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Im Januar 2012 führte der DRA mit seinem langjährigen Partner in Saratow, dem Stolypin-Insitiut, eine einwöchige Bildungsreise zu dem Thema „Die Entwicklung eines modernen Bildungssystems am Beispiel Deutschlands – Der Einfluss des Bildungssystems auf die Gesellschaft“ durch. (2011 wurde die PAGS, die Saratower Stolypin-Akademie für den Staatsdienst, im Zuge einer Umstrukturierung in Stolypin-Institut umbenannt.) An dem Programm nahmen 14 Fachkräfte aus Saratow und der näheren Umgebung teil. Die Fachkräfte kamen aus dem Bildungsbereich – Lehrer, Hochschullehrer und Beamte aus dem Bildungs- und Weiterbildungssektor. Der DRA organisierte für die Spezialisten ein breitgefächertes Programm, das sowohl die theoretischen Grundlagen als auch die praktische Umsetzung des Berliner Bildungsprogramms berücksichtigte.

Bei einem Termin in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft erläuterten Steffi Hogan und Carsten Weidner aus dem Referat Familienpolitik, Kindertagesbetreuung und vorschulische Bildung der russischen Delegation die Struktur der Kitas in Berlin und stellten das Berliner Bildungsprogramm und das Sprachlerntagebuch vor. Verwundert zeigte sich die Gruppe unter anderem darüber, dass von den 2.100 Kitas, die es in Berlin gibt, sich ca. 2/3 in freier Trägerschaft befinden – für die russischen Fachkräfte ist es bislang undenkbar, den Erziehungsauftrag gerade im Bereich der Vorschulbildung aus der staatlichen Hand herauszugeben. Erstaunt waren sie auch darüber, dass es erst seit 2006 ein einheitliches Bildungsprogramm für ganz Berlin gibt, welches die pädagogischen Standards sowohl für die in freier Trägerschaft betriebenen als auch die in Hand der Berliner Landesverwaltung liegenden Kitas verbindlich festlegt und unterschiedliche Konzepte der Kitas in Ost- und Westberlin beendet. Ausführlich wurde den russischen Fachkräften das Sprachlerntagebuch vorgestellt, das seit 2006 in allen Berliner Kitas verbindlich ist und dazu dient, den Spracherwerb aller Kinder zu beobachten, dokumentieren und gezielt zu fördern. Weiter erläuterte Frau Hogan das 2007 eingeführte Konzept der flexiblen Schulanfangsphase (SAPh), das ein klassenübergreifendes Lernen der 1. und 2. Klasse vorsieht und in dem die Kinder ein eigenes Lerntempo entwickeln sollen, so dass sie die SAPh in ein, zwei oder drei Jahren durchlaufen können. Auch findet die Einschulung im Regelfall für die Erstklässler mit fünfeinhalb bis sechs Jahren statt, was für die russischen Fachkräfte ein sehr gewöhnungsbedürftiges Konzept war. Allerdings ist die SAPh auch in Berlin für die Schulen nicht verpflichtend und wird von einigen Schulen bereits wieder zurückgenommen, auch viele Eltern seien mit dem Konzept nicht einverstanden, erläuterte Frau Hogan der Gruppe.

Bei einem weiteren Termin in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft erklärte Sabine Geschwandtner der Fachgruppe die Grundzüge der Berliner Bildungsreform von 2010, die eine Ablösung des 3-gliedrigen Schulsystems ab der Klasse 7 durch das heutige 2-gliedrige Schulsystem ab der 7. Klasse bedeutet und das Pilotprojekt der neuen Gemeinschaftsschule beinhaltet. Weiterhin bedeutet die Neugestaltung der Schulformen auch eine Senkung der Klassenstärke in den Gemeinschaftsschulen auf 25 Schüler pro Klasse, in den Gymnasien auf 32 Schüler. Auch sieht die Berliner Schulform ein Sitzenbleiben in der Grundschule und der Integrierten Sekundarschule (ISS) nicht mehr vor, da die Schulen so angelegt sind, dass sie mehr Raum für individuelle Förderung lässt. Alle der neuen Integrierten Sekundarschulen bieten Ganztagsbetrieb an, auch die Gymnasien gehen zunehmend zum Ganztagsbetrieb über. Da auch alle Berliner Grundschulen einen Ganztagsbetrieb anbieten, entweder in Form einer offenen oder einer gebundenen Ganztagsgrundschule, ist bereits eine weitgehend flächendeckende Ganztagsbetreuung von der ersten Klasse bis zum Abitur möglich.

Die russische Delegation erhielt die Möglichkeit, das Berliner Schulsystem exemplarisch an der Neuköllner Fritz-Karsen-Schule (FKS) zu erleben. Robert Giese, der Schulleiter der FKS, stellte der Gruppe die Schule vor, welche die älteste staatliche Gemeinschaftsschule Deutschlands ist und in Berlin die einzige Schule, die, in West-Berlin gelegen, seit ihrer Neugründung 1948 durchgehend als Einheitsschule bestehen blieb. Das System der Einheitsschule wurde 1948 in Berlin auf Beschluss des Magistrats von Groß-Berlin verkündet; die USA und die Sowjetunion favorisierten von Anfang an die Umstrukturierung des deutschen Schulwesens in Anlehnung an das US-amerikanische und sowjetische Modell der Einheitsschule. Allerdings wurde 1951 in West-Berlin die Einheitsschule abgeschafft und das dreigliedrige Schulsystem eingeführt – als einzige Ausnahme blieb die Fritz-Karsen-Schule aufgrund einer Elterninitiative erhalten. Die FKS ist seit 2006 eine Ganztagsschule bis 16 Uhr und hat aktuell 1.200 Schüler, die sie in 13 Jahren zum Abitur führt. Seit 2011 wurde für alle Klassen der 90-Minuten-Block eingeführt, was für die Schüler den Vorteil hat, dass es dadurch am Tag nur vier unterschiedliche Lernblöcke gibt und mehr zusammenhängende Zeit für das Lernen. An dieser Stelle trat besonders stark der Unterschied zwischen dem russischen und dem deutschen Bildungssystem zu Tage, da sich die russischen Fachkräfte, für die der Unterricht nach wie vor sehr frontal orientiert ist, nicht vorstellen konnten, wie man Grundschüler der ersten und zweiten Klasse 90 Minuten lang still halten kann. Die Fritz-Karsen-Schule bietet kein SAPh an, das die Klassen 1 und 2 umfasst, sondern das Jahrgangsübergreifende Lernen (JÜL), das nicht auf bestimmte Jahrgänge begrenzt ist. JÜL wird von der FKS momentan für die Klassen 1-3 angeboten, ab dem Schuljahr 2012/13 soll es auch auf die Klassen 4-6 ausgeweitet werden. Gerade wegen dieser Unterschiede im Schulsystem waren sich die russischen Experten von der FKS sehr beeindruckt, da das Konzept der Einheits-Ganztagsschule dem russischen Schulmodell nahe kommt, und sie diskutierten lebhaft darüber, welche der pädagogischen Methoden auch in Russland anwendbar wären.

Die Gruppe besuchte den TÄKS e.V., einen Berliner Träger der Jugendhilfe, der in verschiedenen Bezirken unter anderem mehrere Kitas und Schülerhorts betreut. Nach einer allgemeinen Vorstellung der Struktur des TÄKS und seiner Arbeit erläuterte Petra Banken, die Leiterin des vom TÄKS betriebenen Schöneberger Kinderladens „Inselkinder“, wo ca. 30 Kinder ab drei Jahren bis zur Einschulung betreut werden, der russischen Gruppe speziell die Vorschulpädagogik im letzten Kita-Jahr. Dabei ging es zum einen um die zu vermittelnden Inhalte als auch um die Methodik. Weniger in den methodischen Ansätzen als vielmehr in den Inhalten wurden die Unterschiede in der Vorschulpädagogik zu Russland sichtbar: Während es in den russischen Einrichtungen erklärtes Ziel ist, dass die Kinder beim Eintritt in die Grundschule bereits in Grundzügen lesen und schreiben können, wird hier dieser Ansatz bewusst vermieden. Der TÄKS legt bei seiner Arbeit Wert auf die Sprachentwicklung, fördert gezielt das Selbstbewusstsein und das Sozialverhalten der Kinder und erleichtert durch eine direkte Zusammenarbeit mit Grundschulen den Übergang aus dem Kindergarten in die Schule. Im Anschluss an das Gespräch zeigte Lysann Hartert, die bei den „Inselkindern“ für die Vorschulpädagogik verantwortlich ist, die Einrichtung, sodass die russische Fachgruppe sich vor Ort ein Bild von den Räumlichkeiten und der Umsetzung der Erziehungskonzepte machen konnte. Die russischen Spezialisten waren von der kompetenten vorschulpädagogischen Arbeit sehr beeindruckt und lobten das Konzept, wie durch die bewusste Förderung der Sozialkompetenzen bei den Kindern der Übergang in das Schulsystem vorbereitet wird.

Bei einem Besuch der Stadt Müncheberg in der Märkischen Schweiz, ca. 60 Kilometer östlich von Berlin gelegen, wurde die russische Delegation von der Bürgermeisterin Uta Barkusky und Wolfgang Schmechel, dem Fachbereichsleiter Zentrale Dienste, empfangen. Dabei erhielt die Gruppe die Möglichkeit, sich ein Bild über die Unterschiede im Bildungssystem zwischen Berlin als Großstadt und Bundesland und Müncheberg als ländlich strukturierte Gemeinde im Bundesland Brandenburg zu machen. Außerdem erfuhren sie über die Schwierigkeiten der Schulen im ländlichen Raum, wo das Einzugsgebiet gerade für die weiterführenden Schulen relativ groß ist und den sich daraus ergebenden Beförderungsverpflichtungen der Gemeinden. Hier stellten einige der russischen Teilnehmer, die nicht aus der Stadt Saratow selbst, sondern dem weitflächigen Saratower Gebiet kommen, viele Berührungspunkte fest. Im Anschluss an das Gespräch besuchte die Delegation die Müncheberger Grundschule, wo sie von der Schulleiterin Angela Grenz empfangen wurden. Nach einer Besichtigung der Schule hatten die Fachkräfte die Möglichkeit, sich in einem Gespräch mit Frau Grenz und einigen Lehrkräften über das pädagogische Konzept der Schule zu unterhalten, und waren von der hervorragenden Arbeit ihrer deutschen Kollegen sehr angetan.
Über die Struktur der Universitäten und Hochschulen in Deutschland wurde die russische Fachgruppe bei einem Besuch der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) von Herrn Professor Dr. Heinrich Bücker-Gärtner, dem Prodekan des Fachbereichs Allgemeine Verwaltung, informiert. In einem sehr interessanten Vortrag gab Herr Bücker-Gärtner den russischen Gästen einen anschaulichen Überblick über das Universitäts- und Hochschulsystem in Deutschland im Allgemeinen sowie in Berlin im Speziellen. Anschließend stellte er die Arbeit der HWR vor und erläuterte, wie die Studierenden einiger Fachbereiche in einem engen, praxisorientierten Bezug zu wirtschaftlichen Unternehmen oder der Verwaltung stehen, was den Absolventen einen sehr guten Start auf dem Arbeitsmarkt gewährleistet.

Beim gemeinnützigen Verein „Arbeitskreis Orientierungshilfe und Bildungshilfe e.V.“ (AOB) wurde den russischen Fachkräften von der Geschäftsführerin Ute Jaehn-Niesert und der Mitarbeiterin Margret Müller ein Einblick in die Arbeit gegeben. AOB beschäftigt sich mit der Alphabetisierung deutschsprachiger Jugendlicher und Erwachsener mit Lese- und Rechtschreibproblemen, hilft ihnen beim Erwerb der Schriftsprachkompetenz und bietet ihnen dadurch einen Ausweg aus den mit Analphabetismus verbundenen sozialen und psychischen Problemen. Die russische Gruppe zeigte sich entsetzt über die offiziellen Zahlen der Analphabeten-Quote in Deutschland, die, je nachdem, wie der Begriff funktionaler Analphabetismus definiert wird, zwischen 7,5% und 14% der Bevölkerung liegt. Frau Jaehn-Niesert und Frau Müller machten deutlich, wie wichtig es ist, dem Analphabetismus entgegen zu wirken, da er die Betroffenen sehr stark stigmatisiert und sie in den meisten Fällen in eine soziale Randposition abrutschen. Die russischen Teilnehmer würdigten die Arbeit der Einrichtung und meinten, dass ein ähnlich offener Umgang mit diesem Thema in Russland sicherlich ebenfalls sehr wichtig sei.
Die russische Fachgruppe erhielt im Rahmen einer Besichtigung des Abgeordnetenhauses von Berlin, dem Berliner Landtag, die Möglichkeit zu einem Gespräch mit verschiedenen Abgeordneten über das Thema Bildungspolitik. An dem Gespräch beteiligten sich neben der russischen Fachgruppe Fabio Reinhardt von der Piratenpartei und Mitglied im Innen- und Integrationsausschuss; Martin Delius von der Piratenpartei und bildungspolitischer Sprecher; Hildegard Bentele von der CDU, bildungspolitische und europapolitische Sprecherin sowie Dr. Susanna Kahlefeld von den Grünen, Sprecherin für Partizipation und Gleichbehandlung von MigrantInnen und Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. Die Abgeordneten gaben der russischen Fachgruppe jeweils einen Überblick über ihre Tätigkeit, erläuterten die Schwerpunkte ihrer Arbeit und legten ihren Standpunkt der aktuellen bildungspolitischen Situation der Schulbildung in Berlin dar.
Selbstverständlich wurde der russischen Gruppe neben den Arbeitstreffen auch noch die Gelegenheit gegeben, Berlin auch von seiner historischen und touristischen Seite aus kennenzulernen. Neben der Führung durch das Berliner Abgeordnetenhaus erhielten die Teilnehmer eine Führung durch das Reichstagsgebäude und eine zweistündige russischsprachige Exkursion durch Berlin, wo ihnen die Stadt mit all ihren Facetten nahe gebracht wurde.
Und zu guter Letzt kam auch die Berliner Küche nicht zu kurz.
Nach einer Woche hatten die russischen Fachkräfte ein abgerundetes Bild über das Berliner Schulbildungssystem und konnten die theoretischen Grundlagen mit der Umsetzung der Richtlinien in verschiedenen Bildungseinrichtungen vergleichen. In der Auswertung äußerten sie sich sehr angetan über die reichhaltige Woche und das intensive und informative Programm. Sie nahmen viele neue Eindrücke mit nach Hause, einige Denkanstöße für die eigene Arbeit und Impulse, das eine oder andere Konzept bei sich auszuprobieren.
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AKTUELLER INFOBRIEF
 - Co-organizer Deutsch-Russischer Austausch mit Unterstützung EU-Russia Civil Society Forum
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