ÜBERSETZUNG: STEPHANIE HENSCHE
Wissen Sie eine Antwort auf die sorgsam gepflegte Frage nach der "schlauen russischen Seele"? Ich weiß eine, aber ich verrate sie nicht. Und kennen Sie die Antwort auf die überall fehlende Frage nach der "schlauen westlichen Seele"? Mir zum Beispiel fällt eine ein. Aber was veranlaßt mich zu dieser ungeheuerlichen Behauptung?
Was sehr wichtig für die Antwort auf die Frage nach der "schlauen europäischen (hier - deutschen) Seele" ist: Der gesamte Aufenthalt der russischen Journalisten wurde von der erstaunlichen Organisation "Deutsch-Russischer Austausch" besorgt. In Deutschland verfolgt diese Einrichtung "das Ziel, über demokratische Entwicklungen in Rußland zu informieren", und bei uns "fördert, berät und unterstützt sie Bürger und Bürgerinnen des postsowjetischen Rußland in ihrem Bestreben, eine pluralistische Bürgergesellschaft zu formen und den Prozeß der Demokratisierung zu verfestigen".
Oldenburg
Eine sehr sympathische Stadt. Sehr. Typisch europäisch, aber auch sehr deutsch. Typische Sauberkeit, Gepflegtheit, Gemütlichkeit, aber die Menschengesichter fügen sich nicht in den einheitlichen Charakter der Stadt. Es gibt insgesamt 150.000 Einwohner, von denen 15.000 Studenten der dortigen Universität sind, aber es scheint, die Stadt wäre größer. Vielleicht, weil sie sich in die Breite erstreckt, es viele Grünflächen gibt, viele Flüsse drum herum, Seen, und durch Kanäle mit der nahen Nordsee verbunden sind. Es gibt in der Stadt auch Stellplätze privater Segeljachten. Es gibt viele Fahrradfahrer, die auf gesonderten Fahrradwegen an den Gehsteigen entlang fahren. Zahlenmäßig (jeder dritte Einwohner) stehen sie, soweit ich weiß, an der Spitze Deutschlands. Und was die Größe der Fußgängerzone betrifft, die 30 Hektar umfaßt - ebenfalls. Es befinden sich dort viele Geschäfte, insgesamt 500, die im Überfluß die Bedürfnisse der Einwohner decken. Aber an den Wochenenden profitieren davon auch Käufer aus umliegenden Städten und dem benachbarten Holland, angezogen von den niedrigeren Preisen, die insgesamt in Deutschland relativ hoch sind.
Medien
Wie man uns in Berlin aufklärte, kann man alle deutschen Zeitungen in zwei Kategorien teilen. Bei der Mehrheit handelt es sich um Lokalpresse, mit niedriger Auflage und niedrigem Niveau. Ähnlich wie die größte Boulevardzeitung "Bild", die gelesen, aber nicht ernst genommen wird. In Deutschland zählt die "Tageszeitung" zu den seriösen, sie ist teurer als die übrigen, wird von einer Elite gelesen und erscheint in ganz Deutschland nur in einer Auflage von 50.000. Regionalzeitungen kosten weniger und geben dem Leser auch einige überregionale und regionale Informationen, zwar auf einem niedrigeren, aber annehmbaren analytischen Niveau. Ein interessantes Detail: die Selbstkosten eines Exemplars der "Berliner Zeitung" beträgt 4 DM, verkauft aber wird sie für 1 DM, um erschwinglich zu sein. Von 48 Seiten haben nur etwa acht redaktionellen Inhalt, die übrigen entfallen auf Anzeigen, durch die die Zeitung ihre Ausgaben deckt. Die Einnahmen von Zeitungen kommen im Durchschnitt zu 60 % aus Reklame und nur zu 40 % aus dem Verkauf zusammen. Zum Vergleich: bei der "Nowoje Delo" kommen 85 % bis 90 % aus dem Verkauf und nur 10 % bis 15 % aus Reklame.
Was nun stellt die liebgewonnene "NWZ" dar? Die Zeitung erscheint täglich in einer Auflage von 140.000, mit 32 bis 40 Seiten. Und da sie in der gesamten nordwestlichen Region des Landes vertrieben wird, zeichnet sie sich durch eine Besonderheit aus. Jede Ausga-be besteht aus vier sogenannten Büchern von 8 bis 10 Seiten. Das erste ist der Politik gewidmet, das zweite liefert regionale Informationen, das dritte nur Sportnachrichten, und schließlich stellt das vierte (was das interessanteste ist) die eigentliche Lokalzeitung dar.
Es ist natürlich so, daß jede Stadt ihre lokale Ausgabe in der Auflagenhöhe erhält, die von den dortigen Bewohnern bestellt wurde, und in genau der Anzahl werden auch die ersten drei Bücher gedruckt. Daher erreicht die "NWZ" eine Auflage von 350.000, zählt man die Auflagen der Lokalteile (140.000 erreicht die Auflage der ersten drei Teile). Übri-gens ist die Redaktion stolz darauf, bezüglich der Reichweite deutschlandweit an zweiter Stelle zu stehen - 70 % der in der Region lebenden Familien beziehen diese Zeitung.
Erwartungen
"Sagt mal" - wurden wir zu allererst gefragt - "werdet ihr Autos kaufen?" Wir wunderten uns und schüttelten unsere leeren Taschen aus. "Hervorragend" – atmeten die Deutschen erleichtert auf – "normale Menschen".
Beachten Sie also noch einen Aspekt der rätselhaften deutschen Seele (nicht den wesentlichsten, natürlich)! Was denn ist nicht normal am Kauf eines Autos? Wenn das Geld vorhanden ist. Vielleicht die Masse? Sagen wir, es reisen 20 Personen an und kaufen 20 Autos. Oder vielleicht das Geld?
Gut, unser deutsches Geld war deutscher Herkunft, nicht russischer. Wir aber sind nicht solche, die nach Autos suchen, sondern nach Begegnungen. Und man freute sich darüber.
Gewerkschaften
Ich weiß nicht, wahrscheinlich ist es vergnüglich, mit Prostituierten in einer Gewerkschaft zu sein, zumindest symbolisch: zu guter letzt haben sich zwei sehr alte Berufsstände in Ekstase vereinigt. Ist doch das Prinzip der Vereinigung einfach wie die Wahrheit: daß es sich im einen wie im anderen Fall um freie Berufe handelt. Daher vereint die Gewerkschaft gerade kreative Menschen: Schriftsteller, Künstler usw. auch Journalisten, Stripteusen und Prostituierte. Interessant übrigens ist auch, daß bei einer Einstellung der Arbeitgeber nicht berechtigt ist, seinen zukünftigen Beschäftigten nach Religionszugehörigkeit, Mitgliedschaft in einer Partei oder Gewerkschaft zu befragen, daß es nicht erlaubt ist, eine Frau zu fragen, ob sie schwanger sei. Ist der Bewerber auf eine Stelle Staatsbürger der BRD, so darf er nicht nach seiner Nationalität gefragt werden. Ist er ein Ausländer, so braucht er eine Arbeitserlaubnis und bezahlt dann weniger Steuern. So sind also die "schlauen" Deutschen.
Offene Kanäle
Außerdem gibt es den Offenen Kanal. Sein Wesenskern: jeder, der will, kann ins Studio gehen und zu einem selbst gewähltem Thema eine eigene Sendung produzieren. Sodann wird die Technik zur Verfügung gestellt und Fachkräfte helfen, die Idee umzusetzen, die dann in den Äther geht.
Noch einige Worte über das in jeder Stadtverwaltung ansässige Presseamt. Keine Kosten werden gescheut, um Informationskanäle zur Öffentlichkeit herzustellen. Beim Presseamt der Oldenburger Stadtverwaltung sind drei Journalisten beschäftigt, ein Sekretär, sie haben ihr eigenes Fotoarchiv, ihre Technik und sind selbstverständlich voll ausgerüstet mit Computern. Worin besteht nun Ihrer Auffassung nach die Hauptfunktion des Presseamtes? Nein, nicht darin, gegen die Decke zu starren, sondern so ausführlich wie möglich jedem (wirklich jedem) Journalisten auf jede (wirklich jede) Frage zu antworten, sobald er sie stellt (beachten Sie: sobald er sie stellt). Und hierfür sammeln sie täglich (ich wiederhole: täglich) Informationen bei allen städtischen Verwaltungsstellen über alle potentiell (noch einmal: potentiell) interessanten Fragen. Darüber hinaus organisieren sie regelmäßige Pressekonferenzen und produzieren Werbematerialien für die Stadt.
Als wir in Oldenburg über unsere zukünftigen Kontakte sprachen, berichteten wir, daß in Machatschkala ein neuer, sehr engagierter Bürgermeister ins Amt gekommen war, was sich günstig auf unsere zukünftigen Beziehungen auszuwirken verspreche. Schön wär's, wurde uns entgegnet, aber warten wir ab. Aber, fügten die Deutschen hinzu, wenn man bei euch schon demokratisch um die Macht kämpft (und hier war zaghafte Hoffnung zu hören), wird es denn nicht bald möglich sein, ohne Bomben auszukommen? Sicher ist das möglich, stimmten wir gerne, aber zweifelnd zu: wir sind doch alle Europäer. Und stellen Sie sich vor, die Deutschen waren mit dieser These einverstanden.