--- ---
10. April 2007

Deutsch-Russische Journalistenbegegnung und Podiumsdiskussion in Berlin

 

Vom 1. bis zum 6. April 2007 fand in Berlin der erste Teil eines deutsch-russischen Journalistentreffens statt.

Vier russische und fünf deutsche Reporter renommierter Zeitungen und Radiosender wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Berliner Zeitung, des Kommersant und der Sender Echo Moskvy und Deutschlandradio trafen in Berlin zusammen, um sich über die Möglichkeiten und Wege der Berichterstattung in beiden Ländern auszutauschen. Auch Besuche im Auswärtigen Amt, im Bundestag und beim Ballettintendanten des Berliner Staatsballetts, Vladimir Malakhov, standen auf dem Programm. Auf einer öffentlichen Podiumsdiskussion in der Heinrich-Böll-Stiftung debattierten die Journalisten unter Moderation von Stefan Melle, Geschäftsführer des DRA, über das Bild von Russland in den deutschen Medien. Vom 17. bis zum 22. April folgt der zweite Teil der Begegnung in St. Petersburg im Rahmen der dort stattfindenden Deutschen Woche. Finanziell ermöglicht wurde das Programm durch das Deutsche Generalkonsulat St. Petersburg.

 

 

[F|Russian Code - Annäherungen in St. Petersburg]

 

(Bericht von Peter Riesbeck, Berliner Zeitung)

 

Mitunter ist alles nur eine Summe von Missverständnissen. Ich hatte ja keine Ahnung vom russischen Code. Ich kannte ja nicht einmal das Original. „Indian Code“, so nennen russische Softwareentwickler jene umständlich-langen Programmierzeilen, mit denen ihre Kollegen in Banglaore die Computer der Welt füttern. So jedenfalls hat es mir Alex erklärt. Ich traf ihn auf einer Rolltreppe in der Metro, ich war auf dem Weg zu einer Softwarefirma in Petersburgs Norden, und er sagte, er könne mich bringen. Alex war Softwareentwickler, und er wusste viel, über die Stadt, über ihre Menschen. Und ich versuchte bald, ihren besonderen Code zu begreifen. Vom russischen Code hatte er nie gesprochen. Aber ich begann ihn, in den folgenden Tagen zu verstehen.

 

Alexeij Jetmanow etwa ist Gewerkschafter bei Ford. Er gehört zu den neuen Petrograder Arbeiterführern. Ihre Vertreter wirken bei Heineken und Coca-Cola. Doch längst sind sie nicht nur in westlichen Firmen aktiv. Sie wirken Hafen und nun auch bei der Kaffeerösterei „Newskije Porogie“. „Wir wissen, dass sich vor der Wahl viele Parteien um uns bemühen“, sagt Jetmanow. „Aber uns geht es um höhere Löhne und mehr Arbeitssicherheit.“ Merkwürdig, dieser russische Code. Als, ob das nicht extrem politisch wäre.

 

Der russische Code trägt mitunter einen weißen Kittel. Im psychologisch-neurologischen Institut Peterhof etwa, spricht ein Oberarzt. Er sagt, dass seine Klinik natürlich viel zu groß sei, sie müsse dreigeteilt werden - in Psychatrie, Altenheim und ein Behindertenheim. Als Erstes müssten natürlich die Ärzte ihre weißen Statuskittel ablegen, sagt der Mediziner. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, in Weiß. Der russische Code ist mitunter leicht zu durchschauen. Zwei Etagen höher ist er sehr freundlich. Ein netter Mediziner begrüßt mich. Er ist ein Mann der Tat. In seiner Station werden die behinderten Jugendlichen nicht nur verwahrt, mit ihnen wird gearbeitet. Sie malen, basteln, treiben Sport. Die Kinder freuen sich. Der Arzt ist stolz. Er trägt seinen weißen Kittel. Aber manchmal, so beteuert er, lege er ihn ab.

 

Der russische Code wächst langsam. Der russische Code denkt mitunter in alten Kategorien. Auf der Stadtverwaltung empfängt uns der Vize-Chef des Investitionskomitees. Er denkt in erstaunlich großen Dimensionen. Ford, Nissan, Toyota. „Unter einem Investitionsvolumen von 100 Millionen Dollar betrachten wir es nicht als interessantes Projekt“, sagt der Vize-Chef. Der russische Code vergisst gelegentlich die Basis. Der russische Code denkt nicht asiatisch. Und er ist mitunter sonderbar.

 

In Frankfurt/Oder sagen sie, hinter der Grenze beginnt Asien. In Bialystok behaupten sie, dahinter liege Asien. Nun im Marinskij-Theater spricht der Intendant über die Ballettschulen von St. Petersburg und Moskau. Sein schlagendes Argument für die Newa. „Moskau ist eine asiatische Stadt.“ Man muss als Berliner schmunzeln mit diesen asiatischen Brüdern. Hat nicht Konrad Adenauer einst gesagt, bei Magdeburg beginne die asiatische Steppe.

 

Der russische Code ist nicht immer leicht zu durchschauen. Der russische Code hält mitunter wenig von Neuerungen. Das Marinskij gibt an diesem Abend Forsythe. Die Stücke stammen aus den 80er-Jahren. Das Publikum findet sie dennoch zu neu. Es sucht den Szenenapplaus, doch dafür bietet die Inszenierung keinen Raum. In der ersten Pause wird artig geklatscht, dann verlässt der Herr auf dem Nebenstuhl seinen Platz.

 

Der russische Code ist mitunter traditionell. Der russische Code ist diffus. Nicht für die Tagesschau. Die erklärt uns in vierzig Sekunden, in Petersburg „ging die Opposition“ auf die Straße. Doch wer sich umschaut in Petersburg wird sie nicht finden, d i e Opposition. Es sind Oppositionen. Sie marschieren mal gemeinsam, mal getrennt.

 

Das Ergebnis des russischen Code ist offen. Der russische Code lebt von gesellschaftlichen Spannungen. Die Kontroversen nach dem Zerfall eines Imperiums, so scheint es, erzeugen Kreativität. Es gibt eine schmale kulturelle Elite. Fast so wie im Wien der 20er-Jahre. Der russische Code ist ein bisschen habsburgisch. Der russische Code ist ein geheimes Zeichen. Nur wenige verstehen ihn. Sie sind zwischen zwanzig und Ende dreißig. Auf dem SKIF-Festival nicken sie sich vielsagend zu. Der russische Code ist ein feiner post-ideologischer Schalkreis.

 

Der russische Code hat auch Humor. „Hast Du den Weg zurückgefunden?“, fragt eine nette SMS. Ich habe keine Ahnung wer sie geschickt hat. Aber ich will unnötig lustig sein. „Ein Nepper hat versucht mich zu verschleppen.“ Die Antwort kam prompt. „Ich bin kein Nepp. Ich bin Alex, Softwaredevelopper.“ Der russische Code stellt einen bloß. Der russische Code ist nicht nachträglich. Ich schicke eine E-Mail. E steht für Entschuldigung. Ich versuche zu erklären, und halte als Antwort zurück. „Ich hätte dir sagen sollen, dass ich Deutsch spreche.“ Dann berichtet er eine kleine Geschichte aus der Ermitage. Von einer deutschen Besuchergruppe Ü55 und Alex’ Freundin, die auf Englisch ruft: „There are our walltets.“ Die Gruppe fasst verstört ans Portmonee in der Gesäßtasche. Sie lässt sie nicht mehr los. Mitunter ist alles eine Summe von Verständnissen.

Peter Riesbeck

 


DRA-Newsletter

AKTUELLER INFOBRIEF

Co-organizer Deutsch-Russischer Austausch mit Unterstützung EU-Russia Civil Society Forum