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1. März 2012
Texte zur Zeit: "Der Brutreaktor" - DRA macht Artikel zum Wandel in Russland zugänglichAuch wenn bei den russischen Präsidentenwahlen am 4. März 2012 Vladimir Putin das Amt umstandslos erneut übernehmen wird, ist die Bevölkerung in Bewegung und wird sich um eine Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse bemühen. Immer wieder entstehen dabei Texte - in Zeitungen, Internetmedien, Blogs usw. -, die Zustand und Perspektiven aufschlussreich beschreiben. In unregelmäßigem Abstand wird der DRA solche Beiträge künftig übersetzen und dem Publikum in Deutschland zugänglich machen. Den Auftakt bildet der Artikel "Der Brutreaktor" der bekannten Moskauer Publizistin Julia Latynina, der am 24. Februar auf www.Gazeta.ru erschienen ist. Für die Übersetzung danken wir sehr herzlich Anna Davidian (Hamburg)."Der Brutreaktor"Julia Latynina, Gazeta.ru, 24.2.2012 Weissagungen sind eine undankbare Sache, ich versuche es aber. Ich glaube, dass es zwei Hauptergebnisse unserer noch nicht stattgefundenen Revolution und der bereits stattgefundenen Wahl von Präsident Putin gibt. Erstens wird Putin keine lebenslange Präsidentschaft erlangen. Zweitens wird ihm gewiss der Sieg am 4. März im ersten Wahlgang zuerkannt, es wird tatsächlich keine Revolution geben, doch noch einen großen Protest und eine nicht gerade kleine Schlägerei, und nach der misslungenen Revolution kommt die Zeit der Reaktion. Die Macht wird sich für ihren Schreck rächen. Sie rächt sich schon. Der derzeitigen Macht steht eine Vielzahl systemischer Faktoren zur Seite, von denen der Ölpreis beileibe nicht der Wichtigste ist. Der wichtigste ist die Ordnung der modernen Welt an sich, in der keine Trennlinie zwischen dem Totalitarismus und der Freiheit mehr besteht, sondern ein großer Fluss der freien Wirtschaft, in den zu jeder Zeit jedes beliebige Land, ob groß oder klein, ob China oder Georgien, hineinsteigen kann. Und es gibt abgestandene Sümpfe, Parasitenländer, in denen die Elite davon lebt, dass sie die Ressourcen verkauft und alles andere einkauft. In Venezuela verkauft man zum Beispiel das Erdöl und kauft alles andere. Im Kongo verkauft man Tantalerz und kauft alles andere. Gewöhnlich erklärt die Elite dem Volk, dass die verfluchten Feinde (der Westen, die USA, multinationale Unternehmen) ihm die Lebenssäfte aussaugen würden, aber die Sache verhält sich genau umgekehrt. Wenn im Kongo Tantal (das für Elektrogeräte benötigt wird) ausgehen würde, würden multinationale Unternehmen es anderswo kaufen. Doch wenn die Elektrogeräte verschwänden, hätten die kongolesischen Kannibalen keinen Absatzmarkt. Im Unterschied zu totalitären Ländern, die die freie Welt erobern wollen, planen Parasitenländer nicht, sie zu erobern. Wenn sie die freie Welt erobern würden, wo würden sie IPhones kaufen? Die Parasitenländer sind für niemanden gefährlich außer für die eigenen Bürger. Der Westen bevorzugt es, mit ihnen Vereinbarungen zu treffen und sich mit ihnen nicht zu bekriegen; es fällt schwer, ihn deswegen zu beschuldigen: Jeder soll sich um seine eigenen Bürger sorgen und nicht um fremde. Ein weiterer Faktor, der zur Stabilität des Regimes beiträgt, ist die Abwesenheit von Kriegen. Im 17./18. Jh. endeten uneffektive Regierungen durch Eroberung von außen. Oder die regierende (d.h. militärische) Elite schlug einem uneffektiven Herrscher die Tabakdose gegen die Schläfe, getrieben vor allem von einem Selbsterhaltungsinstinkt, da unter einem uneffektiven Herrscher Krieg zu führen ein aussichtsloses Unterfangen war. Heutzutage droht uneffektiven Herrschern nichts. Drittens wussten beliebige Reformatoren in einem asiatischen Land vor einem Jahrhundert noch genau, was sie wollen: den Markt und den Fortschritt. Doch was für ein Ideal gibt es jetzt? Einen „Welfare State“ wie in Europa zu errichten? So viel Kohle gibt es nicht. Eine echte Wahl durchzuführen? Na und? Die Mehrheit in Bolivien steht hinter Moralessa, in Iran — hinter Achmadinedschad, in Russland – hinter Putin. Eine bürgerliche Revolution kann in einem Land, in dem es kein Bürgertum gibt, nicht gelingen, und in Russland gibt es zwar ein Bürgertum, wie es das auch in Syrien gibt, in absoluten Zahlen ist es sogar ziemlich groß, aber prozentual ist sein Anteil klein, und das ist eine ganz bewusste Politik. Wozu braucht ein Staat jenen, der selbst verdient? Eine viel besserer Rückhalt der Stabilität ist ein Empfänger von Schulterstücken oder Almosen. Wie viele kommen auf den Bolotnaja-Platz? 200.000? Selbst wenn 300.000. hingehen würden oder 500.000 - im heutigen Russland gibt es 1,6 Mio. Beamte und 6,3 Mio. erwachsene Männer, die im Prinzip nicht arbeiten wollen. Die Macht hat gerade deswegen den Wettbewerb „Wer bringt mehr Demonstranten auf die Straße“ gewonnen, und man soll sich nicht einbilden, dass ein Arbeiter aus dem Ural, der etwa kostenlos per Agitationszug nach Moskau gefahren wird, darüber vor Wut kochen würde. Nichts ist dem Menschen so eigen wie die Selbstrechtfertigung. Warum bin ich hergefahren? Ja, weil „wenn nicht Er, wer denn dann?“ Und außerdem gelangt man so kostenlos nach Moskau. Bedeutet dies, dass sich das Land auf ewig teilt in ein „europäisches Russland“, das Englisch spricht, sich auf Malediven erholt und seine Kinder zum Studium nach London schickt, und in „das Volk“, das gegen die verfluchten Amerikaner ist und überhaupt: „Wenn nicht Er, wer denn dann“? Ich glaube nicht. Der Prozess der Verwesung ist nicht aufzuhalten, und das Hauptproblem des Regimes besteht darin, dass dabei zu viele Menschen physisch verkrüppelt werden. Es wird getötet, es werden Wohnungen weggenommen, auf den Straßen werden Leute totgefahren, und ein „Vertreter des Volkes“, der etwa von Gaunern aus seiner Wohnung verdrängt wird und dem später beim Versuch, sich zu beschweren, der Kopf eingeschlagen wird, beginnt, das Regime zu hassen. Das bedeutet nicht, dass er endlich gedankliche Klarheit erlangt hat. Es bedeutet, dass er beginnt, von Putin zu denken, was er früher vom State Departement gedacht hatte. Dann werden auf der Straße auf einmal nicht jene 200.000 stehen, die Joanne Rowling gelesen haben und auf Plakaten „Zauberer Tschurow – nach Askaban“ schreiben, sondern jene, die überhaupt nie Leser waren und es auch nicht werden. Die aber genau wissen, weil es gestern ein Kumpel beim Bierchen gesagt hat, dass der da, der unser Oberhaupt ist, ein Agent der USA ist oder Chinas oder ein Feind Allahs oder ein Feind der Russen — also, alles in allem, kurz gesagt, er frisst Kinder und seine Ohren sind hinter dem Nacken zusammengewachsen. Der Wachstumsprozess hin zu dieser „beleidigten Mehrheit“ ist (wie in Ägypten oder Syrien) ist, fürchte ich, hinsichtlich seiner Konstruktionsbesonderheiten ähnlich dem Umwandlungsprozess von Kernbrennstoff im Brutreaktor. Seine Folgen sind, wie auch in Ägypten oder Syrien, wenig erquicklich. Übersetzung aus dem Russischen: Anna Davidian Quelle (russisch): http://www.gazeta.ru/column/latynina/4011269.shtml |
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