Wie sich zeigte, gehöre ich zu denen, die nach dem Wort in die Tasche greifen. Im September tat ich dies auf jeden Fall: in der Tasche lag mein russisch-deutsches Taschenwörterbuch. Mit 10 weiteren Journalisten studierte ich in Deutschland die Medien auf Kosten des Presseministeriums dieses Landes. Einen Monat lang schrieb ich, wenn auch nicht für die Schublade, so doch für den Koffer.
Es heißt, daß am Moskauer Flughafen Scheremetjewo die Passagiere ziemlich oft bestohlen werden und Sachen aus dem Gepäck entwendet werden. Zum Leid der Leser der Zeitung "Wetschernjaja Kasan" sind meine Aufzeichnungen dennoch zur Gänze erhalten geblieben. Jetzt werden sie das lesen müssen.
Die Damen aus Kasan in Potsdam
Die Vertreter der zwei ältesten Berufe - Prostituierte und Journalisten - vereint in Deutschland eine Gewerkschaft. Zweieinhalb Millionen Männer nehmen in diesem Land täglich die Dienste von Prostituierten in Anspruch. Trotz dieser Nachfrage jedoch wurden die leichten Mädchen mit ihrer nicht leichten Erwerbsweise aus Sorge um das eigene Ansehen in keine Gewerkschaft aufgenommen. Jetzt sind diese Frauen zusammen mit den Journalisten Mitglieder der IG Medien. Nach Worten des Sekretärs dieser Gewerkschaft, Jürgen Kulinski, gelten die Prostituierten dort als Stripteasekünstlerinnen.
Herr Kulinski und bekannte Journalisten, Vertreter verschiedener Fernsehsender und Medien waren Referenten auf unserem Seminar in einem Schloß bei Potsdam.
Die Journalisten aus Rußland kamen dank des "Deutsch-Russischen Austauschs" nach Deutschland. Zuvor wurde in fünf russischen Städten, darunter in Kasan, ein Wettbewerb um die Teilnahme an diesem Fortbildungsprogramm durchgeführt. Als Folge dessen füllten die Autorin dieser Zeilen wie auch Elmira Bobrjakowa, Korrespondentin des "Efir", am Jahrestag der Deklaration der Souveränität Tatarstans am Flughafen eine Zolldeklaration aus.
Den Satz "vergessen Sie nicht, den Fernseher auszuschalten" könnte ein deutscher Zuschauer auf dem 31. Kanal hören. Denn soviel Programme kann man über einen Kabelanschluß empfangen. Wer eine Satellitenantenne besitzt, kann mit seinem Lebensgefährten überhaupt eine unbeschränkte Anzahl von Kanälen sehen.
Seit 1984 gibt es privates Fernsehen in Deutschland und gleichzeitig wurde der erste Offene Kanal gegründet. Im Offenen Kanal gibt es keinen Tag der offenen Tür, denn diese Türen sind immer und für alle geöffnet. Jeder Bürger kann hier für einige Tage erstklassige Fernsehkameras ausleihen, in einer beliebigen Sprache eine beliebige Sendung aufnehmen, die auf jeden Fall ausgestrahlt werden wird. Falls er dies wünscht, auch live.
Im Berliner Offenen Kanal gibt es z.B. eine Sendung über Sex, die von zwei völlig nackten Personen moderiert wird. Diese Sendung wird nach 8 Uhr abends ausgestrahlt. Viele rufen beim Sender an und beschweren sich, daß dies Pornographie wäre. Trotzdem sehen sie sich diese Sendung an.
Die Idee der Offenen Kanäle kam aus Amerika, wo es jetzt 2.000 solche Programme gibt (in Deutschland 60). Natürlich ist das Bild schlecht und der Text schwach, aber die Zuschauer sind interessiert daran, daß solche Sendungen sozusagen von ihren Nachbarn gemacht werden. Auf diesem Kanal gibt es keine Werbung, er wird durch Gebühren finanziert.
Die Person, die die Sendung vorbereitet, ist für das Gezeigte und Gesprochene verantwortlich.
Den größten Effekt hatte wohl folgende Sendung: zwei Stunden lang zeigte die Kamera das Gesicht eines Menschen. Die Zuschauer waren verwirrt. Sie schalteten von diesem Kanal auf einen anderen um, schalteten nach 5 Minuten zurück, schalteten in einer halben Stunde zurück - wieder dieses Gesicht. Der Gedanke war folgender: nicht der Zuschaue sieht fern, sondern der Mensch aus dem Fernseher beobachtet die Zuschauer.
Der Offene Kanal in Berlin hat auch seine Rundfunkprogramme, die nach dem gleichen Prinzip durch Menschen von der Straße gemacht werden. Als wir ins Studio kamen, lief dort eine Musiksendung. Am Mischpult saß ein Blinder. Wahrscheinlich würde sogar ein Stummer ein Sendung machen können. Etwa um eine ähnliche Idee wie in der Fernsehsendung zu verwirklichen: nicht der Mensch hört Radio, sondern das Radio hört den Menschen.
Kein klassischer Funktionär
Der schon erwähnte Herr Kulinski ist auch aus anderen Gründen erwähnenswert. Dieser Mann entspricht irgendwie nicht unserer lichten Vorstellung von einem Gewerkschaftsfunktionär: mit rasiertem Kopf, wo nur im Nacken ein kleines Quadrat kurz geschnittener Haare zu sehen ist, und einem Ohrring. Als Advokat schützt er die Rechte anderer Leute und läßt keine Gelegenheit aus, die Ausübung der eigenen Rechte durchzusetzen.
Ein Beispiel: Herr Kulinski vereinbarte mit einem Journalisten, der ihn interviewte, daß dieser ihm den Text vor der Veröffentlichung zeigen würde. Sie verabredeten sich für 16 Uhr. Der Journalist kam nicht zur vereinbarten Zeit. Kulinski, wissend, daß um 23 Uhr Redaktionsschluß ist, erstattete sofort Anzeige im Gericht. (Diejenigen, die schon einmal mit einem russischen Gericht zu tun hatten, bitte ich nicht weiterzulesen. Sonst überkommt sie der Wunsch jemanden umzubringen; dann werden sie nochmals mit einem russischen Gericht zu tun haben.) Also, Kulinski ging zum Gericht und das erließ sofort eine einstweilige Verfügung, daß das Interview nicht veröffentlicht werden darf. Infolge dessen erschien die Zeitung am nächsten Tag mit einem leeren Quadrat und den Worten: "Hier sollte ein Interview mit dem und dem stehen". Am nächsten Tag setze Kulinski noch eine Mitteilung in der Zeitung durch, warum dieses Interview nicht erscheinen durfte.
Die nächste mit Herrn Kulinski zusammenhängende Geschichte läßt sich durchaus mit den bekannten Streichen des Komponisten Nikita Bogoslowskij vergleichen. Ein bekannter Produzent schickte Kulinski eine Einladung zu einem Filmfestival zu, wo sie auf dem Bankett ihre Angelegenheiten besprechen könnten (Kulinski prozessierte mit diesem Produzenten). Diese Sache gefiel Herrn Kulinski irgendwie nicht, er fuhr zum Bahnhof und gab zwei Obdachlosen die Einladung für zwei Personen. Danach rief er in den Redaktionen mehrerer Zeitungen an und erzählte dort diese Geschichte. So war die Presse schon vorbereitet, als zwei Obdachlose ans Büfett gingen und Getränke und Speisen in Säcke einpackten.
Im allgemeinen essen Obdachlose in Deutschland öfters von Büfetts. Meistens hat das aber nichts mit Kulinski zu tun. Denn es gibt solche Organisationen, die auf Banketts extra unberührte Salate, Sandwichs, Sektflaschen, Bierfässer sammeln und Obdachlosen bringen, von denen es in Berlin 10.000 gibt.
Obdachlose geben im selben Berlin ein Zeitung heraus. Die Zeitung, die ich zu sehen bekam, enthielt unter anderem Fotos der Wintermode für Obdachlose.
In Deutschland gibt es Zeitungen von Obdachlosen, aber keine einzige, die von der Regierung herausgegeben wird. Staatliche Medien gibt es nicht und de facto gibt es auch keine Parteipresse. Die russischen Journalisten fuhren nach Deutschland, um Erfahrungen im Bereich der Massenmedien zu sammeln. Diese Erfahrungen sind unversehrt nach Rußland gebracht worden. Jetzt können wir versuchen, sie anzuwenden.
Zum Beispiel hat die "TAZ" drei Abonnementpreise: für Wohlhabende, für Personen mit einem mittleren Einkommen und für Arme. Jeder, der die Zeitung abonniert, entscheidet selbst, ob er für das Exemplar 1,60 DM (für Reiche), 1,20 DM (für Personen mit einem mittleren Einkommen) oder 80 Pfennig (für Arme) bezahlt.
Als Experiment könnte man das auch bei uns einführen. Einfach um zu erfahren, ob sich zumindest ein Mensch findet, der bereit sein würde, die Zeitung für den maximalen Preis zu abonnieren.