragen. Und allen antwortete ich unverblümt ein und dasselbe: die bodenständige, wenn ihr wollt, spießige Kultur. Sie ist praktisch allgegenwärtig, und vieles von dem, was uns Russen verwundert, zählt dort als Norm des Lebens. Ein Beispiel hierfür: am Rande eines Feldweges stehen drei Metallcontainer, jeder ist beschriftet: "Für Weißglas", "Für Buntglas", "Plastik". Ich zögere nicht, scheue mich nicht, näher heranzutreten und einen Blick in die Behälter zu werfen. Erstaunlich, aber der Inhalt eines jeden von ihnen entspricht der Aufschrift. Und sofort fallen einem die Müllberge in unseren Höfen ein, im Winter zu Eisgebirgen erstarrend und im Sommer übel stinkend ...

   Natürlich herrscht die zutiefst deutsche Ordnung nicht nur deswegen überall, weil die Deutschen so gut erzogene Bürger sind, sondern auch deshalb, weil die kommunalen Dienste dort funktionieren wie eine gut gewartete und verläßliche Uhr. An ernstzunehmende Unregelmäßigkeiten in ihrer Tätigkeit erinnerte sich keiner meiner Gesprächspartner. Zudem: die kommunal Beschäf-tigten vergessen nicht, daß ihre Arbeitsplätze von Steuerzahlern abhängen, von daher wollen sie sich mit ihnen nicht anlegen.

   Im allgemeinen ist das Verhältnis der Deutschen zu Fragen des alltäglichen Daseins ein besonderes. Von diesem Umstand legt beispielsweise ein Ausspruch Kohls ein beredtes Zeugnis ab, der von Journalisten aufgegriffen wurde und zum Ausgangspunkt der Annäherung zwischen West- und Ostdeutschland im Lebensstandard wurde. Der Kanzler sagte mit seiner ihm eigenen, von den Deutschen übrigens bespöttelten Einfalt, in etwa folgendes: die Steigerung des ostdeutschen Lebensstandards muß bei den Toiletten anfangen. Und sie fingen an. Und sie steigern ihn.

Klein ist die Welt überall

   Wie klein die Welt ist, davon kannst du dich ein weiteres Mal im Ausland überzeugen, wenn du durch die Straßen Potsdams oder Speyers spazierst und .... russische Sprache hörst. Leider zuweilen mit nicht standardgemäßen lexikalischen Elementen. Aber das nur am Rande. Und überhaupt gibt es viele Russen in Deutschland: die einen kommen als Gäste, die anderen sind dienstlich unterwegs, wieder andere mit der Perspektive auf ständigen Aufenthalt. Einige Aussiedler habe ich in Speyer kennengelernt, in einer sozialen Organisation namens ZOE, deren Bezeichnung wörtlich als "Zusammenarbeit mit Osteuropa" zu übersetzen ist. Die Leiterin dieser Organisation ist eine Frau mittleren Alters, die vor einigen Jahren aus Rumänien hierhin übersiedelte. Der Organisationszweck besteht in erster Linie darin, erzählte sie, den Leuten dabei zu helfen, die vielfältigen Anträge und Fragebögen zu verstehen, die Aussiedler in großer Zahl ausfüllen müssen. Außerdem versammeln sich hier donnerstags Russen, Kasachen, Juden, Rumänen, Bosnier und sogar Jakuten, die sich nun mit vollem Recht deutsche Staatsbürger nennen dürfen. Aber zu richtigen Deutschen werden in Wahrheit erst ihre Kinder oder sogar Enkel. Dem, der seine historische Heimat im Alter von fünfzig oder sechzig wieder aufgesucht hat, fällt es nicht leicht, sich in seiner neuen Umgebung einzuleben.

Geschichten dieser 2000 Jahre

   Und sogar etwas mehr, 2006 Jahre. Die Rede ist von der Geschichte der Stadt Speyer, über die es einfach unmöglich ist, in ein paar Absätzen zu referieren. Sie wurde noch in der Ära des Römischen Reiches gegründet und stand in den Jahrhunderten ihres Bestehens nicht wenige Feuer und Zerstörungen durch, daher haben die Einwohner Speyers besondere Ehrfurcht vor den historischen Denkmälern: Altpertel, Rathaus, Sonnenbrück und natürlich zur kaiserlichen Kathedrale, dem Dom, der zum Symbol der Stadt wurde. Heute ist er Sitz des Speyerschen Bistums und zugleich ein architektonisches Denkmal, das von der UNESCO zum "Weltkulturerbe" erklärt wurde. Heute ist wieder eine Renovierung des Doms erforderlich, die insgesamt 40 Millionen DM kosten wird. Woher eine solche Summe Geld nehmen?

   Drei Millionen hat das Bundesministerium für Kultur bereitgestellt. Die Arbeiten im Dom haben aber schon begonnen und das Geld ist sofort erforderlich. Das städtische Budget weist ein uns schmerzlich bekanntes "Loch" von 23 Millionen auf. Durch eine Spendenaktion für den Dom wurden die Öffentlichkeit und ört-liche Zeitungen einbe-zogen, die bei einem Weihnachtsmarkt einige Tausend DM sammelten. Aber die Restaurierung des berühmten Doms wirft weiterhin das ungelöste Problem der Finanzierung auf. In Speyer mit seinen 50.000 Einwohnern gibt es über zwanzig Dome von verschiedenen Konfessionen, aber dieser Dom ist ein besonderer Ort, ein heiliger, und ich bin sicher, die Deutschen werden ihn nicht im Stich lassen.

Nachtigallen - hier wie dort

   Wir sind natürlich sehr verschieden, doch einander auch erstaunlich ähnlich. Sogar die Nachtigallen singen über Speyer ebenso betörend, wie in Kursk. Freilich nicht nur im Mai, sondern auch im Dezember...