Das Glück eines Deutschen widersteht dem bösen Blick

von Natalja Emeljanowa (Sewernii rabotschi 2000)

ÜBERSETZER: HARRY WÖTZEL

   Weil es den Begriff "sglazit" (durch den bösen Blick behexen) in Deutschland nicht gibt

   Küssen wir uns?

   Das erste, was in Deutschland auffällt, ist die allgemeine Höflichkeit untereinander, die sehr wohlwollende Beziehungen, also die entwickelte Umgangskultur.
Einmal lief ich zusammen mit einer Frau mittleren Alters zu einer Haltestelle, wo fünfzehn ihrer KollegInnen auf den Bus warteten. Sie nickte nicht einfach allen zu, sondern trat an jeden (!) heran und gab jedem die Hand.
- Stellen Sie sich vor, bei denen geben sich sogar Frauen zur Begrüßung die Hand! - tuschelten mir russische Frauen, die auch zum ersten Mal in Deutschland waren, anscheinend entrüstet zu. Offenbar erinnerte sie dieses Händedrücken an Relikte der kommunistischen Vergangenheit. Mir indes erscheint es jetzt vollkommen natürlich, sich bei einer Begegnung zu küssen und sich zum Abschied die Hand zu drücken.
...Wie ein Mädchen, das für Augenblicke an geographischer Orientierungslosigkeit leidet, stand ich auf einer Emdener Straße, studierte den Stadtplan und überlegte, auf welcher Seite sich das von mir gesuchte Museum befand. An mir vorbei fuhr ein sportlich erscheinender Deutscher auf einem Fahrrad. Und augenblicklich setzte er zurück:
- Kann ich irgendwie helfen? Er geleitete mich zu der Straße, wo ich hin wollte.
Deshalb ist es für einen Deutschen sehr ärgerlich, wenn er in Moskau nach dem Weg fragt und die Leute gleichgültig vorbeigehen.
Eine gute Stimmung gilt bei uns eher als Anomalie denn als Regel. Neulich traf ich auf der Straße eine Bekannte, die über jede Kleinigkeit lachte und offenbar bei bester Laune war.
- Warum ist sie so ausgelassen? Wahrscheinlich hat sie getrunken - folgerte mein Begleiter, nachdem wir uns von ihr verabschiedet hatten.
Ja, und in Deutschland ist es geradezu anstößig, schlechte Laune zu zeigen.

   Das Hakenkreuz- ein Tabu

   Faschismus, in jeder seiner Erscheinungsformen, verfolgt man in Deutschland äußerst wachsamen Auges. Er ist sehr unpopulär in diesem Land.
In Berlin unterhielten ich mich mit einem jungen Deutschen (er ist 24 Jahre alt), der ein Jahr in Russland gelebt hat.- Ich würde niemals ein Hakenkreuz malen können - erzählte er mir.
- Ich könnte das einfach nicht tun, das ist ein Tabu. - Und es war ihm unverständlich, ein Bild wie dieses in Russland zu beobachten: auf einem Hof veranstalteten Kinder eine Schneeballschlacht; die einen hatten eine kleine russische Fahne und die anderen eine mit Hakenkreuz.
Einmal kam er als Gast zu einer wunderbaren russischen Familie. Der Abend war im vollen Gange, als der alte Großvater sich plötzlich erinnerte, dass er für den Gast eine Überraschung bereit hat. Er stieg auf den Dachboden hinauf, der Staub brachte ihn zum niesen. Zuerst hörte man ein Quietschen, dann ertönte von einer Schallplatte die Klänge eines alten faschistischen Marsches. - Es war mir sehr unangenehm, das zu hören. Aber der Großvater war zufrieden in der Annahme, er habe seinen deutschen Gast bis in die Tiefe der Seele erfreut.-
... Ich sprach mit einem Politiker aus der kleinen deutschen Stadt Emden. Er erzählte, dass er früher am Bau von Unterseebooten beteiligt war. Doch dann wurde ihm bewusst, wie falsch, ja unmoralisch es ist, Waffen herzustellen, und er wechselte die Arbeit.
Ich weiß nicht, inwieweit dieser Herr aufrichtig mir gegenüber war, aber trotzdem...

   Wie ein Deutscher Heu fraß

   Die Deutschen sind nich abergläubig. Darauf bin ich gestoßen, als ich mich bemühte, eine Übersetzung für das Wort "sglazit" zu finden. Es stellte sich heraus, dass es in der deutschen Sprache den Ausdruck "vom bösen Blick" zwar gibt, dieser aber Buchstil ist und im Gespräch nicht verwendet wird. Es gibt solche Wörter nicht, weil sie einfach keine Entsprechung in der Realität haben.
- Nicht pfeifen, - so habe ich mechanisch mehr als einmal einen lustig pfeifenden Deutschen unterbrochen. - Ihnen wird das Geld ausgehen. - Wieso? - blickten man mich erstaunt an und wurde sich nicht klar darüber, was für ein Zusammenhang zwischen dem Pfeifen und einer leeren Geldbörse besteht.
Der gleiche junge Deutsche, der lange in Russland gelebt hat, bestätigte meine Mutmaßungen, dass die Deutschen unsere abergläubischen Gewohnheiten nicht verstehen: sagen wir, über die linke Schulter spucken oder nicht an der Tischecke sitzen...
Einmal war er in einem kleinen russischen Dorf. Er weilte bei einer Familie, die eine Wirtschaft unterhielt. Er erfuhr, dass sie sogar eine Kuh besaßen, und bat, sie sehen zu dürfen: als ausgesprochener Stadtmensch hatte er noch nie eine Kuh gesehen. Die Hausherrin blickte den Gast verwundert an, entsprach aber seiner Bitte und führte ihn in den Stall. Er konnte noch keinen Gedanken fassen, da hatte sie ihm schon ein Büschel Heu in den Mund gesteckt.
- Und ich stehe mit dem trockenen Gras im Mund und überlege, warum sie das getan hat. Die erste verständige Erklärung, die mir in den Kopf kommt, ist: die Hausherrin wollte, dass ich verstehe, was es für die Kuh bedeutet, jeden Tag dieses Gras zu fressen! Und dass wir mit den Tieren schneller eine gemeinsame Sprache finden. Danach hat man mir es schon erklärt. Das ist, damit ich sie nicht mit dem bösen Blick behexe. Obgleich wenn, was Gott verhüte, etwas mit der Kuh passieren sollte, ich sowieso schuldig bin, egal ob ich sie vorher gelobt oder beschimpft habe.
Andererseits sind aber diese unseren abergläubischen Gewohnheiten für Deutsche sehr anziehend: aus ihnen weht der Geist der Vorfahren entgegen.

   Mit Zwergen im Garten

   In deutschen Kleinstädten ist der Garten Lieblingskind und besonderer Stolz der Hausherren. Hier verbringen viele Deutsche ihre ganze Freizeit. Wie liebevoll sie ihren Garten bestellen und die Blumenbeete ausschmücken, für die sie nach Katalogen seltene Samen bestellen! Manche Gärten werden von hunderten von Gartenzwergen bewacht.
An einem windstillen Herbstabend saßen wir in so einem hübschen Gärtchen, das einem Bild aus einer Werbezeitschrift glich. Es dunkelte bereits, und wir schalteten die Gartenlampen an. Die Nachtschmetterlinge flogen zum Licht hin und verbrannten sich die Flügel. Es war gerade die Atmosphäre, die zum Philosophieren anregt.
- Fühlen Sie sich glücklich? -fragte ich überraschend für mich selbst einen weißhaarigen Deutschen, der gemächlich einen Zug Bier zu sich nahm. Er dachte eine Minute nach. Dann sprach er langsam.
- Ich habe eine geliebte Frau, mit der ich schon dreißig Jahre verheiratet bin, gesunde Kinder und meinen Garten. Was soll ich mir noch wünschen? Ich bin glücklich.