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Russische Regionalmedien vor der Entscheidung
Von Alexej Pankin, Chefredakteur des Medienjournals "SREDA"
Die russischen Massenmedien sind heute mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Man kann die Situation als "offen" beschreiben, denn sie birgt sowohl Chancen als auch Risiken. Welche Tendenzen sich in der weiteren Entwicklung durchsetzen, wird weitgehend von dem Handlungsvermögen der Medienproduzenten selbst entschieden werden. Die Moskauer Konferenz "Medienindustrie zwischen Staat und Medienproduzenten" erzielte im Jahr 2002 Konsens darüber, dass die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen für Massenmedien in Rußland neu reguliert werden müssen. Dass die Voraussetzung für Unabhängigkeit und demokratische Funktion der Medien deren wirtschaftliche und institutionelle Eigenständigkeit sei - darauf konnte man sich zumindest in der Form einer Deklaration einigen. Die Verwirklichung dieses Ziels allerdings hält noch viel Arbeit bereit. Bereits die Umsetzung der ersten Reformen ließ erkennen, daß weder die Medienproduzenten selbst noch die staatlichen Akteure deutliche Vorstellungen von Zielen und notwendigen Reformschritten haben. Erschwerend wirkt sich der Umstand aus, daß die Medienproduzenten bisher keine intellektuellen Kapazitäten gebündelt haben, die fundierte programmatische Impulse setzen könnten. Noch weniger kommen solche Anstöße aus Sphären jenseits der Medienwelt. Die Reformierung des Medienwesens, ein gesellschaftlich hochgradig bedeutender Prozeß, droht somit zu einem Geschäft einflußreicher Lobbyisten zu geraten, deren zufällige Nähe zur Macht über die Durchsetzung konkreter Entscheidungen bestimmt. Realistisch ist auch die Befürchtung, daß der gesamte Vorgang auf den kulturellen Raum Moskaus beschränkt bleibt, zu dem sich die regionale Presse keinen Zugang verschaffen kann. Sollte die zuletzt genannte Entwicklungsoption Wirklichkeit werden, so sind die Akteure der regionalen Presse selbst verantwortlich zu machen. "Wir wollen nur eines: daß man uns in Ruhe läßt. Wir kümmern uns um unsere Probleme selbst" - eine solche Haltung ist typisch für das Verhältnis der Provinz zur Hauptstadt. "Diskutiert in Moskau, was Ihr wollt", so lässt sich diese Haltung beschreiben, "wir leben nach unseren Regeln." Ein gewisser provinzieller Snobismus als Reaktion auf den Snobismus der Hauptstädter... Moskau kann sich eine snobistische Position leisten: dort ist mindestens 80% des gesamten russischen Reklameumsatzes konzentriert. Der Snobismus der Regionen aber ist selbstschädigend. Der russische Informationsminister Lessin sagte kürzlich in einem Interview mit meiner Zeitschrift "SREDA", daß in Rußland höchstens 10 - 15% der Medienindustrie unter realen Marktbedingungen existiert. Gerade von diesen verspricht er sich eine produktive Kraft für Veränderungen in der russischen Medienlandschaft. Bemisst man die "Marktwirtschaftlichkeit" einer Organisation nach dem Kriterium der Managementkompetenzen und nicht nach dem des Finanzumsatzes, dann dürfte ein Großteil der genannten 15% in den ländlichen Regionen Rußlands angesiedelt sein. Daraus folgt, daß unter sonst gleichen Bedingungen regionale Zeitungsverlage gegenüber denen der großen Städte konkurrenzfähiger wären. Also müßte die regionale Presse der Sache nach besonders daran interessiert sein, das System der Massenmedien in Rußland zu reformieren, und sei es mit dem einzigen Ziel, das schreiende Ungleichgewicht zwischen regionalen und hauptstädtischen Märkten für Medienprodukte abzuschaffen. Die Regionalpresse muß sich eine "Machtposition" in dem gerade begonnenen Reformprozeß sichern. Das allerdings begreifen selbst unter den größeren Verlagen nur wenige, und in ihrer geringen Zahl können sie den Lauf der Dinge nicht beeinflussen. Der Großteil der regionalen Zeitungen ist lediglich daran interessiert, daß ihm keine Störungen von außen zugemutet werden. Wenn sie diese Haltung nicht überdenken, dann wird ihnen auch in Zukunft nichts übrig bleiben, als sich mit den Brotkrümeln der Moskauer Festtafel zu begnügen.
Übersetzung: Stephanie Hensche
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