Bilder aus Deutschland

Noch eine Portion Reiseeindrücke
von der unlängst unternommen Europafahrt

von NATALJA EMELJANOWA (Sewernii rabotschi Januar 2001)

ÜBERSETZUNG: STEPHANIE HENSCHE

Piercing ist sexy

   In Deutschland besteht nicht ein solcher Kleiderkult, wie bei uns. Die Mode ist dort sehr demokratisch: es wird getragen, was gefällt. Wobei sie sich auch in der Art von unserer unterscheidet. In Deutschland wimmelt es von weit geschnittenen roten Hosen und hohen Plateau-Schuhen. Mit einem alten Jäckchen und zerschlissenen Jeanshosen ins Restaurant zu gehen, ähnelt wiederum unseren Verhältnissen.
Unglaublich modern ist das Piercing. "An allen Orten": in der Nase (übrigens finden Männer, daß ein Nasenring die Frau sehr sexy macht), in der Zunge, am Bauchnabel. Sogar Mitarbeiter seriöser Einrichtungen schmücken sich mit einem kleinen Ring in den Brauen.

Kennen wir wohl Jackson?

   In Deutschland wird die gleiche Musik gehört, wie bei uns (bezogen auf die ausländische). Die ganzen Tage über spielen Unterhaltungssender im Radio das vollkommen "heimische" "It's my life" von Bon Jovi. Die ersten Tage im fremden Land ließen zumindest in einer Hinsicht aufatmen: die Musik ist die gleiche.
Einmal sah ich mit einem jungen deutschen Mann den Musikkanal "Viva", der gerade einen neuen Videoclip von Madonna brachte. Er erklärte mir, mit dem Kopf zum Bildschirm deutend, dieses sei Madonna. Ich hätte beinahe laut gelacht: "Ist mir schon klar". Stutzig erwiderte er meinen Blick: "Und Michael Jackson kennst du auch?" Nach meiner positiven Antwort wurde er erneut nachdenklich. "Und Udo Lindenberg?" Nun denn, im Schaffen der deutschen Stars bin ich nicht so bewandert, aber ich hoffe, damit die Ehre Rußlands nicht beschädigt zu haben. Leider bin ich nicht darauf gekommen, ihm zu kontern: "Und weißt Du, wer Pugatschowa ist? Nicht? So eine Schande!"

"Gras" auf dem Schulhof

   Eine Frau erzählte mir, daß sie in fürchterliche Aufregung geriet, als ihr Sohn sich in die Disko aufmachte: schließlich könnte er dort in die Versuchung kommen, Drogen zu nehmen! Aber als sie ihrem Sohn ihre Befürchtungen mitteilte, beruhigte er sie: wenn er wolle, könne er jederzeit "Gras" in der Schule besorgen.
Dies bestätigte man uns im AIDS- und Drogenberatungszentrum der Stadt Emden. Die Zielsetzung dieser Einrichtung kann man an den Aufklebern in der Toilette ablesen, die eine durchgestrichene Spritze abbilden. Die Organisation bietet Begleitung und Unterstützung bei Problemen, die mit Drogenkonsum und HIV einhergehen: anonyme Beratungen, ambulante Therapien, Unterstützung in Rechtsfragen. Übrigens unterscheidet sich die Arbeit dieser "Drogen-Bekämpfer" von unseren Auffassungen über diese wohltätige Aufgabe. In einem der Räume dieser Organisation versammeln sich wöchentlich Abhängige - zum Teetrinken und Bereden der drängenden Probleme. Die Leiterin des Zentrums, Frau Stehmann, erklärte: "Mein Sohn (er geht in die 10. Klasse) bemüht sich darum, offen mit mir zu reden. Ich weiß, daß er Haschisch schon probiert hat. Wenn ich mit ihm durch die Straßen gehe, dann zeigt er mir die jungen Leute: da, bei dem kann man immer Drogen kaufen, und bei dem auch ... Manchmal bekomme ich mit, wie unsere "Klienten" besprechen, wen sie heute für die nächste Dosis berauben werden, aber ich überhöre es: bei uns herrscht verläßliche Anonymität ..."
Als wir das Gespräch beenden, kommt ein blasses Schulmädchen mit tiefen Augenringen zur Tür herein. Eine Drogensüchtige im Stadium des vierten Konsumjahres. Wir lassen die beiden allein. Es gibt etwas zu besprechen...

"Wir leben in einem freien Land..."

   Öfters habe ich meine deutschen Bekannten um Rat gebeten: was soll ich ins Theater anziehen, wie mich für die Arbeit schminken? Und fast immer erhielt ich die Antwort: mach's doch so, wie du willst. Ehrlich gesagt war mir das am Anfang etwas befremdlich. Ich fing an nachzudenken: was will ich denn eigentlich wirklich? Wir sind daran gewohnt, zu handeln, wie es gefordert ist. Aber danach zu handeln, was man will ...
Und "dort" wird dies schon im Kindergarten gelernt. In Deutschland kommt es nicht vor, daß alle Kinder gleichzeitig malen, danach singen und sich dann gemeinsam schlafen legen. Was denn, wenn ein Kind nicht schlafen will?!
Folgendes ist jedoch interessant: bei allen ist hier dennoch das Verantwortungsgefühl sehr entwickelt! Jeder wählt seinen Weg, ist aber auch für sich selber verantwortlich. Ohne Einschränkung (das betrifft auch die Drogensüchtigen, obwohl der Staat für deren Rehabilitation sorgt). Das Kind im Kindergarten, das spazierengehen will, zieht sich selber an und hängt ein Schildchen auf: "Ich bin draußen". So wird wahrscheinlich das berühmte deutsche Bewußtsein für Pflicht und Verantwortung herausgebildet. Und ohne dieses kann es keine Freiheit geben.