ÜBERSETZUNG: INGRID MÜLLER
Ich kann mich nicht erinnern, daß auch nur ein westlicher Beamter einmal verweigert hatte, mir Auskunft zu geben. Egal, ob ich ihn anrief oder persönlich mit ihm gesprochen habe, ob ich Journalistin bin oder einfach ein Gast aus Rußland. Das Ergebnis war immer dasselbe: geduldig wurden meine Fragen beantwortet, wenn nötig, wurde ich zurückgerufen, zusätzliche Unterlagen bekam ich gefaxt. Woher kommt solcher Eifer? Vielleicht daher, daß die Rede-, Presse- und Informationsfreiheit für wirklich alle dort nicht nur ein gesetzlich verankerter Begriff ist, sondern ein Selbstverständnis des täglichen Lebens...
Offenheit ist gut für das Image
Den Satz "Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten, und ich weiß auch nicht, an wen Sie sich wenden sollten", den man bei uns so oft bei verschiedensten Institutionen hört, ist im Westen Nonsens. So eine Aussage spricht entweder von der Inkompetenz des Mitarbeiters oder dafür, daß ihm grundlegende Gesetze nicht vertraut sind, was in einer soliden Organisation nicht zulässig ist. Transparenz und die Bereitschaft, jederzeit die nötigen Auskünfte zu geben, sind dem Image zuträglich und stärken außerdem das Vertrauen der Leute.
Wer soll das verste- hen, wenn nicht die Journalisten? Wahrscheinlich deshalb empfängt der Verlag der "Rheinischen Post" in Düsseldorf, eines der größten Verlagshäuser Deutschlands, jeden Abend ein paar Dutzend Besucher, die sich mit dem Produktionsprozeß der Zeitung vertraut machen möchten.
Vom Papier zur Zeitung
Am Anfang zeigt man den Gästen - die Kantine des Druckhauses. Während sich die Besucher kostenlos mit Lachsbrötchen und Fruchtsäften stärken, läuft ein Videofilm über das Verlagshaus und die Zeitung.
Die erste Ausgabe der Rheinischen Post erschien weniger als ein Jahr nach dem Zusammenbruch des Faschis-mus in Europa, am 1. März 1946.
Heute liegt die tägliche Auflage bei 400.000, gelesen wird die Zeitung von einer Million Menschen. Für sie arbeiten 2.000 Mitarbeiter des Verlags und 1.000 fest angestellte und freie Journalisten. Aber nur ein Teil von ihnen arbeitet direkt in Düsseldorf; die anderen arbeiten in den Geschäftsstellen in verschiedenen Städten der Region und sogar im Ausland.
Für die Produktion jeder Ausgabe werden 80 Tonnen hochwertiges Papier benötigt, das zu 70 % aus Altpapier besteht.
Kommunikation zur Blattoptimierung
Nach dieser massiven Informationsattacke be-ginnen die Gäste, Fragen zu stellen. Die Mitarbeiter der Zeitung müssen Rede und Antwort stehen: Warum etwa so eine kleine Schrift verwendet würde ("Wirklich, ein bißchen vergrößern könnte man sie."), warum manche Abonnenten die Zeitung nicht - wie vorgesehen - vor 6.30 Uhr morgens erhalten, sondern erst später ("Wir werden das mit unseren Zeitungsträgern klären!") oder wie hoch der Gewinn der Zeitung sei ("Im vergangenen Jahr 40 Millionen. Mark").
Auf die Dienste jener Zustellfirmen, die die Zeitung mit Verspätung ausliefern, kann die Rheinische Post ohne Mühen und Bedauern verzichten - ihren Platz nehmen sofort Konkurrenten mit besserer Disziplin ein.
Eine Zeitung - mehrere Aufmacher
Die eigentliche Führung durch die Druckerei beginnt gegen 23 Uhr - genau um diese Zeit wird mit voller Leistung gedruckt. Man kann sich nur noch wundern, mit welcher Geduld die Angestellten des Verlags die Besucher ertragen, die überall ihre Nase hineinstecken und ihnen buchstäblich vor den Füßen herumlaufen. Und noch dazu erzählt jeder der Fachleute bereitwillig von seinem Teil des Arbeitsablaufes. Die Gäste werden Zeugen davon, wie sich direkt vor ihren Augen die Zeitung verändert: die Ausgaben, die vor 23 Uhr gedruckt wurden, hatten auf der Titelseite einen Bericht über lokalpolitische Ereignisse, und 15 Minuten später wurde der Bericht schon gegen eine Sportreportage über das jüngste Fußballspiel ausgetauscht. Und als Souvenir erhalten die Gäste ein druckfrisches, noch feuchtes Exemplar der morgigen Zeitung.