ÜBERSETZER: ALEX ALSAN
Über die Einwanderer urteilt man in Deutschland unterschiedlich. Gerade über die Russen. Genauer gesagt , über die Spätaussiedler. Meistens sind sie nicht sonderlich beliebt. Und vermutlich deswegen nicht sonderlich erwünscht. Natürlich geht es nicht allen so. So ergab sich die Gelegenheit , einen 24-jährigen jungen Mann mit dem klingenden Namen Aleksej kennenzulernen. Seine Eltern siedelten nach Neuss um, als er gerade mal 12 Jahre alt war. Er hatte mit Müh und Not den Schulabschluß gschafft. Bis heute drückt er sich sehr schlecht auf Deutsch aus. Zum Arbeiten hat er keine besondere Lust. Die Zeit verbringt er damit , dem deutschen Staat auf der Tasche zu hängen und er träumt von einer deutschen Frau. Leider schauen ihn diese überhaupt nicht mal an. Abends schaut manchmal eine Freundin vorbei. Eine Russin. Anja jobbt als Aupair-Mädchen. Bei Kerzenlicht (nicht der Romantik wegen, der Hausherr kann den Strom nicht zahlen) kreiert sie ein Fertigessen von ihrem eigenen Geld für ihren Geliebten. Und träumt davon, ihn einmal zu heiraten.
Anders Elena. Sie ist fünfzig Jahre alt . Hat drei Kinder. In Rußland war das Leben schwer für sie. Fremd war sie dort. In Deutschland ist es für sie auch schwer- sie kann sich einfach nicht daran gewöhnen, Deutsche zu sein. Eines jedoch weiß sie nur zu genau: ob Russin oder Deutsche, wer du auch immer bist, außer dir selbst braucht dich keiner. Am schwierigsten ist es für sie, am Tropf des Staates zu hängen. Deshalb hat sie sich auch gleich nach ihrer Ankunft in Deutschland eine Arbeit gesucht. Gleichzeitig verzichtete sie auf jegliche staatliche Fürsorge. Arbeitete als Putzhilfe. Das brachte Geld - nicht viel , aber ein eigenes Einkommen. Die Kinder hingegen bekamen Sozialhilfe.
Ich erinnere mich noch an eine andere Frau. Sie bettelte in einer Unterführung. Und sang. Auf russisch. Nur deswegen bin ich auf sie aufmerksam geworden. Als sie erkannte, dass ich eine Vertreterin der fernen Heimat war, brach sie in Tränen aus. Darauf folgte eine lange und wirre Schilderung darüber, wie schwierig es doch sei , sechs Kinder durchzubringen. Die Kinder wollen nicht zur Schule. Wollen keine Sprache lernen. Sie werden als Russen gehänselt. Das Geld reicht grade nur, um über die Runden zu kommen. Nach Russland zurückkehren mochte sie auch nicht , auch dort sei sie fremd. Dort brauche sie keiner. Wie auch hier. Ich habe ihr einhundert Mark entgegengestreckt- alles, was ich in meiner Tasche hatte. Sie schreckte vor mir zurück wie vor einer Aussätzigen und lief weg, ohne Auf Wiedersehen zu sagen.
Mit Genadij gelang es mir, ein Gespräch zu führen. Deshalb möchte ich heute über ihn erzählen , einen typischen Vertreter der Aussiedler jüngerer Zeit.
Alles Schöne in seinem Leben - Jugend, Geburt seiner Kinder, seine geliebte Arbeit - war mit Russland verbunden gewesen. Seit sich Genadij erinnern kann, liebte er seine unermessliche Heimat über alles. Und das sind nicht nur Worte. Er liebt sie immer noch. Nur heute hat er seine Liebe völlig neu definitiert. Mit Herzenswärme erinnert er sich an die Partisanen, die für den 13jährigen wie seine Ersatzeltern geworden waren .Damals hasste er Deutschland. Genadij kann bis heute nicht nachvollziehen , wie und wann Mütterchen Russland für ihn zur Stiefmutter geworden war. Am ehesten geschah das, als sich auf dem ganzen Territorium seiner Heimat eine Vielzahl von Souveränitäten bildeten. Zu dieser Zeit lebte er , mit seiner mittlerweile zweiten Familie, in Usbekistan. Seine erste Frau und der erste Sohn blieben in Petersburg. Es kam einfach nicht zu einem geregelten Familienleben. In dieser Zeit arbeitete Genadij in der medizinischen Akademie der Armee. Er war ein angesehener Mensch. Pionier der Anästhesie und Reanimatologie. Arbeitete in der schwierigsten Abteilung der Intensivtherapie der Entbindungsstation. Kurz vor seinem Doktortitel. Wieviel Zeit er in seine Doktorarbeit investierte, als er noch nicht wusste , dass alles umsonst sein würde. Ein berühmter Professor der Gesundheitsminister-Boris- Petrovski-Klinik hat die Forschung des jungen Wissenschaftlers betreut. Damals hat er zu ihm gesagt: "Eine wunderbare Arbeit, von einem Titel ist aber keine Rede. Es gibt da einige Probleme."
Und sein Streben nach dem Titel gab er -als Jude- auf. Probleme dieser Art waren schon bei seinen Arbeitskollegen, brillianten Spezialisten, bekannt geworden, als sie durchfielen. In Usbekistan erblühte der Nationalismus.
Trotzdem liebte er seine Heimat noch immer. Freunde, schon mit dem Koffer in der Hand, waren zur Ausreise bereit - er hielt fest an seiner Heimat und Gerechtigkeit. Dann wurde in der Datscha eingebrochen. Einmal, zweimal, dreimal. Danach verriet ihn sein bester Freund. Die Ordnungshüter versagten auch. Die Einbrecher wurden nie gestellt. Ein Freund hatte einige Jahre zuvor 7400 $ geborgt. Als Genadij das Geld dringend brauchte, wollte er es jedoch nicht zurückgeben. Da half auch kein Schuldschein, keine Anzeige. In ihm sahen sie nur einen gerissenen, schädlichen Juden.
- Dabei bin ich in meinem Innersten sehr viel eher ein Slave als irgendein anderener Ukrainer oder, sagen wir mal Weißrusse,- klagt Genandij.
Erfolgreich integriert, schrieben ihm seine Freunde und riefen ihn zu sich ins Ausland . Nicht nur als Gast , für immer. Er blieb in Russland seiner jüdischen Herkunft treu und entschied sich letztlich für die Überfahrt. Lange überlegte er sich, in welches Land er ziehen solle. Von der historischen Heimat rieten ihm die Freunde gleich ab. Denn in ein kleines Land wie Israel reisen so viele ein, dass die Wohnungsfrage dort mittlerweile ein ernstes Problem geworden ist.
Eine Wohnung zu mieten kostet unglaublich viel Geld. Das intelligente Volk verdient sich damit ein Vermögen - vermietet die Wohnung in Israel, man selbst siedelt - zum Beispiel - in die Vereinigten Staaten über. " An deiner Stelle würde ich nach Deutschland gehen . Dort ist es in jeglicher Hinsicht besser : Ordnung, Demokratie. Sogar im materiellen Sinne", schrieb ihm ein Feund aus den Staaten. So tendierte er tatsächlich nach Deutschland zu ziehen. Beim Verkauf seiner 3-Zimmer-Wohnung wurde er aufs Neue vom Staat über's Ohr gehauen. Das Geld , das er erhielt , reichte gerade für drei Fahrscheine nach Berlin: für sich, den Bruder , den jüngeren Sohn. Der ältere Sohn vergab ihm diese Desertation nicht. Er bat ihn ausdrücklich zu ihm nach Piter zu ziehen. Doch Genadij , von allen hereingelegt, wollte einfach nicht daran glauben, dass es ihm in Piter besser ergehen würde. Nun, nach einem Jahr in Deutschland, ist er gewiß, sich in der Wahl des Landes nicht geirrt zu haben. Soviel Fürsorge für einen Menschen, die er während dieses Jahres hier erhielt, hat er sich im ganzen Leben in der Heimat nicht erträumen können. Nach Deutschland reiste Genadij als Jude ein, nicht als Aussiedler. Daher erhielt er auch keine deutsche Staatsbürgerschaft. Stattdessen bekam er einen unbegrenzten Aufenthaltsstatus. Anfangs wurde Genadij in einem kleinen Dorf namens Unomass untergebracht, nicht weit von Dortmund entfernt. Hier befindet sich ein Übergangslager. Man erhielt hier gut ausgestattete Zimmer in einem Wohnheim. Gleich zu Anfang wurde die Verpflegung festgelegt- die Sozialhilfe kam vom Staat. Und verwirrend war, sich eine Wohnung für den ständigen Wohnsitz suchen zu müssen -jeder für sich. Genadij suchte sich eine Wohnung in Neuss, eine Ein-Zimmer-Wohnung. 32 Quadratmeter . Alles vom Staat bezahlt. Und Dank der Sozialhilfe , die jedem Familienmitglied 455.- DM garantiert, ging es ihm eigentlich nicht schlecht. Am Anfang jeder Saison kommen vom fürsorglichen Staat 200.- hinzu. Zum Beispiel für den Herbstzuschuß hat er sich hierfür eine ganz gute Jacke, Schuhe, Hemden und ein Paar Hosen leisten können. Davon ist ein gewisses Sümmchen noch geblieben. Für die Bücher . Bücher sind für Genadij ein unermesslicher Schatz. Er erinnert sich mit Gram an seine umfangreiche Bibliothek, die er mit "Blut und Schweiß" gesammelt hatte und die er in Russland zurücklassen musste. Er hätte sie natürlich mitnehmen können, die wertvollen Bücher. Der Zoll hätte sich allerdings geweigert die schweren Bände in das Flugzeug einladen zu lassen. Das allein hat ihn aufgehalten, sie mitzunehmen.
In Neuss erhielt er über die jüdische Gesellschaft zwei dicke Nachschlagebände "Sputnik" und "Berioska", über die er auch die nötigste Literatur bestellt. Das erste , was er erworben hatte, war natürlich eine medizinische Enzyklopädie . Oft erinnert er sich an einen Aussiedler aus der Ukraine , mit dem er im Zwischenlager lebte. Ausgelacht hat er Genadij , als dieser Zeitungen in russischer Sprache "Vedomosti" und die "Rheinskuju Pravda" kaufte, um sie dann gierig zu verschlingen.
Mäßige dich,- sagte zu ihm der Ukrainer, als Genadij der "Stimme Russlands" zuzuhören versuchte und immer wieder andere um Ruhe bat.- Du bist nun Deutscher.
Was für ein Deutscher soll ich sein!- Meine Muttersprache ist Russisch.
Genadij hat grosse Mühen mit der deutschen Sprache. Dennoch besuchte er beispielsweise regelmäßig die Sprachkurse. Besonders schwer war es am Anfang . Als er ganz allein in einem fremden Land war, einer fremden Stadt, inmitten eines fremden Volkes.
Zum grossen Teil sind Deutsche sehr freundlich,- erzählt Genadij,- man hat mich als Ausländer immer sehr mitfühlend behandelt.
Oft erinnert er sich an eine deutsche Frau aus Bonn. Er hatte sie nach der usbekischen Botschaft gefragt. Sie versuchte ihm so ausführlich wie möglich den Weg zu erklären. Genadij sprach zu diesem Zeitpunkt noch sehr schlechtes Deutsch, einer Rede zu folgen , war umso schwerer. Die Frau ließ ihren kranken Mann im Rollstuhl auf einer Seite der Straße allein, führte Genadij buchstäblich an der Hand auf die andere Seite über die Straße und setzte ihn ins Taxi. Sie bezahlte das Taxi im Voraus und bat darum, Genadij genau vor der usbekischen Botschaft abzusetzen. Er war gerührt.
Einmal fuhr er einen Waldweg entlang. Er hielt einen älteren Einheimischen an, fragte ihn nach dem Weg. Dieser erklärte ihm , dass er ungefähr nach dreihundert Metern einbiegen solle. Er verabschiedete sich und fuhr weiter. Dennoch zweifelte er, ob er richtig verstanden hatte. Er hielt an der besagten Kreuzung an, streckte die Hand in die richtige Richtung und schrie: "Links, links!" Es gibt natürlich unter den Deutschen auch solche, die Aussiedler schief anschauen. Genadij rechtfertigt sie. Da reisen diese Pensionäre ein, die zwar nicht mehr arbeiten können , aber die Sozialhilfe gerne annehmen. Praktisch 50% des Gehalts eines jeden Deutschen geht für die Steuern ab. Auch für solche Pensionäre .Genadij will von seinem Alter nichts hören und spricht immer wieder von dem Wunsch nach Arbeit. Leider hört ihm niemand richtig zu. Der jüngere Bruder hat mehr Glück gehabt. Er erhielt in Russland eine Behinderten-Rente, so hatte er hier die Gelegenheit , einer Arbeit nachzugehen. Zur Zeit lebt der Bruder in einem Wohnheim nicht weit von Neuss. Eine Wohnung sucht er vorläufig nicht. Er wartet auf die Einreise seiner Frau. Ihre Nationalität ist die russische, daher erwachsen ihr wegen der Einreise Probleme. Und nicht nur deshalb. 10 Jahre verbrachten sie in Usbekistan in einer glücklichen Lebensgemeinschaft. Und es gab keine Schwierigkeiten, bis zur Ausreise des Bruders. Die Frau durfte nicht ausreisen. Sogar dem Richter gegenüber konnten sie ihre Lebensgemeinschaft nicht nachweisen. So blieb als letzte Hoffnung die deutsche Botschaft. Der 24jährige Sohn Genadij's, geblendet vom deutschen Wohlstand, entschied sich auf einmal , dass 455.- DM Sozialhilfe nicht genug seien im Vergleich zu dem , was man hier erarbeiten könne. Er suchte sich als Verdienstmöglichkeit eine kaufmännische Tätigkeit aus. Im richtigen Moment kam er mit den "russischen Balten" zusammen, die einen kleinen russischen Laden in Deutschland hatten. Das Geschäft jedoch warf keinen Gewinn ab. Daher gaben sie mit leichtem Herzen solch ein Sorgenkind auf - verkauften das Geschäft dem Sohn Genadij's. Dieser, begeistert, verschuldete sich bis über beide Ohren, kaufte russische Lebensmittel ein, legte sie auf die Regale und wartete auf Gewinne. Der junge Mann verstand nicht , dass das Geld in Deutschland nicht vom Himmel regnet. Hier muß man arbeiten, um Gewinne einzuholen. Manchmal ergab es sich, dass das Geschäft geschlossen wurde- der Besitzer befindet sich auf "Geschäftsreise". Zum Schluß verfaulte die Ware und im Geschäft verbreitete sich ein ekelerregender Geruch von Lebensmitteln nach Ablauf des Verfallsdatums. Die Zeit verging , der junge Mann wunderte sich nach Rückkehr von seiner weiten Reise, wo denn die Kunden geblieben seien mit ihren dicken Portemonnaies und warum die Lebensmittel nicht verkauft worden waren. Nach einiger Zeit begriff er: Gewinn fährt man nur dann ein, wenn man die Preise in seinem Laden teurer macht. Einen Monat nach der Eröffnung war alles dahin. Genadij's Sohn machte pleite und hatte hohe Schulden. Genadij gab nicht auf. Er glaubte daran , dass es schon irgendwie werden wird, weil er selbst im fremden Land bis jetzt nur Glück gehabt hat. Sein Sohn wird also auch mal Glück haben. Mit der Bekanntschaft Genadij's hat er ein grosses Los gezogen.
Das habe ich jenem Herrn zu verdanken,- erzählt Genadij über Sylvester Bauer.
Der Himmel schickte Sylvester im Bus. In gebrochenem Deutsch wendete er sich an einen gutaussehenden Mann, um herauszufinden , wie man zu einem bestimmten Ort gelangen könne. Als Antwort hörte er plötzlich in klarem Russisch:
Geben Sie sich keine Mühe, fragen sie auf Russisch. Seitdem sind die Freunde unzertrennlich. Sylvester begleitet Genadij mit Vergnügen, wenn dieser abends zu einem Konzert zur Ehrung irgendeines russischen Stars geht. Genadij hat seinen Spaß und Sylvester verbessert sein ohnehin perfektes Russisch.
Genadij mag Deutschland mehr als Russland , bemerkt Sylvester zufrieden.
Was sagst du da ? - widerspricht Genadij dem Freund leicht empört.- Ich mag keine russischen Politiker, aber meine Seele gehört dem russischen Volk , der russichen Kultur. Ich bewundere die deutschen Politiker, die nur für ihr Volk da sind , vor allen Dingen an ihr Volk denken.
- Und wenn solche Politiker in Russland auftauchen,- werfe ich ins Gespräch ein ,- kehren Sie dann nach Hause zurück? Nein.
"Die russische Mafia" mit den Augen eines deutschen Pfarrers
Vor 20 Jahren betrachtete man in Deutschland die Aussiedler noch wie Helden. Zu dieser Zeit kamen nach und nach nur deutsche Familien. Seit 1994 kam eine Flut von Verwandten, die keine Zugehörigkeit zur deutschen Nationalität nachweisen konnten. Das Verhältnis Einwanderern gegenüber von seiten der Deutschen her hat sich stark verändert. Besonders russischen Einwanderern gegenüber. Der Begriff ‚Russe', von Deutschen ausgesprochen, wurde zum Symbol . Er vermittelt Gefahr. Hat man die russische Natascha im zarten Kindesalter mit der "Baba Jaga" zu erschrecken vermocht, so ist es für den deutschen Andreas die Angst vor dem Wort "Russe". Ein Deutscher vertraute mir eine lebhafte Erinnerung aus seiner Kindheit an. Am Anfang jedes Gewitters, gefolgt vom Donner, begleitete ihn unerläßlich eine Stimme, die furchterregend flüsterte: "Russen! Die Russen kommen". Der Junge wusste immer : Ein Russe - das ist das Böse. Mit diesem Bewusstsein wuchs die Generation der in den 40er Jahren Geborenen auf. Bis heute schauen einige von ihnen mit einer kindischen, irrationalen Angst auf die späten russischen Auswanderer und wiederholen: "Nun sind sie also da!". Aus dem obengenannten Jungen ist heute mein Gesprächspartner und Pastor der evangelischen Gemeinde der kleinen Partnerstadt von Pskow, Neuss, geworden. Diese Russen sind in seiner Obhut und seiner Gemeinde.
Wieviele Einwanderer hat Neuss zur Zeit ? - Genaue Zahlen kann ich ihnen nicht nennen. Ungefähr 7% der Gesamtbevölkerung der Stadt. Die Zahl ist heute ziemlich groß. Die Ankommenden werden relativ gleichmäßig über das gesamte Territorium Deutschlands verteilt. Für jede Stadt gibt es eine ganz bestimmte Quote - die Anzahl der Einwanderer, die die Stadt in ihre Obhut aufnehmen kann. Die Quote der Stadt Neuss ist mehr als ausgeschöpft.
Heißt das, dass diese Quote keine absolute Größe darstellt?
Anders würde es kaum gehen. Die Sache ist die, dass am Anfang, als diese Quote nicht erfüllt wurde, Neuss noch Einwanderer aus aller Welt aufnahm. Sie mussten nicht unbedingt Verwandte sein. Diese kamen später. Ihretwegen wurde diese Quote überschritten. Dichtmachen können wir heute auch nicht. Weil in den Heimatländern Kinder geblieben sind, Eltern, Ehefrauen. Heute nimmt die Stadt nur noch Verwandte ersten Grades auf . Sie werden gleich zu Beginn an die drei Organisationen weitergeleitet: die evangelische Gemeinschaft (die Protestanten), die katholische... und das Komitee unter Obhut der katholischen Kirche, das sich ausschließlich mit den Problemen Jugendlicher befasst.
Spielt die Glaubensfrage eine Rolle in der Integration der Aussiedler?
Ohne Zweifel . Da gibt es folgende Beobachtung: ein gläubiger Mensch, ein Mitglied der Gemeinde, findet schneller Kontakt.
Da reisen z.B. sehr gottesfürchtige Leute aus Kasachstan ein. Wie es sich gehört , haben die älteren Damen eine Bibel in ihrem Koffer. Nach der Ankunft suchen sie sofort eine Kirche auf, wo man die Psalmen Gottes rezitieren kann. Sie sprechen schlechtes Deutsch. Das verstehe ich sehr gut. Daher schlage ich vor , etwas auf russisch vorzutragen. Kategorisch ist die ablehnende Antwort: " Wir sind Deutsche , deshalb möchten wir die deutsche Sprache hören." Diese Menschen haben unsere Bewunderung verdient. So sieht es jedenfalls bei der älteren Generation aus.
Wenige der Jüngeren wissen , was eine Kirche ist. Die dritte Generation ist die der leichtsinnigen Kinder. Sie haben überhaupt keine Ahnung von der Kirche. Sie sind nicht gläubig und sprechen sehr schlechtes Deutsch.
Vom politischen Standpunkt her ergibt es sich, das die Katholiken für die Aussiedler Verantwortung tragen. Weil 50% der Einwohner von Neuss katholischen Glaubens sind. Daraus folgt, dass die Politik von den Katholiken gemacht wird. Allerdings sind die Einwanderer in der Mehrzahl protestantischen Glaubens. Daher ergibt sich die Frage: Wie können die Katholiken die Protestanten in die Verantwortung nehmen? Diese Frage ist keine rein politische. Sie ist kirchlich-politisch. In Deutschland ist es so, dass die staatliche Sozialarbeit in der Mehrzahl von Kirchen übernommen wird. Derzeit werden Diskussionen darüber geführt , ob es eine Trennung von Staat und Kirche geben sollte. Denn die Frage der Glaubenszugehörigkeit spielt auch eine Rolle.
Während meiner Reise nach Deutschland hatte ich die Gelegenheit, mich mit unterschiedlichsten Leuten über die "späten Russen" zu unterhalten. Häufig sagte man mir, Rußlanddeutsche seien ein großes Problem für Deutschland und auch für die Gemeinden. Die jüngeren Ankömmlinge wollen nicht arbeiten, keine Schule besuchen, keine Sprache lernen. Der Staat finanziert ihnen eine Bleibe und eine gute Sozialhilfe. Von Entgegenkommen ist keine Spur zu sehen. Im Gegenteil, auf ihr Konto geht die stark gestiegene Zahl der Verbrechen in genau den Vierteln, in denen sie leben. Sie sind gefürchtet, und wurden zu der "russischen Mafia" ernannt.
- Ich verstehe nicht , warum man so eine unbedeutende und leicht lösbare Frage zu einem Problem machte. Von nun an fing man damit an, sich gegenseitig mit der russischen Mafia zu erschrecken. In Neuss lebt eine Gruppe Jugendlicher , die sich gewalttätig Autorität auf den Strassen verschafft. Sie sind weithin bekannt ,der Polizei wie auch den Medien. Letztere nennen sie "Jugendliche mit osteuropäischem Akzent". Den Ruhm verschafften den Jugendlichen gerade die Zeitungen. Gerade sie haben dieses Problem erfunden und dann verbreitet. Das Resultat ist heute, dass sich die meisten von uns auf die "russische Mafia" konzentrieren, wichtigere Probleme jedoch übersehen werden.
Es geht um folgendes. Junge Leute zwischen 16 und 18 fühlen sich nicht als Deutsche . Ihre Großeltern, ihre Eltern sind Deutsche. Sie selbst jedoch sind in Rußland geboren. Die Eltern stellen sie am Vorabend der Abreise vor vollendete Tatsachen: "Wir reisen nach Deutschland aus, weil wir den Russen immer fremd bleiben werden. Wir sind eben Deutsche." Die Kinder haben in Russland ihr Zuhause, Schule, Freunde. Ohne zu verstehen, weshalb sie all das, was für sie ihr Leben war, verlassen müssen, kommen sie nach Deutschland, wo man sie in der Schule Russen nennt und zu Hause "Deutsche". Daher fällt es ihnen schwer, zu bestimmen, wer sie denn nun eigentlich sind. Verlorene Kinder. Das betrachte ich als ein Problem. Ich erinnere mich an ein Mädchen, deren seelischer Wiederaufbau mich lange beschäftigt hat. Ihre Eltern, Deutsche, die über lange Zeit in Rußland lebten, entschieden sich plötzlich, die historische Heimat aufzusuchen. In Erwartung ihrer negativen Reaktion, erzählten sie der Tochter nichts. Ihre Fahrt glich daher eher einer Besuchsfahrt zu Verwandten. Und was für einen Schmerz muß das Mädchen durchgemacht haben, als sie erst in Deutschland erfuhr, dass die Eltern an eine Rückreise gar nicht mehr dachten. Sie konnte ihnen nicht verzeihen, dass sie ihr nicht mal die Gelegenheit gegeben hatten , sich von ihren Freunden zu verabschieden. Sie können sich die Tragödie nicht vorstellen, die die 15jährige erlitt. Solche Kinder gibt es heute häufig. Solche Probleme muß man lösen - und wir denken über einige Halbwüchsige nach , die "russische Mafia". Mir gefällt es nicht , wenn alle Russen aus einem Winkel betrachtet werden. Natürlich gibt es unter ihnen diejenigen , die nicht arbeiten wollen und an der öffentlichen Ordnung rütteln. Solche gibt es auch unter Deutschen. Diese kleine Gruppe sollte jedoch nicht das Leben vieler verderben.
Denjenigen Aussiedlern, die vor zehn Jahren nach Deutschland einreisten, erging es besser hinsichtlich ihrer inneren Einstellung. Ein Beispiel. Svetlana ist Mitglied unserer Gemeinde. Sie lebte in Kasachstan und verstand die kasachische Sprache nicht. Sie wusste jedoch sehr genau, wer sie war- ein Deutsche. Als die Sowjetunion zerbrach und Kasachstan ein souveräner Staat wurde, fingen ihre Eltern von der Ausreise an, davon zu reden. Die Tochter unterstützte sie. Nicht für eine Sekunde blieb der Wunsch, in Kasachstan zu bleiben, kasachisch zu lernen. Weil sie dort immer schief angeschaut wurde. Nach Deutschland kam sie mit der festen Überzeugung : "Ich bin Deutsche." Svetlana lebte im Internat, als sie zur Schule ging, danach wurde sie an der medizinische Fachhochschule aufgenommen. Nirgends, niemals fühlte sie sich fremd. Niemals kam jemandem aus ihrem Bekanntenkreis der Gedanke, sie Russin zu nennen.
Wovon hängt der Grad der Integration denn ab?
Vor allen Dingen von ihnen selbst. Sehr schnell integrieren sich die 11- bis 14jährigen. Sie erlernen schneller die Sprache und machen schnell neue Bekanntschaften. Nicht schlecht fühlen sich auch die Russlanddeutschen. Wenn früher nach Deutschland Familien einreisten, deren Ehepartner beide Deutsche waren, so sind jetzt innerhalb der Aussiedler gemischte Ehen typisch. Einem russischen oder kasachischen Ehepartner fällt es natürlich schwerer, sich einzugliedern. Die Sprache kennen sie in der Regel nicht. Der Gatte deutscher Herkunft hingegen hat Anspruch auf kostenlose Sprachkurse für ein halbes Jahr. Der Gatte russischer Herkunft genießt diese Recht nicht. Nichts außer dem Status eines Ausländers steht ihm zu. Dieselben Sprachkurse muß er aus seiner eigenen Tasche bezahlen. Es gibt noch eine andere Möglichkeit, die ebenfalls Geld kostet- die Abendschule. Ich hatte die Gelegenheit, unterschiedliche Leute kennenzulernen. Einige haben sich beklagt, mit Verweis auf das Alter, dass ihnen das Erlernen der Sprache schwerfällt. Ich traf auch andere. Kürzlich kam eine ältere Frau aus Kasachstan hier an. In der Zeit der Dauer bis zur Ausreise hatte sie sich selbst die Sprache beigebracht. Und spricht nun gar kein so schlechtes Deutsch.
Zu uns kommen in der Mehrzahl fleißige Leute, fähig dazu , mit ihren 16 Jahren gleich zwei Jobs zu machen. Ich kannte einen Jungen. In den Ferien jobbte er. Seine Eltern erhielten Sozialhilfe. Eine Familie erhält Sozialhilfe nur, wenn niemand arbeitet.
So muß man wählen zwischen Einkommen und Sozialhilfe. Die Eltern bevorzugten die Sozialhilfe, deswegen hat der Junge keinen Lohn bekommen. Und er ging trotzdem arbeiten.
Wie schnell finden Aussiedler Arbeit?
Das ist unterschiedlich. Aussiedler, das sind Leute, die keine Arbeit scheuen. Sie sind bereit zu jeder unqualifizierten Arbeit, nur um nicht vom Staat abhängig zu sein. Ich habe viele gebildete Leute kennengelernt: Lehrer, Ärzte, Journalisten, die sich als Putzhilfe verdingten. Sie haben sogar Diplome, und demzufolge die Möglichkeit, sie hier in Deutschland anerkennen zu lassen . Dieser Weg gilt bei Russen als schwieriger. Stattdessen wählen sie den Job einer Reinemachefrau. Das Resultat ist, das sie wenig verdienen. Schade...
Kann man sagen, dass die Anerkennung eines russischen Diploms als ein schwieriger Prozess betrachtet werden kann?
Natürlich. Viele Russen wollen wieder studieren und ein deutsches Zertifikat erhalten.Es ist nur, dass die Ausbildung Geld kostet. Eigentlich wäre es einfacher, das Diplom anerkennen zu lassen, und sich weiterhin auf der professionell erlernten Ebene zu betätigen. Nur so einfach ist es nicht. Nehmen wir zum Beispiel eine Krankenschwester. Am Anfang muss sie einen Antrag auf Anerkennung der Gültigkeit des Diploms auf dem deutschen Territorium stellen. Dafür muß sie ein halbes Jahr lang ein Praktikum machen. Ohne Lohn. Die Frage taucht auf : Was tun ? Als Sanitäterin zu arbeiten und ein wenig Geld zu verdienen oder ein halbes Jahr lang das nicht bezahlte Praktikum machen, um später das Diplom anerkannt zu bekommen? Normalerweise entscheiden sie sich für das erstere. Weil die meisten eine Familie haben , die man ernähren und ankleiden muß.
Es stellt sich also heraus, dass nicht alles von den Aussiedlern selbst abhängt.
So ist es. Es ist eine Sache, dass alle Russlanddeutschen ohne Ausnahme gerne ihr Diplom anerkennen lassen würden. Andererseits können das nicht alle.
Und deshalb sehen Deutsche in den Übersiedlern keine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt?
Doch doch. Ich bin eng mit solchen Familien befreundet. Fast alle, die ich besuche, sind berufstätig. Egal wie groß die Arbeitlosenzahlen sind, haben sie auf irgendeine wunderbare Weise eine Stelle bekommen.
In der Mehrzahl haben diese Leute keine höhere Qualifikation: Sie sind Fahrer, Lagerarbeiter. Sie hatten es immer leichter, Arbeit zu finden, sich für den Job zu entscheiden, als , sagen wir , ein russisch-deutscher Intellektueller. Viele Arbeitgeber ziehen die ältere Generation vor. Weil sie tüchtiger sind. Gehen Sie in einen beliebigen Supermarkt. An der Kasse sitzen Deutsche aus Russland. Die Geschäftsführung weiß sich immer gut an sie zu erinnern. Und doch, für unsere Mentalität sind an solcher Arbeit nur Leute minderer Qualifikation interessiert.
Haben die Kinder eine freie Schulwahl?
Ins Gymnasium gehen diejenigen Kinder , die eine höhere Schulausbildung wollen. Allerdings braucht man dafür sehr gute Sprachkenntnisse. Deshab gehen die meisten von ihnen auf die Grundschule. Von da an bleibt ihnen auf dem weiteren Weg nur noch die Fachschule. Probleme gibt es an den Schulen mit türkisch- deutscher Zusammensetzung. Die Schüler führen richtigen Krieg gegeneinander - mit Messern. Es gab eine Zeit , da patroullierte jeden Morgen die Polizei in den Schulen. Am Eingang wurden bei ihnen Messer konfisziert.
Türken leben hier schon seit 30 Jahren, im Unterschied zu den "späten Russen". Sie sprechen deutsch, viele Mädchen besuchen das Gymnasium. Sie sind tatsächlich eher Deutsche als die Russen. Aber Russen wollen den Türken kein Recht einräumen , sich Deutsche zu nennen.
Wie sehen Sie die Zukunft der jungen Generation der Aussiedler?
Ich nehme an, irgendjemand aus der Gemeinde hat dieses Thema schon angeschnitten.
Mir fällt eine solche Prognose sehr schwer. Mit Jugendlichen haben wir darüber nicht geredet. Weil unsere Gesprächspartner eben zum größten Teil Kinder sind.